Atlas der Gehirnaktivität nach Kriya Yoga


Wenn das Gehirn arbeitet, kommunizieren Milliarden von Nervenzellen mit Hilfe von winzigen elektrischen Impulsen miteinander. Das Gehirn ist auf diese Weise Tag und Nacht elektrisch aktiv – das ganze Leben lang. Diese Aktivität kann als „Gehirnwellen‟ erfasst werden, indem man Elektroden auf den Kopf setzt und die verstärkten Signale auf einem Bildschirm darstellt. Diese Messmethode wird Elektroenzephalographie (EEG) genannt. Gehirnwellen schwingen mit unterschiedlicher Frequenz in Abhängigkeit vom Bewusstseinszustand und auch die Größe der Schwingungen (Amplitude) kann verschieden sein.

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Aktivitäts- oder Aufmerksamkeitsniveau einer Person und der Frequenz ihrer Gehirnwellen (siehe Abb.1). Während unbewusster Zustände (z. B. in tiefem Schlaf) treten langsame Delta-Wellen mit großer Amplitude im EEG auf. Im halbbewussten Zustand zwischen Wachsein und Schlaf sind oft die Theta-Wellen vorherrschend, und während des wachen, mental entspannten Zustandes mit geschlossenen Augen dominieren bei den meisten Menschen Alpha-Wellen. Schließlich erscheinen die schnellen Beta-Wellen mit kleiner Amplitude während wacher, bewusster Aktivität. Die EEG-Messungen können auf diese Weise zeigen, ob eine Person sich in einem bewussten oder unbewussten Zustand befindet. Je niedriger die EEG-Frequenz ist, desto unbewusster ist der Zustand.

Die vier Arten von Gehirnwellen

Beta-Wellen (13-36 Schwingungen pro Sekunde [Hz]): Dies ist der Rhythmus der elektrischen Gehirnaktivität im normalen wachen Zustand, der mit Denken, der Lösung von Problemen und aktiver, auf die äußere Welt gerichteter Aufmerksamkeit verbunden ist. Beta-Wellen werden in Beta-1 (13-20 Hz) und Beta-2 (20-36 Hz) eingeteilt. Mentale Anspannung, Aufregung und Angst können die Amplitude und die Frequenz des Beta-Rhythmus steigern. Dies kann einen Wechsel von Beta-1 zu Beta-2 zur Folge haben.

Alpha-Wellen (8-13 Hz): Alpha ist der vorherrschende Rhythmus der Gehirnaktivität. Die meisten Menschen haben etwas Alpha-Aktivität in ihrem EEG. Besonders wenn sie die Augen schließen, sich entspannen und die Aufmerksamkeit nach Innen richten, vergrößert sich sowohl die Häufigkeit als auch die Amplitude der Alpha-Wellen. Die Alpha-Wellen, die charakteristisch für die bewusste Aufmerksamkeit sind, sind „die Brücke‟ oder „die Eintrittskarte‟ zum Unbewussten, das durch noch niedrigere Frequenzen gekennzeichnet ist (Theta und Delta).

Theta-Wellen (4-8 Hz): Theta ist im Gehirn bei kleinen Kindern der dominierende Rhythmus. Bei Erwachsenen kommen die Theta-Wellen im Allgemeinen nur beim Träumen und während Schläfrigkeit sowie bei starken Gefühlen vor. Der Ursprung der Theta-Wellen liegt tief im Inneren des Gehirns. Diese Wellen sind kennzeichnend für unbewusste Aktivität, die mit Gefühlen und Träumen verbunden ist. Sowohl in tiefer Meditation, wenn unbewusste Erinnerungen auftauchen, als auch in der Psychotherapie, wenn verdrängte Gefühle allmählich bewusst werden, steigt die Theta-Aktivität. Eine Voraussetzung, dafür dass man bewussten Zugang zu unbewussten Inhalten hat und dass man sich an diese erinnern kann, ist eine ständige Anwesenheit von Alpha-Aktivität im EEG. Ohne Alpha-Wellen bleibt der unbewusste Inhalt unbewusst.

