Der Lotussitz

– eine klassische Meditationsstellung

von Joachim Rodenbeck


Ich war 15 Jahre alt, als ich im städtischen Freibad zum ersten Mal eine lebende Person im Lotussitz sah. Ein junges Mädchen schlug in Sekundenschnelle und mit Leichtigkeit ihre Beine übereinander. Meine Verwunderung und mein Befremden waren damals nicht gering. Obgleich ich schon davon gelesen hatte, war ich bis zu diesem Zeitpunkt der festen Überzeugung, dass die Lotusstellung nur einigen wenigen vorbehalten sei – kaum möglich für gewöhnliche Menschen.

Neben dem Kopfstand ist der Lotussitz vermutlich die bekannteste Yogastellung, von der die meisten schon in irgendeiner Weise gehört oder gelesen haben. Die Beine werden so übereinander geschlagen, dass die Füße auf den Oberschenkeln liegen, die Hände ruhen auf den Knien und man sitzt mit aufrechter Wirbelsäule. Padmasana, wie der Lotus auf Sanskrit genannt wird, ist eine der klassischen Meditationsstellungen.

Wozu eine Meditationsstellung?

Wenn man meditieren will, ist es wichtig, für eine gewisse Zeit still und gleichzeitig entspannt sitzen zu können. Durch diese Stetigkeit im Körper kommt auch der Geist zur Ruhe und das ist die Voraussetzung, um sich vertiefen zu können.

Natürlich ist es nicht notwendig, in der Lotusstellung zu sitzen, um meditieren zu können. Wichtig ist zunächst, dass du für eine Weile still sitzen kannst, ohne dich um den Körper kümmern zu müssen. Hier gibt es auch einfachere Stellungen, die für jeden, auch den Ungeübten, ohne Schwierigkeiten anwendbar sind. In manchen Meditationen, wie z.B . Innere Stille ist es auch möglich, auf einem Stuhl oder Sessel zu sitzen, solange man nur bequem und aufrecht sitzt. Wenn man jedoch zu Meditationen kommt, die mit der psychischen Energie arbeiten, wie z.B. Quelle der Energie und Kriya Yoga, insbesondere wenn man tiefer gehen möchte, ist es nutzbringend, eine der echten Meditationsstellungen zu erlernen, denn auch die Haltung des Körpers hat eine Wirkung.

 

Die Lotusstellung kann auch als Variation in verschiedenen Yogastellungen benutzt werden.

Lotussitz

Wer erst einmal gelernt hat, den Lotussitz zu beherrschen, hat den Vorteil, über lange Zeit unbeweglich sitzen zu können, ohne sich anzustrengen. In manchen Stellungen, wie z.B. dem Schneidersitz, kann der Körper leicht ermüden, und der Oberkörper sinkt zusammen. In einer richtigen Meditationsstellung, wie der Lotusstellung vermeidet man jedoch Rastlosigkeit und Muskelspannungen. Nun ließe sich ja einwenden, dass man dann ja weitaus bequemer auf dem Rücken in der Totenstille-Stellung (Savasana) liegen könne, wie man es zu verschiedenen Formen der Entspannung tut. Doch nicht allein die entspannte Ruhe des Körpers macht die Wirkungen der Lotusstellung aus.

 

Energie

Im Rückenmark, in der Mitte der Wirbelsäule, verlaufen die Bahnen des Zentralen Nervensystems, die Gehirn und Körper miteinander verbinden und durch welche alle wichtigen Funktionen des Körpers gesteuert werden. Die aufrechte und freie Haltung der Wirbelsäule in Padmasana ermöglicht hier allen wichtigen Nervenimpulsen, ungehindert fließen zu können und ist somit optimal für die Meditation.

Diese Nervenbahnen und auch das Gehirn sind zusätzlich von einer Schutzmembran umgeben, in der die sogenannte Cerebrospinal-Flüssigkeit zirkuliert. Sie versorgt die Nervenenden und das Gehirn mit der notwendigen Nahrung und, auch sie kann durch die aufrechte Haltung der Wirbelsäule optimal pulsieren. (In der Chiropraktik heilt man viele Krankheiten, indem man Blockaden in diesem Fluss beseitigt.)

Geht man weiter zur feineren Dimension, zur psychischen Energie, so befinden sich die Energieströme Ida, Pingala und Shushumna Nadi im Rückrat, die drei wichtigsten Kanäle des Netzwerkes unserer psychischen Energie. Sie stehen in enger Verbindung mit dem Nervensystem, sind jedoch nicht damit zu verwechseln. Wie die heutige Wissenschaft bestätigt, verfügt der Mensch nur über einen Bruchteil seiner Gehirnkapazität, wohingegen große Teile ungenützt schlummern. In der Yoga Tradition kennt man jedoch Atemübungen oder Meditationen (wie z.B. Kriya Yoga), die die Energie stimulieren/wecken und via die Energieströme die schlafenden Bereiche des Gehirns aktivieren. Hier ist es wesentlich, eine richtige Meditationsstellung anzuwenden – sie sorgt dafür, dass die in der Meditation gewonnene Energie überall in die richtigen Bahnen kanalisiert wird und eine Bewußtseinserweiterung somit harmonisch verläuft.

 

Bessere Kondition durch stilles Sitzen?

In der klassischen Yogaschrift Gheranda Samhita wird die Lotusstellung „Zerstörer aller Krankheiten“ genannt – und in der Tat hat sie eine Reihe von heilenden Wirkungen.

