Dauerhafte und tiefgehende Wirkungen

6 Jahre Forschung auf den 3-Monatsretreats in Schweden

Die Wirkung der dreimonatigen Retreats in Yoga und Meditation wurde mit moderner Technik gemessen: Optimale Balance zwischen den beiden Gehirnhälften, bessere Entspannung und deutlich verminderte Angst und Unruhe.

Psychophysiologie ist die wissenschaftliche Methode zur Erforschung des Zusammenhanges zwischen psychologischen und physiologischen Prozessen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Bewusstseinszustände wie Schlaf und Traum, meditative
und hypnotische Zustände objektiver erforschen. In diesem Artikel sehen wir, wie diese Methode benutzt werden kann, um die Wirkungen der Meditations- und Yogamethoden des 3-Monatsretreats in ihrer Gesamtheit zu messen. Die Untersuchung wurde vom Neuropsychologen Erik Hoffmann durchgeführt. Für die EEG-Messungen war Dipl. Ing. Per Gaarde-Nissan verantwortlich.

Ziel der Untersuchung

In Nordeuropa bietet die Skandinavische Yoga- und Meditationsschule Kurse und Retreats für unterschiedliche Niveaus innerhalb der Jahrtausende alten tantrischen Yoga- und Meditationstradition an. Diese Methoden sind nicht im gleichen Umfang wissenschaftlich untersucht wie z. B. Transzendentale Meditation. Daher war es für uns naheliegend, eine Studie über tantrische Yoga- und Meditationsmethoden durchzuführen. Wir beschlossen die Schüler der 3-Monats Retreats zu untersuchen.

Unsere Forschung erstreckte sich über den Zeitraum von 1986 bis 1991. Die folgende Beschreibung stammt von der ersten Untersuchung im Jahre 1986. Die Untersuchungen in den folgenden Jahren waren umfangreicher, wiesen jedoch ähnliche Resultate auf.

Insgesamt 32 Schüler meldeten sich freiwillig zur Messung vor und nach dem Kurs. Bei allen wurde außerdem zu Beginn des Kurses ein psychologischer Angsttest durchgeführt (Taylor Test). Wir verwendeten modernste elektronische Ausrüstung und die Messungen wurden simultan auf einem angeschlossenen Computer ausgewertet.

Im ersten Jahr wurde das Projekt in zwei, voneinander unabhängige, Untersuchungen unterteilt: 12 Schüler nahmen an einer Studie über das vegetative Nervensystem teil, während bei den restlichen 20 die Gehirnwellen (EEG) gemessen wurden. Ziel war es, die möglichen Auswirkungen des Kurses auf das autonome Nervensystem und auf das Gehirn zu studieren; zwei der wichtigsten biologischen Systeme des Menschen.

Das vegetative Nervensystem

Das vegetative Nervensystem wird unterteilt in das sympathische und das parasympatische System. Diese haben gegenläufige Wirkungen auf das Gehirn und die meisten Drüsen und Organe und dienen dazu, den Körper entweder in einen Zustand der Aktivität oder der Ruhe zu bringen. Um das Verhältnis zwischen diesen beiden Systemen zu sehen, misst man den elektrischen Hautwiderstand (BSR = Basal Skin Resistance). Bei einer psychisch und / oder physisch aktiven Person dominiert das sympatische System, welches unter anderem einen beschleunigten Puls, einen erhöhten Blutdruck sowie einen niedrigen elektrischen Hautwiderstand bewirkt. Bei einer schläfrigen, sehr müden oder tief entspannten Person hingegen sind ein langsamer Puls, niedriger Blutdruck sowie ein hoher Hautwiderstand zu sehen, was darauf hinweist, dass das parasympatische System dominiert. Bei einem geistig gesunden Menschen sieht man eine zweckmäßige Balance zwischen diesen zwei Systemen, die sich den Anforderungen der Umgebung entsprechend anpassen.