Die Anwesenheit von etwas Theta-Aktivität zusammen mit Alpha-Aktivität im Ruhe-EEG kann von persönlicher Einsicht und Kreativität zeugen.

Delta-Wellen (0,5-4 Hz): Delta wird bei neugeborenen Kindern die ganze Zeit über und bei Erwachsenen im Tiefschlaf gemessen. Diese langsamen Wellen werden mit grundlegenden Überlebensfunktionen in Verbindung gebracht, die tief im Inneren des Gehirns sitzen. Während Psychotherapie, in der Patienten ihre eigene Geburt wiedererleben, ist das Auftreten von Delta-Wellen beobachtet worden. Delta-Wellen sind mit den tiefsten Bewusstseinsschichten verknüpft. Einige meinen, dass Delta-Wellen den Kontakt zum kollektiven Unbewussten widerspiegeln. Delta-Wellen, die mit Alpha vermischt sind, können ein inneres, intuitives, empathisches Radar, eine Art von sechstem Sinn, reflektieren.

Abb. 1: Gehirnwellen und Bewusstseinszustände
Der meditative Zustand schlägt eine Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Er ist ein dösend / träumender Zustand, überwacht von klarer, bewusster Aufmerksamkeit. Das EEG-Muster ist eine Mischung von Alpha- und Theta-Wellen. Theta signalisiert unterbewusste Aktivität, während Alpha die bewusste Aufmerksamkeit reflektiert.

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Zweck der Untersuchung

Wir wollten die Wirkungen der Kriya Yoga-Meditation auf die elektrische Aktivität (EEG) des Gehirns studieren. In der wissenschaftlichen Literatur finden wir zahlreiche Berichte, die einen Anstieg der Alpha- und Theta-Wellen, während und nach unterschiedlichen Formen von Meditation beschreiben. Der tantrische Kriya Yoga ist eine wirksame Methode zum Erwecken und zur Erweiterung des Bewusstseins sowie zur Stärkung der vitalen und psychischen Energie. Wir vermuteten daher, dass die EEG-Messungen der Gehirnaktivität vor und nach einer einzelnen Kriya Yoga-Meditation bedeutende Änderungen zeigen würden. Wir wollten darüber hinaus die Aktivität des Gehirns auf farbigen Gehirnkarten (Gehirnatlas, siehe Abb. 4 und 5) während der besonderen Änderungen des Bewusstseins darstellen, die in Verbindung mit Kriya Yoga auftreten.

Abb. 2: Vergrößerung der Alpha- und Theta-Amplituden nach zwei Stunden Kriya Yoga-Praxis

(Wilcoxon test: *p<.05, **p<.01, ***p<.001, ns = nicht signifikant)

Die Platzierung der Elektroden auf dem Kopf während der Messungen.

 

Ergebnisse der Messungen

Elf Yogalehrer der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule – alle mit mehrjähriger Erfahrung in Kriya Yoga – nahmen an der Untersuchung teil. Die EEG-Messungen wurden unmittelbar vor und nach zwei Stunden Kriya Yoga mit acht Elektrodenableitungen durchgeführt. Die Elektroden, vier auf der linken und vier auf der rechten Gehirnhälfte, wurden mit Hilfe elastischer Bänder auf dem Kopf angebracht. Die verstärkten EEG-Signale wurden zu einem Computer geleitet, auf dem Bildschirm dargestellt und gleichzeitig auf der Festplatte gespeichert. Danach wurden die Daten in Bezug auf die Verteilung von Delta-, Theta-, Alpha- und Beta-Wellen im EEG analysiert.

Nach der Meditation wurde eine erhebliche Steigerung von Alpha- und Theta-Aktivität im Gehirn bei 10 von 11 Versuchspersonen gesehen. Bei einigen handelte es sich um mehr als eine Verdopplung des Anteils der Alpha-Wellen. Am größten war die Vermehrung dieser Wellen im hinteren Teil des Gehirns (den parietalen Bereichen), wo sowohl die Alpha- als auch die Theta-Aktivität sich um etwa 40 % (siehe Abb. 2) erhöhten. Es gab für diese Wellen eine generelle Tendenz, sich vom hinteren Teil des Gehirns nach vorn auszubreiten. Bei 10 von 11 rechtshändigen Personen ist die Alpha-Aktivität für die temporalen Bereiche (siehe Abb. 3) in der rechten Seite stärker als in der linken angestiegen.

