Man kann nicht am Gras ziehen, um es zum wachsen zu bringen

aber der Boden bekommt Nahrung, wenn die Kinder und Jugendliche Yoga machen

Obengenanntes Zitat war auf einer Konferenz zu hören, an der ich im November ’94 in Paris teilnahm. Ihr Titel war „Erfinde die Ausbildung von morgen“. Yogalehrer, Pädagogen, Schullehrer, Psychologen, Forscher u.a. präsentierten ihre Visionen und Erfahrungen mit einer menschengerechteren Ausbildung für Kinder und Jugendliche. Es kamen 300 Teilnehmer aus 14 Ländern.

Die Vorträge erstreckten sich weit – von sehr theoretischen Beiträgen, z.B. gab es eine halbstündige Abhandlung darüber, was Stille sei, aus allen Winkeln analysiert und vorgestellt von einem polternden Vortragshalter, bis hin zu ganz konkreten Erfahrungen mit Yoga, Entspannungs- und Meditationsmethoden in den Klassenzimmern. Als ich dort im Konferenzsaal saß, fiel mir eine Geschichte ein: Es waren zwei Türen, auf der einen stand „Himmel“, auf der anderen „Vortrag über den Himmel“. In den Boden vor der Tür mit demVortrag über den Himmel war eine tiefe Furche getreten, während der Boden vor der Tür zum Himmel beinah unbenutzt war.

Theoretisch oder praktisch – durchgehendes Thema der Tagung war der Wunsch, Methoden und Ideen einzuführen, die es möglich machen, zu lernen, zu verstehen, sich dem Unterricht mit Lust, Energie und Freude zu nähern, ausgehend von sich selbst. Damit die treibende Kraft nicht allein ein bestimmtes Lernpensum ist, damit der Lehrer nicht bestimmte Antworten erwartet, und die Kinder nicht nur mit auswendiggelerntem Wissen gestopft werden. Einer der Vortragenden wies auf eine Untersuchung im französischen Bildungssystem hin, die zeigte, daß 95% der Schüler sich durch die Schule gestreßt fühlen.

Der Veranstalter der Konferenz, R.Y.E. (Research on Yoga in Education), schreibt in einem Informationsblatt: „Man fordert die Lehrer auf, ein immer anspruchsvolleres Programm durchzunehmen, aber man tut nichts um das Erinnerungsvermögen zu entwickeln. Man sagt zu den Kindern: ‚Dann hör doch zu!‘, aber man lehrt sie nicht sich zu konzentrieren.“

Der Referent Jacques de Coulon, Yogalehrer und Rektor an einem Gymnasium in der Schweiz:

„Es müßte verschiedene Ebenen innerhalb der Ausbildung geben. Wenn man den Menschen mit einer Postkutsche vergleicht, so ist der eigentliche Wagen der physische Körper. Die Gefühle sind die Pferde, und der Kutscher der Intellekt. Es ist selbstverständlich wichtig, daß eine enge Zusammenarbeit zwischen Kutscher und Pferd besteht. In der Kutsche gibt es einen Reisenden und er/sie ist die spirituelle Ebene, und hier haben wir es mit dem Sinn des Lebens zu tun, denn der Reisende kennt das Ziel der Reise, er weiß wohin er will. Du kannst einen Kutscher haben, der das Pferd wirklich kontrollieren und dirigieren kann, aber wenn er nicht weiß, wohin der Reisende will, fährt er nur im Kreis.

Die Ausbildung müßte all diese Ebenen entwickeln und die Verbin- dung zwischen ihnen fördern. Yoga schafft Verbindung zwischen der körperlichen Ebene, den Gefühlen, dem Intellekt und dem Spirituellen.

Im Schulsystem in der Schweiz, wo ich arbeite, sind 90% der Disziplinen auf der intellektuellen Ebene beheimatet.“

Eine Workshopleiterin der Konferenz, Paula Gatti, aus Montevideo in Uruguay, ist eine der beiden Yogalehrerinnen an einer Schule mit 200 Schülern. Zu Beginn des Schultages macht die gesamte Schule 10 Minuten Entspannung oder Meditation, und dasselbe geschieht am Nachmittag, wenn der Schultag endet – alle 200 Schüler, genau zum selben Zeitpunkt. Alle Klassen haben zwei Yogastunden pro Woche in einem Raum, der nur für Yoga genutzt wird. Sämtliche Klassen beginnen mit einigen Minuten Stille. Entweder sitzen die Schüler nur ganz still, mit geschlossenen Augen oder – die Kleineren – zeichnen in Stille. Laut Paula erleben die Lehrer bei den Kindern eine weitaus größere Motivation und Arbeitsfreude und ein größeres Erlebnis von sozialer Gemeinschaft – verglichen mit gewöhnlichen Schulen. Der Titel des Workshops lautete „Eine glückliche Schule in Montevideo“.