Bei psychisch belasteten, gestressten oder angespannten Menschen tritt oft eine beinahe chronische Dominanz des sympatischen Systems auf. Das kann sich äußern als Schlafprobleme, Kopfschmerzen etc. Diese Menschen schwitzen häufig viel – besonders in den Handflächen, was einen geringen Hautwiderstand verursacht.

Umgekehrt kann man bei chronisch müden und depressiven Personen oft eine permanente parasympatische Dominanz beobachten, und bei diesen Menschen misst man einen sehr hohen Hautwiderstand. Beide Typen von Menschen haben also ein schlecht ausgewogenes und unflexibeles vegetatives Nervensystem, was sich in einem dauerhaft abnorm hohen oder niedrigen Hautwiderstand spiegelt (BSR).

Darüber hinaus kann man bei beiden Typen – in dem Ausmaße, wie sie ängstlich und unruhig sind – einige kleine, vorübergehende Abfälle des Hautwiderstands messen (sogenannte Hautreflexe, GSR = Galvanic Skin Response). Gewöhnlicherweise wird ein Hautreflex ausgelöst, wenn ein Mensch einem äußerlichen Einfluss ausgesetzt ist. Dies wird dann als spezifisch bezeichnet und ist ein physiologisches Zeichen dafür, dass die Person auf einen Reiz reagiert.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Angstneurotiker oder nervöse Personen dazu neigen, außergewöhnlich viele Hautreflexe auszulösen, selbst wenn sie liegen, sich entspannen und völlig ungestört sind. Solche Reflexe werden als unspezifisch oder spontan bezeichnet und werden inneren (gefühlsmäßigen) Prozessen im Individuum zugeschrieben. Je ängstlicher eine Person ist, desto mehr spontane Hautreflexe lassen sich im Ruhezustand messen.

Stabilität im Nervensystem

Jedem Schüler wurden Elektroden an Mittel- und Ringfinger der linken Hand angebracht, wo die Höhe des Hautwiderstandes (BSR), sowie die Anzahl der spontanen Hautreflexe (GSR) gemessen wurde. Er / sie lag auf dem Rücken auf einer Liege in einem schallgedämpften Raum während der ca. 15 Min. welche das Verfahren dauerte.

Die Teilnehmer wurden darum gebeten, sich acht Minuten lang zu entspannen und wir maßen ihren BSR zu Beginn und zu Ende dieser Periode. Indem wir die Anfangswerte durch die Endwerte dividierten, wurde ein BSR Index berechnet. Dieser BSR Index zeigt, wie weit die Teilnehmer fähig waren sich zu entspannen. Er stieg für die Gruppe als ganzes von 1,44 vor dem Retreat auf 1,70 zu seinem Ende. Hiermit war dokumentiert, dass sich die Entspannungsfähigkeit wesentlich verbessert hatte und dass das vegetative Nervensystem flexibler geworden war.

Die Messungen der Anzahl der spontanen Hautreflexe (GSR) zeigte eine Verringerung von 30 Einheiten vor dem Kurs auf 9 zu seinem Ende. Dies deutet auf eine stark erhöhte Stabilität im vegetative Nervensystem hin. Wir verglichen daraufhin dieses Ergebnis mit dem Ergebnis des Angsttestes und fanden einen deutlichen Zusammenhang: je weniger spontane GSR’s desto besser war das Ergebnis im Angsttest.

Ausgehend von diesen und ähnlichen wissenschaftlichen Resultaten lässt sich die sichere Schlussfolgerung ziehen, dass die Teilnehmer nach dem Kurs bei weitem ruhiger und weniger ängstlich waren, als bevor sie kamen. Ein Resultat, das die Teilnehmer im Übrigen selbst bestätigen konnten.