Die Bedeutung dieser Änderungen wird unten diskutiert. Alle oben genannten Ergebnisse sind statistisch signifikant und können nicht auf Zufall zurückgeführt werden.

Abb. 3: Änderungen im temporalen Rechts / Links (R / L)-Alphaverhältnis nach zwei Stunden Kriya Yoga-Praxis

Ideal bei psychisch gesunden Menschen ist ein R / L Verhältnis von 1,05 bis 1,10 – also eine etwas höhere (möglicherweise kulturbestimmte) Aktivität in der linken als in der rechten Gehirnhälfte. In tiefer Entspannung nähert sich der Mensch dann einer Balance von 1,00 zwischen den beiden Gehirnhälften an.

Bei psychiatrischen Patienten dagegen findet man ein R / L-Verhältnis von viel weniger als 1,00. Je schwieriger die psychische Störung ist, desto tiefer sinkt der Wert: Angstneurotiker z. B. zeigen Werte von 0,93 bis extrem niedrige Werte von 0,50 bis 0,60 bei Paranoikern (Hoffmann 1982).

 

Besserer Kontakt mit Gefühlen und dem Unterbewusstsein

Die erhebliche Steigerung der Alpha- und Theta-Aktivität, die nach der Meditation in den meisten Bereichen des Gehirns gefunden wurde (Abb. 4), zeigt, dass das Gehirn nach Kriya Yoga tief entspannt und fokussiert ist. Sie zeigt auch, dass die Meditierenden einen besseren Kontakt zu ihrem Unterbewusstsein bekommen haben und näher an ihre Gefühle gekommen sind.

Die stark gesteigerte Alpha-Aktivität im rechten Temporallappen ist ein interessanter Befund. Neuere amerikanische Untersuchungen haben gezeigt, dass gehemmte, depressive Personen die höchsten Alpha-Werte im linken frontotemporalen Bereich haben, während optimistische, aufgeschlossene Menschen die höchsten Alpha-Werte im entsprechenden Bereich in der rechten Seite aufweisen. Eine Steigerung des Alphas in der rechten Seite, wie es in dieser Untersuchung von Kriya Yoga gefunden wurde, wirkt somit, den amerikanischen Untersuchungen entsprechend, Stress und Depressionen entgegen.

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Theta-Wellen im EEG (mit Alpha gemischt) mit dem Erscheinen früherer unbewusster Gefühle, Bilder und Erinnerungen bei dem Individuum zusammenhängen. Gehirnforscher behaupten, dass das Individuum sich im hohen Alpha / Theta-Zustand mit unbewussten Prozessen konfrontieren und sie integrieren kann.

Diese Erfahrungen der modernen Forschung stehen in Übereinstimmung mit den Erfahrungen, die man jahrtausendelang mit Kriya Yoga gemacht hat, und zwar, dass im meditativen Zustand, der durch hohe Alpha / Theta-Aktivität charakterisiert ist, eine Abreaktion oder „Reinigung‟ unbewussten Materials bei dem Individuum stattfinden kann. Die vorliegende Untersuchung demonstriert, dass Kriya Yoga eine außerordentlich wirkungsvolle Technik zur Erhöhung der Alpha / Theta-Aktivität im EEG ist und somit auch zur Stärkung der damit verknüpften positiven Wirkungen beiträgt.

Abb. 4: Atlas der Gehirnaktivität vor und nach Kriya Yoga

Nach zwei Stunden Kriya Yoga-Praxis sind sowohl Alpha- als auch Theta-Aktivität stark angestiegen. Das zeigt, dass der Betreffende nach der Meditation stärker entspannt und in besserem Kontakt mit seinen Gefühlen und seinem Unterbewusstsein ist.

