Eine weltweite Gemeinschaftsmeditation


An einem Sonntag im August 1994 fand überall auf der Welt eine Gemeinschaftsmeditation statt, von Australien bis nach Europa. In London z.B. versammelten sich Tausende von Menschen im Wembley Stadion um von 12.00 bis 12.09 Uhr ununterbrochen OM zu singen. Als wir davon hörten, nahmen wir auch daran teil. Am Retreatzentrum in Håå waren wir dabei einen einmonatigen Kriya Yoga-Kurs zu beenden, und so wurde diese Meditation das letzte, das wir vor der Abreise taten.

Im Anschluss an die oben genannte Meditation erhielt ich einen Brief mit der Frage nach einer anderen Gemeinschaftsmeditation, die auch an verschiedenen Stellen der Erde stattfinden sollte. Diese war darauf gerichtet, durch Gedanken das Energienetz der Erde, bestehend aus Linien, die durch die Landschaft verlaufen, zu reparieren und Kontakt mit verschwundenen Kulturen zu schaffen. Dadurch sollte man, soweit ich es verstanden habe, Weltkatastrophen vermeiden können. Ähnliche Meditationen werden gemacht, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren, um den Krieg in Bosnien zu beenden usw. usw. Meine Antwort lautete:

Es ist sicher fein das Energie-Linien-Muster der Erde „heilen“ zu wollen oder Kontakt mit Lemuria (ein prähistorischer Kontinent, älter als Atlantis, er soll im Stillen Meer liegen.) aufzunehmen, wenn es demjenigen, der daran teilnimmt und uns anderen etwas bringt.

Stattdessen will ich noch einige Schüler unterrichten, so dass sie Yoga hier und jetzt, in ihrem täglichen und in ihrem spirituellen Leben gebrauchen können – während andere auf die großen Wunder warten. Natürlich kann man einen Energiestrom auf ein Ziel richten und Gedanken manipulieren und sie zu guten Zwecken schicken, aber es ist fraglich, ob man es sich gestatten kann, so etwas Meditation zu nennen. In diesem Fall muss man unterscheiden, und ich bin gezwungen, das, was wir tun, die innerlichste Meditation zu nennen. Es ist wert eine solche Meditation zu wagen: es erfordert nur, dass man alle Ansprüche aufgibt, Ergebnisse erreichen zu wollen, seien es nun therapeutische oder psychische, oder in dem Ganzen einen Sinn erklärt zu bekommen; und dass man eine starke Lust hat einfach zu sein, in sich selbst zu ruhen und am Leben teilzunehmen und es zu erleben …

Um sicher zu sein, dass nicht alles auf Einbildung basiert und dass man den tiefen und stark aufmerksamen Zustand, den wir Meditation nennen, erreicht, so tun wir dies mit Hilfe einer erprobten Meditationstechnik. Wirklich zu meditieren ist um so vieles stärker, als das andere, das ich hier Wunschdenken und Hypnose nennen will. Der Zustand reinen Seins hat mit Gedanken nichts zu tun, es ist etwas, das du erfährst, es ist nicht durch Vorstellungen begrenzt, es ist etwas das du bist.

Wenn du in dir selbst ruhst, ja, selbst wenn du auf dem Wege zu diesem Ziel bist und du spürst wie Spannungen, alte Haltungen und Zustände weichen, dann beginnt alles um dich herum, sich zu setzen und Harmonie entsteht. Durch Manipulieren dagegen verwendest du deine Energie auf kleinere Einzelheiten, weit entfernt vom Kern deines Wesens. Du kommst daher nie in die Nähe von wirklicher Ruhe und Kraft.

Meditation ist hochaktuell

Leitartikel in Zeitschriften und Zeitungen beschäftigen sich mit aktuellen Themen und Tendenzen. Kann man in einem Blatt über Yoga und Meditation überhaupt einen Leitartikel haben? Yoga ist doch zeitlos. Ja, aber zu allen Zeiten ist das Originale, das Künstlerische und Wirkungsvolle, das Echte und Tiefe, bedroht durch Missverständnisse, durch Verwässerung, Trägheit und Angst – sie schleichen sich ein, wenn etwas in Mode gerät. Im Laufe der Geschichte ist es mehrere Male geschehen, dass eine ursprünglich mystische Tradition durch Menschen verwässert wurde, die etwas haben wollten, um sich daran zu klammern, anstatt aufwachen und das Bewusstsein zu erweitern und sich selbst kennen zu lernen. Durch Sensationsdrang oder den Mangel an Verständnis solcher Menschen wird das Wertvolle dann für Viele unzugänglich. Die ‚einfachen‘ Lösungen, wo man etwas erfindet, anstatt mehr zu lernen als das, was man im Voraus weiß, stehen dem Weitblick im Wege und verschleiern das Bild. Euphorie ist einfach zu schaffen, und Erklärungen und Mythologien sind immer leicht zur Hand – aber tiefe innere Ruhe und innere Kraft und ein Wissen vom eigenen Wesen ist etwas ganz anderes.