Gehirnschale aus dem alten Ägypten. Die Schlange ist das Symbol für Energie in vielen Kulturen – auf dieser Hirnschale sind zwei Kobras zu sehen, sie stehen zweifellos für die Nervenenergien der zwei Gehirnhälften. In der Yogatradition findet man dieses Wissen unter dem Namen Swara Yoga bewahrt. Verschiedene Yogamethoden dienen dazu, eine Balance zwischen den Energien in den zwei Hälften von Gehirn und Körper zu schaffen, zwischen Sonne und Mond, zwischen Ha und Tha; aber weder in Ägypten noch im Yoga geht es um anatomische Teile des Körpers, sondern um verschiedene Energien (die Redaktion).

Das doppelte Gehirn

Im menschlichen Gehirn gibt es eine ununterbrochene elektrische Aktivität von rhythmischer Art, die sogenannten Gehirnwellen. Messungen der Gehirnwellen mit Elektroden, die am Kopf angebracht werden, nennt man Elektroenzephalogramm (EEG). Der für uns interessante Frequenzbereich ist der der Alphawellen (diese haben eine Schwingungszahl von ca. 10/Sek.). Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Anzahl der Alphawellen während Meditation steigt und vieles deutet darauf hin, dass Meditierende im Allgemeinen mehr Alphawellen haben.

Die meisten Alphawellen treten auf, wenn eine Person die Augen geschlossen hat, mental entspannt ist und eine passive Aufmerksamkeit aufrecht erhält. Wenn die Augen geöffnet werden oder die Person auf andere Weise abgelenkt wird, wird der Alpharhythmus zu Gunsten des schnelleren Betarhythmus reduziert, das heißt, das Gehirn ist aktiviert. Die Menge der Alphawellen zeigt daher an, in welchem Grad das Gehirn sich im Zustand entspannter Aufmerksamkeit befindet.

Es gehört mittlerweile wohl zum Allgemeinwissen, dass die linke Gehirnhälfte Sprache sowie logisches und analytisches Denken steuert. Die rechte Gehirnhälfte hingegen denkt in Bildern, in Wahrnehmungen und Gefühlen, ist ganzheitsauffassend, spontan und intuitiv. Die biologische Grundlage für die kreative Entfaltung eines Individuums ist daher eine korrekte Balance und Kommunikation zwischen den beiden Gehirnhälften.

Die Studie dieser Balance war der zentrale Punkt der Untersuchung. Wir benutzten daher das Verhältnis zwischen der Menge der Alphawellen in der rechten und linken Gehirnhälfte (Rechts / Links-Verhältnis) um diese Balance zu zeigen. Nun sollte man meinen, dass eine „korrekte“ Balance ein R / L -Verhältnis von 1,00 ergeben würde – also eine hundertprozentige Symmetrie zwischen der linken und der rechten Seite des Gehirns. Das ist jedoch nicht der Fall – jedenfalls nicht in unserer Kultur, in der so viel Wert gelegt wird auf die Entwicklung jener Fähigkeiten, die mit der linken Gehirnhälfte verbunden sind.

Ideal bei psychisch gesunden Menschen ist ein R / L-Verhältnis von 1,05 – 1,10; also eine etwas größere (kulturbestimmte?) Aktivität in der linken Seite, im Verhältnis zur rechten.

In tiefer Entspannung neigt der Mensch jedoch zu einer Ausgewogenheit von 1.00 zwischen beiden Gehirnhälften.

Bei psychiatrischen Patienten hingegen, findet man ein R / L-Verhältnis weit unter 1,00. Je schwerer die psychische Störung ist, desto tiefer sinken die Werte: Angstneurotiker z. B. weisen Werte von 0,93 auf, bis hin zu extrem niedrigen Werten von 0,50 – 0,60 bei Paranoiden. (Hoffman 1982).

Optimale Balance

Zwanzig rechtshändige Schüler nahmen an dieser ersten Untersuchung teil. Es wurden Elektroden an der rechten und linken Schläfe angebracht und die Schüler wurden gebeten, sich auf die Liege zu legen und mit geschlossenen Augen zu entspannen. Das EEG-Gerät und der Computer wurden gestartet und über eine Zeitspanne von 10 Minuten wurden Daten gesammelt und analysiert.