Vor Kriya Yoga

eh Brainmap before Kriya Yoga

Nach Kriya Yoga

eh Brainmap D Kriya Yoga

Abb. 5. Atlas der elektrischen Aktivität des Gehirns (Gehirnkarten)

Diese Gehirnkarten basieren auf Aufzeichnungen der Gehirnwellen von 60 Sekunden Dauer, die mit acht EEG-Kanälen im Ruhezustand gemacht worden sind. Vier Elektroden wurden auf der linken Seite, vier auf die rechte Seite des Kopfes (und eine Erdung in der Mitte auf dem Scheitel angebracht, Siehe Abb. 2). Eine Gehirnkarte wird mit Hilfe einer Frequenzanalyse dargestellt, die die Verteilung von Delta-, Theta-, Alpha- und Beta-Wellen im Gehirn berechnet.

Wie in der nebenstehenden Abbildung zu sehen ist, besteht eine Gehirnkarte aus sieben ovalen Bildern. Jedes Bild zeigt in farblicher Darstellung die Verteilung eines bestimmten EEG-Parameters im Gehirn. Diese Bilder symbolisieren das Gehirn von oben gesehen, wobei die kleine Spitze die Nase symbolisiert. Das Interessanteste sind die fünf Bilder rechts, die die Verteilung von Delta-, Theta-, Alpha-, Beta-1- und Beta-2-Wellen zeigen. Das einzelne Bild zeigt, in Übereinstimmung mit der nebenstehenden Farbskala, den durchschnittlichen Ausschlag (Amplitude) der Gehirnwellen unter jeder der acht Elektroden. Dunkelblau gibt sehr kleine Amplituden wieder, Grün und Gelb zeigen mittlere bis hohe Amplituden an, während Rot und Weiß maximale Amplituden darstellen. Die zwei ovalen Bilder links zeigen die Verteilung der durchschnittlichen Alpha-Frequenz (oberes Bild) und die Verteilung der gesamten Amplituden (Power) unabhängig von der Frequenz (0,5-36 Hz) (unteres Bild).

Vergleich von Kriya Yoga mit anderen Zuständen

Vier Beispiele von Gehirnkarten, die einen zunehmenden Grad von Kontakt mit dem Unterbewusstsein zeigen: Die stark verdrängende Person (a) hat geringen Kontakt, während die meditierende Person (d) den besten Kontakt mit ihrem Unterbewusstsein hat.

Bitte beachte, dass diese vier Gehirnkarten aus unterschiedlichen voneinander unabhängigen Untersuchungen stammen. Abb. d stammt aus einer früheren Untersuchung von einigen Lehrern der Schule, bei denen die Messungen während Kriya Yoga durchgeführt wurden.. Die vorliegende Untersuchung misst hingegen den Unterschied vor und nach der Kriya Yoga-Meditation (siehe Abb. 4).

a: Verdrängung – Extrem wenig Alpha und Theta indiziert gefühlsmäßige Blockierung mit geringem Kontakt zum Unterbewusstsein.

 

eh Brainmap B Normalb: Normal – Mäßiges Alpha und etwas Theta zeigen eine gute Balance zwischen bewusster und unbewusster Aktivität mit einem gewissen Kontakt zum Unterbewusstsein.

 

c: Hypnose – Hohe Theta-Aktivität während tiefer Hypnose zeigt eine Aktivierung des Unbewussten. Niedriges bis mittleres Alpha zeigt, dass ganz wenig oder gar kein bewusstes Erleben von dem, was im Unterbewusstsein vorgeht, vorhanden ist.

 

d: Kriya Yoga – Hohe Theta-Aktivität während der Kriya Yoga-Meditation zeigt eine Aktivierung des Unbewussten. Gleichzeitig weist die sehr hohe Alpha-Aktivität auf eine stark konzentrierte, bewusste Aufmerksamkeit hin. Hier gibt es optimalen Kontakt zu den Gefühlen und zum Unterbewusstsein.