Han-shan

– Gedichte vom Kalten Berg

Vor dreißig Jahren wurde ich in die Welt geboren
Tausende, zehntausende Meilen bin ich umhergewandert,
Entlang mit fettem Gras gesäumter Flüsse,
Jenseits der Grenze, wo der rote Sand fliegt.
Ich braute Elixiere in vergebener Suche nach Unsterblichkeit,
Ich las Bücher, ich sang Lieder der Geschichte,
Und heute bin ich heimgekehrt zum Kalten Berg
Am Strome meinen Kopf zu betten
Und meine Ohren zu reinigen.

Das erste Mal, daß ich die Gedichte von Han Shan las, war Anfang der 70er Jahre. In dieser Periode lebte ich einige Jahre im Himalaja. Ich machte mehrere monate­lange Wanderungen weit oben in den Bergen. Die Gedichte riefen Bilder hervor, die ich mit einem Mal wiedererkennen konnte. Sie standen nicht nur im Ein­klang mit der äußeren Welt in den Bergen, sondern auch mit der inneren. Auf eine Weise schlugen die Gedichte eine Brücke zwischen dem Äußeren und dem Inneren, ließen sie zusammenschmelzen und eins werden.

Seitdem sind die Gedichte mir gefolgt, und sie sind immer noch die klarste und inspirierendste Poesie, die ich kenne.

Von Han Shan weiß man nicht viel mehr, als was man in seinen Gedichten lesen kann. Niemand weiß, woher er kommt, nur, daß er ein armer, exzentrischer, gelehrter Mann war, der sich in die Berge zurück­gezogen hatte. Die einzige Beschreibung stammt vom Ende des neunten Jahrhunderts. Sie kommt von einem Beamten aus der Zeit der T’ang Dynastie namens Lü-ch’iu Yin. Er beschreibt seine Begegnung mit Han Shan und dessen Freund Shih-te.

Shih-te, der auch Dichter war, arbeitete in der Küche eines buddhistischen Klosters und gab Han Shan oft Essen aus der Küche, wenn der von seiner Felsenhöhle am Kalten Berg herunterkam. Die Mönche des Klosters hielten die Freunde für mehr oder weniger verrückt. Der Geschichte zu­folge konnte Han Shan stundenlang in den Fluren des Klosters umherwandern, während er lauthals lachte oder mit sich selbst redete. Wenn die Mönche versuch­ten, ihn zu beschäftigen oder aus dem Haus zu jagen, blieb er stehen, lachte laut, klatschte in die Hände und verschwand.

Der Beamte hatte gehört, daß die beiden Freunde Inkarnationen von Boddhisattvas waren, und brachte daher den zwei Habe­nichtsen Geschenke. Er verneigte sich sogar vor ihnen, worüber sich die Mönche sehr wunderten. Als Han Shan Lü-ch’iu und seine Männer mit den Geschenken aus Kleidung und Medizin kommen sah, schrie er „Diebe! Diebe!“ Er lief in eine Öffnung im Berg hinein, die sich hinter ihm schloß, und sie sahen ihn niemals wieder.

Lü-ch’iu befahl seinen Männern, die Gedichte von Han Shan zu sammeln, die auf den Wänden der Felsenhöhle, wo er lebte, geschrieben standen. Sie fanden auch Gedichte, die auf Rindenstückchen und auf Bäume um die Grotte herum ge­zeichnet waren. Auf diese Weise blieben die Gedichte bewahrt. Heute sind sie ein Teil des chinesischen Literaturschatzes. Sogar in Japan werden die Gedichte sehr geschätzt. Dort nennt man den großen Dichter Kanzan.

Die Gedichte bewegen sich über ein breites Spektrum. Von Gedichten, die von tiefer, geistiger Einsicht zeugen, bis hin zu Gedichten von mehr weltlichem Charakter. Von Satire auf die Gesell­schaft und die Eitelkeit der menschlichen Natur, bis hin zu Kummer über die Kürze des Lebens und um das Leiden, welches das Leben mit sich führt.

Der Mensch, im Staube lebend
Ist wie ein Käfer, gefangen in einer Schale.
Den ganzen Tag krabbelt er Runde um Runde,
Entkommt doch nie der Schale, die ihn hält
Die Unsterblichen sind ihm unerreichbar,
Sein krabbeln hat kein Ende,
Während Monate und Jahre dahin fließen wie ein Fluss
Bis er in einem Augenblick alt geworden ist.