In Übereinstimmung mit anderen Meditationsuntersuchungen fanden wir einen klaren Anstieg der Anzahl von Alphawellen (um ca. 10%) in der rechten Gehirnhälfte, was eine bessere Entspannung der rechten Seite des Gehirns zum Ende des Kurses aufzeigt. Die Alphawellen in der linken Gehirnhälfte waren jedoch überraschenderweise völlig unverändert. Das ergab einen Anstieg des L / R-Verhältnisses von 0,98 auf 1,07, was als eine positive Stabilisierung der Balance zwischen den beiden Gehirnhälften anzusehen ist.

Diese Beobachtung wird auch dadurch gestützt, dass wir zu Beginn des Kurses herausfanden, dass Teilnehmer mit einem hohen R / L – Verhältnis (1,05 -1,10) im Angsttest gute Ergebnisse aufwiesen.

Der Anstieg der Anzahl von Alphawellen in der rechten Gehirnhälfte galt für die erste Untersuchung. In den folgenden Jahren testeten wir auch mehrere Teilnehmer mit überwiegender Aktivität in der rechten Seite – auch diese erreichten im Verlauf des Kurses eine ideale Balance.

Dauerhafte Wirkungen

Zusammenfassend kann man folgern, dass der 3-Monatskurs eine günstige psychophysiologische Wirkung auf die Teilnehmer hatte – insbesondere auf deren vegetatives Nervensystem und das Gehirn. Die Balance in diesen beiden wichtigen Systemen wurde entscheidend verbessert. (Alle Ergebnisse sind statistisch signifikant, d. h. es ist höchst unwahrscheinlich, dass dies dem Zufall zugeschrieben werden kann). Diese biologischen Veränderungen deuten alle in Richtung einer allgemein verbesserten Entspannung und Stabilität sowie verminderter Angst und Unruhe bei den Schülern zu Abschluss des Retreats. N.B: Alle Ergebnisse wurden unter gewöhnlicher Entspannung ermittelt und nicht, wie in den meisten vergleichbaren Untersuchungen, während der Meditation. Dies weist in Richtung einer permanenten Langzeitwirkung.

 

Das Ziel ist anders und höher

Anmerkungen der Redaktion:

Frühere Untersuchungen Hoffmans (1982) an Menschen, die sich über 18 Monate in Therapie befanden, zeigten eine ähnliche Verbesserung der Balance im Gehirn. Jedoch mit dem Unterschied, dass bei den Schülern des 3-Monats Sadhana Retreats, die Amplituden, d. h. die Stärke der Impulse oder Höhe der Alphawellen (im Vergleich zur Anzahl oder Frequenz), auf ein gemeinsames hohes Niveau stiegen. In der Therapie hingegen sanken die Amplituden der Gehirnhälfte, die am stärksten war, auf das Niveau der schwächeren. Bei hohen Amplituden arbeiten mehr Hirnzellen in dieselbe Richtung; der Mensch befindet sich in einem Zustand der Konzentration.

Die Artikel über Kriya Yoga enthalten natürlich mehr Informationen über den Inhalt der 3-Monats-Retreats, als nur die Ergebnisse der Messungen. Überhaupt ist es fraglich, ob unsere Schüler an solchen Untersuchungen interessiert sind, da sie lediglich ein oberflächliches Bild dessen wiedergeben, was während des Retreats in der eigenen Meditation und im Leben geschieht. Eines wird jedoch deutlich: Egal, welches Ziel du mit Yoga verfolgst, die Messungen tragen dazu bei, zu beschreiben, dass Yoga und Meditation positive „Nebenwirkungen“ haben – du wirst gesünder und fähiger im Alltag zu leben.