Folgende Untersuchung fand 1975 unter der Leitung der indischen Ärztin Prof. Salgar statt. Ihr Forscherteam verglich eine Gruppe von Personen, die über 6 Monate für 40 Minuten täglich den Lotussitz praktizierte (ohne zusätzlich eine Meditations- oder Entspannungstechnik zu verwenden), mit einer anderen Gruppe, die für den entsprechenden Zeitraum ein traditionelles Krafttrainingsprogramm absolvierte. Eine dritte Gruppe, die keinerlei Aktivitäten ausführte, diente als Kontrollgruppe.

Die Forscher stellten u.a. ein Ansteigen des Sauerstoffverbrauchs in der Lotusstellung fest. Vor und nach den 6 Monaten wurde mit allen Teilnehmern ein Konditionstest ausgeführt. Wie erwartet, erreichte die Krafttrainingsgruppe eine deutliche Verbesserung der Kondition, aber dasselbe geschah überraschenderweise auch bei der Gruppe die „nur“ in der Lotusstellung saß. Bei starker Belastung, die große Muskelkraft erforderte, hatte die Krafttrainingsgruppe die besseren Ergebnisse, jedoch bei gewöhnlicher Belastung war die Lotusgruppe überlegen. Obwohl kein Muskelzuwachs eingetreten war, waren sie besser in der Lage, ihre Kräfte effektiv einzusetzen. Bei der Kontrollgruppe gab es keinerlei Veränderungen.

Dr. Salgar konnte mit ihrer Untersuchung zeigen, dass allein das stille Sitzen in der Lotusstellung einen positiven Einfluss auf den Stoffwechsel hatte und die allgemeine Kondition deutlich verbessert wurde.

Wie können solche Veränderungen zustande kommen?

Die Einrichtung des Körpers in solch einer ungewöhnlichen Stellung geschieht natürlich nicht zufällig und zeugt davon, dass die alten Yogis eine genaue Kenntnis der Prozesse im menschlichen Körper besaßen, selbst wenn sie nicht mit den physiologischen Fachbegriffen der heutigen Medizin vertraut waren.

Durch die gekreuzte Stellung der Beine wird die Blutzufuhr zu den Beinen verringert und zum Bauchbereich umgelenkt. Diese erhöhte Durchblutung des Unterleibs kommt den inneren Organen zugute und verbessert u.a. die Verdauung. Personen mit nervösen Beschwerden kann das Sitzen in der Lotusstellung empfohlen werden. Außerdem werden die von Steiß- und Kreuzbein ausgehenden Nerven angeregt, die den gesamten Unterleib, den Darm und die Geschlechtsorgane mit Impulsen versorgen.

Auch die Nadi, die feineren Energiebahnen, werden durch die spezielle Beinstellung aktiviert. In Verbindung mit der Akupunktur, in der man auch mit den Energieströmen arbeitet, wird beschrieben, wie durch Padmasana wichtige Energiebahnen beeinflusst werden, (die Nadi werden hier Meridiane genannt). Es geht vor allem um Magen-, Galle-, Milz-, Nieren- und Leber-Meridian, die wiederum andere wichtige Körperbereiche und Organe beeinflussen.

Die Anwendung der Lotusstellung bringt also eine Reihe von erfreulichen, gesundheitsfördernden und heilenden Wirkungen mit sich, wenn die Energieströme des Körpers grundlegend harmonisiert werden. Der eigentliche Zweck reicht jedoch weiter – die Lotusstellung ist ein Hilfsmittel zur spirituellen Versenkung.

Einigen fällt es sehr leicht, die Lotusstellung zu erlernen – Kinder tun dies manchmal spontan im Spiel – wogegen andere etwas mehr Übung benötigen können. Versuche aber nicht, die Stellung zu erzwingen; wie bei allen Yogastellungen braucht der Körper Zeit zur Gewöhnung. Hüften, Beine, Knie- und Fußgelenke müssen systematisch vorbereitet und gelenkig gemacht werden.

Verwende hierzu gerne die entsprechenden Übungen des Pawanmuktasana-Programms, z. B. Krähengang, Pumpe… (ausführliche Anleitung s. Yoga, Tantra und Meditation im Alltag S. 38 – 39). Auch das Sitzen in der Halblotusstellung ist eine gute Vorbereitung.

Erschrick aber nicht, wenn dich eines Tages deine Fußsohlen von unten anlachen!

 

 

 

 Nicht nur in Indien

Es ist allgemein bekannt, dass die Lotusstellung in der indischen Yogatradition und in Ostasien seit uralten Zeiten gebraucht wird. Dass man jedoch Skulpturen und Steinzeichnungen von u.a. dieser Stellung in Mexiko, Kolumbien, Ägypten sowie in Skandinavien gefunden hat, ist vielleicht weniger bekannt. Die unten abgebildete Bronzefigur ist keltischen Ursprungs und schmückt einen Eimer, der auf dem Oseberg Wikingerschiff im Fjord von Oslo in Norwegen gefunden wurde. Die Abbildung recht, ist eine Tonfigur aus der Cimbaya Kultur in Westkolumbien, Museum für Völkerkunde, Berlin.

Über die Arten von Meditation, die in den altamerikanischen und den alten nordeuropäischen Kulturen ausgeübt wurden, ist nicht viel bekannt. Die Überlieferungen sind hier und in andere Kulturen, im Vergleich zur den lebenden Traditionen in Indien und China, weniger zugänglich. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Anwendung von Yoga und Meditation weltweit verbreitet war. Wir werden später einiges von dem veröffentlichen, was Swami Janakananda, in 30 Jahren Forschung, über die Frage nach dem Ursprung von Yoga gefunden hat. Eine Forschung, die deutlich zeigt, dass Yoga nicht an eine bestimmte Mythologie oder Religion geknüpft sein muss, sondern eine Geisteswissenschaft für sich selbst ist.

Oseberg-man