Handlung schafft Wandlung

Handlung schafft Wandlung war ein politisches Sprichwort in den 70’ern, aber dieses Sprichwort gilt auch nach innen, Handlung ändert auch dich. Wenn du etwas mit dir selbst erreichen willst, so sind Träumereien und Pläne machen nicht die allerbesten Lösungen, wenn ihnen nicht auch unmittelbar Handlung folgt.

Auf dem Wege zu dieser Einsicht beschloss ich zu einer Zeit meines Lebens, nur die Pläne zu machen, die ich auch ausführen würde. Dieser Beschluss räumte in meinem Geist auf und hatte eine unglaubliche Wirkung auf meine Handlungskraft.

Echte Meditation ist auch Handlung. Sie baut nicht auf Träume oder Phantasien, sondern führt hin zu einem Ort, wo tiefe Ruhe, Toleranz und große Aufmerksamkeit herrschen. Und hier ist nicht die Rede von Idealen oder schönen Gedanken, sondern von Erfahrung. Das Paradoxe ist jedoch, dass eine solche Meditation in höchstem Maße auf das Leben abfärbt und zu einem Ausgangspunkt für äußere Kraft und Handlung wird.

Wenn man es vermeidet zu handeln und meint, dass träumen und Gedanken mit einem äußeren Ziel vor Augen zu denken, Meditation sei – dann landet man leicht in einem Niemandsland, wo nichts geschieht, außer in der eigenen Gedanken- und Vorstellungswelt (und dann ist es egal, ob man diese Gedanken mit anderen teilt). Natürlich gibt es so etwas wie kreatives Visualisieren, und offenbar kann dies zu bestimmten Ergebnissen führen – jedenfalls auf kurze Sicht. Aber hat man die Möglichkeit zu vergleichen, wenn man nicht das Wesen der Meditation erlebt hat?

Transformation des persönlichen Lebens

Etliche Male habe ich Menschen gesehen, die einen Kurs beenden und mit einer ganz neuen Ausstrahlung heimreisen.. Einer Ausstrahlung, die sie vielleicht selbst nicht unmittelbar auffassen, aber zu Hause fallen die Dinge um sie herum an ihren Platz und es scheint, als ob das, was sie brauchen sich von selbst anbietet.

Natürlich beruht das auf dem alten Geheimnis, dass, wenn ich Lust und den Willen habe etwas zu tun, die Vorsehung auf meiner Seite steht. Die Hemmung, die mich davon abgehalten hat, Initiative zu ergreifen, habe ich durch Yoga beseitigt. Ich sehe, was ich will oder in welche Richtung ich gehen will, und dann eröffnen sich die Möglichkeiten…

Transformation der Umgebung?

Vor einigen Jahren veranstaltete die Vereinigung Transzendentale Meditation eine große Gemeinschaftsmeditation im Globen in Stockholm. Das, so fand ich, war eine gute Initiative, aber ich war überrascht, als einige Teilnehmer berichteten, was sie dort getan hatten. Sie hatten gesessen und gute Gedanken hinaus in die Welt geschickt – Gedanken an Frieden usw.

Einmal in den 70’ern machte TM nämlich einen Versuch in Atlanta, in den USA. Sie beschafften sich ein Haus in einem Slum Viertel; dort traf sich eine Gruppe Menschen und begann für einen längeren Zeitraum, täglich zu meditieren. Die Methode, die sie benutzten, war echte Meditation, in dem Sinne, dass sie nicht versuchten den Geist zu manipulieren oder die Umgebung zu beeinflussen. Sie gaben sich nur der Technik hin, die sie dabei benutzten, nämlich einem Mantra. Kurz gesagt, ist das ein Laut den sie mental, im Geiste, für ca. eine halbe Stunde ein oder zwei Mal am Tage wiederholen, mit gutem Ergebnis für ihr Wohlbefinden.