Die wirklichen Meisterwerke findet man in den Gedichten von und über den Kalten Berg.

Den Gedichten zufolge zog Han Shan sich zu einer Felsenhöhle weit oben in den Bergen zurück, nachdem er seine ersten dreißig Jahre ein weltliches Leben geführt hatte.

Der erste Eindruck, den die Gedichte geben, ist, dass sie die Natur in den Bergen beschreiben. Eigentlich sind sie viel eher Gleichnisse für meditative Zustände und geistiges Erwachen.

Der Name Han Shan wird bisweilen als „der Meister vom Kalten Berg“ oder schlicht und einfach als „Kalter Berg“ übersetzt. Der Kalte Berg ist demnach Han Shan selbst. Wenn ich die Gedichte lese, erlebe ich jedoch nicht nur den Kalten Berg als Han Shan, sondern auch als eine Metapher für das Selbst. Das ist die Stärke der Gedichte. Dass sie ein direktes Erlebnis geben, wenn man sie liest.

Han Shan beschreibt öfters, wie er am Kalten Berg angelangt oder sich heim zum Kalten Berg wendet, zu sich selbst. Die Gedichte gleichen dem meditativen Prozess, wo man sich ebenso im Innersten Selbst sucht.

Ich erklimme den Weg zum Kalten Berg
Den Weg zum Kalten Berg, der niemals endet.
Die Täler sind lang und mit Steinen besät,
Die Ströme weit und mit fettem Gras gesäumt.
Moos ist glitschig, selbst wenn kein Regen fiel;
Pinien seufzen, doch ist es nicht der Wind.
Wer kann losbrechen von den Fallstricken der Welt
Und sitzen mit mir inmitten Weißer Wolken?

Dann und wann wird Han Shan als Zendichter beschrieben. Es gibt jedoch so viele Hinweise auf den klassischen taoistischen Text Tao Te King in seinen Gedichten, dass es vermutlich richtiger wäre, ihn einen taoistischen Dichter zu nennen.

Die Verwandtschaft mit Tantra ist ebenso deutlich in vielen der Gedichte:

Mein ganzes Leben war ich faul,
Hasste jedwede Gewichtigkeit,
Fand Leichtigkeit zuträglicher.
Andere mögen studieren, wie man Profit macht,
Ich habe meine einzige Schriftrolle.
Mich kümmerts nicht, sie mit Rollstab und Hülle zu versehen,
Noch sorge ich mich, sie hierhin und dorthin zu tragen.
Wie ein Arzt, eine Medizin für jede Krankheit verschreibend,
Nutze ich, welch Mittel Grad zur Hand ist, die Welt zu retten.
Nur wenn der Geist frei ist von Sorge
Kann das Licht der Einsicht in jede Ecke scheinen.

Ich verwende die Mittel, die zur Verfügung stehen, um die Welt zu retten. Auf die selbe Weise arbeitet man in Tantra. Man macht von dem Gebrauch, was hier und jetzt vorhanden ist. In den Yogastellungen arbeitet man mit dem Körper. Dem Körper, so, wie er ist. Weich oder steif. Jung oder alt.

In der Meditation benutzt man das, was im Geist gerade während der Meditation geschieht. Man versucht es nicht zu vermeiden. Auf diese Weise wird die Energie transformiert. Man hat wie Han Shan seine Welt gerettet, und man hat das mit den Mitteln getan, die zur Verfügung standen während genau dieser Meditation. Während der nächsten Meditation wiederholt man den Prozess, wieder mit den Mitteln, die dann zur Verfügung stehen. Man kehrt zurück zum Kalten Berg.

Die Vögel und ihr Gezwitscher überwältigen mich mit Gefühlen;
Zu solcher Zeit leg ich mich nieder in meiner Hütte.
Kirschen leuchten mit hochrotem Feuer;
Weiden ranken ihre schlanken Zweige.
Die Morgensonne erstrahlt aus dem Gebiss der blauen Spitzen;
Heitere Wolken werden in grünem Teich gewaschen.
Wer könnte glauben, ich würde die staubige Welt verlassen