Nachdem diese Periode abgeschlossen war und sie wieder aus dem Slum Viertel, wo das Haus lag, in dem sie meditierten, ausgezogen waren, ließen sie qualifizierte Leute untersuchen, ob ihre Meditation irgend einen Einfluss auf die Umgebung gehabt hatte. Sie verglichen Statistiken über schwere Verbrechen wie Mord, Vergewaltigung und Überfälle für die Zeit, bevor, während und nachdem sie in in dem Gebiet meditiert hatten. Und es zeigte sich, dass, für die Periode in der sie dort meditiert hatten, schwere Verbrechen auf ein Minimum gesunken waren, um dann, nachdem sie aufgehört hatten, wieder auf das für dieses Gebiet „Normale“ zu steigen.

Meine Überraschung war deshalb groß, als ich hörte, dass man sich im Globus nur mit Gedanken und Vorstellungen beschäftigt hatte.

Gute Gedanken – schlechte Gedanken

Nutzen also ‚gute’ oder positive Gedanken gar nichts? Doch, wenn sie nur keine Schuldgefühle, Scham oder Spannungen schaffen, beim Versuch die ‚schlechten’ Gedanken zurückzuhalten, dann bilden sie auf jeden Fall ein Gegengewicht zu diesen. Wenn wir Gedanken bekämpfen, verwickeln wir uns darin, und sie lassen uns nicht los. In der Meditation vermeidet man es, die Gedanken zu bekämpfen, z.B. indem man sie aufmerksam betrachtet, ohne sich an sie zu hängen. Nach und nach sieht man ein, dass man nicht die Gedanken ist. Man verliert so das Interesse an ihnen und der Geist kommt zur Ruhe. Das wird natürlich nicht mit Willenskraft oder Anstrengung gemacht, sondern durch die Meditationsmethode, die man benutzt. Die Gedanken werden losgelassen und die Aufmerksamkeit wird an der Meditationsmethode oder dem Meditationsobjekt festgehalten. Der Zustand wird konzentriert und vertieft.

Nun ist es ja nicht so, dass man keine guten Gedanken denken soll. Manche Menschen senden gute Gedanken in alle vier Richtungen, nach oben und nach unten, bevor sie ihre Meditation beginnen, aber das gehört in diesem Fall zu dem Ritual, mit dem sie die Meditation umgeben und nicht zur Meditation an sich. Das entspricht dem, dass man in religiösen Ritualen oder in der Meditation zuerst Gott anruft und die Kraft weckt oder den Schutz erbittet, bevor man in die Meditation an sich geht. Dazu habe ich nichts zu sagen, außer, dass sie meinen Respekt haben, und dass ich weiß, dass wenn man auf Gott ohne ein anderes Ziel als Liebe meditiert und echte Lust hierzu hat, so ist die Meditation unwiderstehlich.

Dennoch ziehe ich die Haltung vor, die Lao Tze mit diesen Worten ausdrückt:

„…wenn das Tao verloren geht, ist Kraft da, wenn die Kraft verloren geht, ist Wohltätigkeit da, wenn Wohltätigkeit verloren geht, gibt es Gerechtigkeit, wenn Gerechtigkeit verloren geht, kommt der Anstand.

Anstand bewahren ist aber nur oberflächliche Treue und oberflächlicher Glauben und ist der Anfang von Verwirrung, die Tradition ist nur die Blüte vom Tao und der Anfang von Torheit.

Deshalb wird der wahrhaft Große sich an das Solide halten und nicht beim Äußeren verweilen, er hält sich an die Frucht und verweilt nicht bei der Blüte. Deshalb vermeidet er das letztere und wählt das erste…“

und er fährt fort:

„Kehre zurück zum Reinen. Gib Heiligsein auf, verzichte auf Umsichtigkeit, und die Leute werden hundertmal gewinnen; gib Wohltätigkeit auf, verzichte auf Gerechtigkeit, und das Volk wird zurückkehren zu sohnhafter Liebe und väterlicher Zärtlichkeit; gib Schläue auf, verzichte auf Gewinn, und es wird keine Diebe und Räuber geben.“ (Tao Te Ching)

Die Tiefe, die man erreicht, wenn man nichts als die Meditation an sich sucht, ist groß und lässt sich in keiner Weise vergleichen mit „positivem Denken“ oder Hypnose, was andere Worte sind, für viele Methoden die heute in Mode sind. So wie die vergangenen tausend oder mehr Jahre unter zu viel Disziplin und blinder Autorität gelitten haben, so wird die kommende Zeit leiden an einem Mangel an Disziplin und der Fähigkeit sich bei einer Sache zu halten. Deshalb wird große Verwirrung entstehen, wenn man sich selbst vergisst und von einer sensationellen Methode zur anderen rennt – das Ziel wird aus den Augen verloren.

Jenseits der Gedanken

Ich kann auch die Weise, wie ich hier über Meditation gesprochen habe, mit der Wirkung der Yogastellungen vergleichen, wie ich sie erlebe. Wenn man die verschiedenen Yogastellungen in einem Programm gebraucht, so haben die einzelnen Übungen zweifellos eine spezielle Wirkung auf bestimmte Organe oder Funktionen im Körper. Das zeigen die Untersuchungen, die wir über einen längeren Zeitraum veröffentlicht haben. Aber der Gebrauch eines Yogaprogramms hat auch eine allgemeine Wirkung. Eine Wirkung, die nicht auf bestimmte Details zielt, sondern einen übergeordneten Zustand von Harmonie schafft. Das, was wir als Wohlbefinden, Inspiration, und Konzentration erleben, wenn wir die Übungen ausgeführt haben.

An dieser allgemeinen Harmonie bin ich interessiert. Wenn sie entsteht, so meine ich zu wissen, werden evtl. unharmonische Bereiche im Körper oder im Energiefeld des Körpers durch die Ganzheit beeinflusst. Wenn man die Übungen regelmäßig für längere Zeit wiederholt, dann wird die Krankheit verschwinden.

Soweit ich sehen kann, existiert ein Paradox im modernen“ Krankheitsheilen. Um heilen zu können, muss man nach der gängigen Auffassung vor allem etwas über Krankheiten wissen und nicht über Gesundheit. In der TantraTradition gehen wir vom direkten Gegenteil aus, nämlich dem gesunden und vitalen Menschen. Heilung findet nicht durch das Bekämpfen“ der Krankheit statt, sondern indem man zur optimalen Gesundheit zurückkehrt, die auf Sanskrit mit dem Wort Swastha definiert wird, was sowohl in sich selbst ruhen oder ich selbst sein bedeutet – aber auch gesund und vital sein, im natürlichen Zustand.

Mit dieser Beschreibung vor Augen versteht man, warum man erst recht nicht mit Meditation manipulieren soll; man sucht das höchste Ziel, das ich in meiner Begrenzung nur mit den bescheidenen Worten ausdrücken kann: eine totale Hingabe ans Sein.

Das lässt sich sicher auf andere Weise ausdrücken, religiös, philosophisch usw. Um nicht zu behaupten, ich habe die einzige Definition dafür, ohne Anstrengung eng an seinen Wesenskern zu kommen, will ich nochmal Lao Tze zitieren und es ihn auf seine Weise sagen lassen:

„Dreißig Speichen enden in einer Nabe, und durch das Loch in der Nabe wird das Rad brauchbar.

Man formt Ton zum Gefäß, und durch den Hohlraum wird das Gefäß brauchbar.

Durch die Aussparungen für Fenster und Türen wird ein Haus gebaut, und wegen deren Öffnungen wird es brauchbar.

So ist also das Wesen der Dinge von Vorteil, aber ihre Leere macht sie brauchbar.“ (Tao Te Ching)

Nun ist die Frage, ob Nicht-Anstrengen leicht oder schwer ist? Ja und nein, es muss gelernt werden und trotzdem ist es einfach, so einfach wie z.B. in der Dämmerstunde. Aber für den Schüler, der dies erreichen will, besteht das Training in erster Linie darin, Anstrengung aufzugeben und zu lernen zu empfangen, oder besser einzusehen, dass alles von selbst kommt, wenn man nur am Ziel festhält und auf dem Weg bleibt. Hat man erst einmal gelernt, nicht allen Eingebungen zu folgen, aller Lust sich selbst hervorzuheben und etwas zu sagen, anstatt zuzuhören und zu erleben, dann erreicht man große Inspiration. Wer erst das Schweigen entdeckt hat, dessen Rede hat große Wirkung. Der Weg dorthin kann leicht und einfach sein, wenn man Hingabe kennt. Aber er kann auch schmerzvoll und voller Widerstand sein; und manchmal läuft derjenige weg, der behauptete, ein Schüler zu sein, wenn Erwartungen und Ideale größer sind, als die Fähigkeit das zu erleben, was gerade vor ihnen liegt.

In der Meditation folge ich einer Methode, so dass sie nicht bloß zu einer Vorstellung wird, zu Erwartung, oder Selbsthypnose, sondern zu einer konkreten Erfahrung, so dass die Entspannung echt wird und das Bewusstsein harmonisch erweitert wird …

Trotzdem will ich gerne die Idee der Gemeinschafts-Meditation stützen, weltumfassend oder nur in unseren Schulen. Wenn du an einem unserer Kurse teilgenommen hast, bist du jeden Sonntag um 20 Uhr eingeladen, dann meditieren wir überall in den verschiedenen Schulen.