R.Y.E. ist ursprünglich eine französische Organisation, gegründet und geleitet von Micheline Flak (Swami Yogabhakti), einer Schülerin von Swami Satyananda. R.Y.E. hat Niederlassungen in vielen größeren Städten in Frankreich sowie 5 in anderen Ländern mit dem Ziel, die Anwendung von Yoga in Schulen und anderen Ausbildungseinrichtungen zu verbreiten. Eine der Aktivitäten von R.Y.E. ist, eine Ausbildung von Lehrern zu fördern, so daß diese verschiedene körperliche Übungen, Atemübungen und Entspannungstechniken in ihrem Unterricht anwenden können. Die Methoden sind so angepaßt, daß die Schüler entweder sitzen oder hinter ihren Stühlen stehen. Eine Voraussetzung für die Teilnahme an dieser Ausbildung ist, daß man selbst regelmäßig Yoga praktiziert.

An der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule haben wir oft Kontakt mit Volksschulen und Gymnasien im ganzen Land. Wir bekommen Besuch von Klassen und gehen hinaus in Schulen und halten Einführungen, sowohl in Theorie wie Praxis, wobei die Schüler nicht auf ihren Stühlen sitzen bleiben, sondern ein ganzes Yogaprogramm, eine Entspannung und eine Meditation machen.

Einige Klassen beschließen zum Beispiel drei Lektionen an drei aufeinanderfolgenden Tagen zu nehmen. Auf diese Weise erfahren sie deutlich, wie sie durch Yoga u.a. dazu fähig werden, ihre Energie auf etwas für sie bedeutsames zu richten und sich besser konzentrieren.

Das ein Schullehrer, mitten in einer Stunde mit Hilfe einiger einfacher Übungen, wieder Aufmerksamkeit und Interesse bei den Schülern schaffen kann ist wertvoll. Den größten Nutzen davon Yoga in der Schule zu machen, meinen wir jedoch, kann man haben, wenn man die obengenannten Übungen mit eigentlichen Yogaklassen kombiniert, die von einem Yogalehrer, mit einer gründlichen Ausbildung hinter sich, unterrichtet werden.

Es ist sehr inspirierend und erfrischend Kinder- und Jugendgruppen zu unterrichten, da diese eine natürliche Neugierde und Lust haben zu erforschen, was geschieht, wenn man Yoga macht. Und die Fragen, die sie stellen sind sehr ehrlich und direkt. Studiert man Kinder, kann man sehen, daß sie von Geburt an eine unglaubliche Fähigkeit haben – und das manchmal von einer Sekunde zur anderen – ihren Bewußtheitszustand zu verändern . Ein Kind kann voller Fahrt sein, bis es mit einem Mal mit etwas beschäftigt ist und alles um sich herum vergißt. Wer hat z.B. nicht schon einmal ein Kind erlebt, das einen anstarrt, z.B. im Bus. Ein Blick, der einfach auf einem ruht, ununterbrochen, ohne die Konzentration auch nur für eine Sekunde zu verlieren, während man selbst die ersten paar Male weggeschaut hat. Man erlebt oft, daß Kinder auf sehr unmittelbare Weise beim Yoga dabei sind, als ob es etwas sei, das sie bereits kennen.

Die Entspannung Yoga Nidra ist immer sehr populär, auch in unseren normalen Klassen für Kinder. Ca. 20 Minuten liegen sie völlig still und hören mit geschlossenen Augen zu. Yoga Nidra ist eine Entspannung, bei der man weder darum gebeten wird, sich zu entspannen noch sich vorstellen soll, man sei entspannt: Der entspannte Zustand wird durch die Technik ausgelöst. Zum Ende von Yoga Nidra soll man verschiedene Bilder sehen; hiervon halten Kinder sehr viel und tun dies ohne weiteres. In manchen Schulen hat man die Tonkassette mit Yoga Nidra ganz und gar übernommen. Sie wird regelmäßig in den Klassen benutzt, als eine Methode um wirklich eine Pause zu machen und die „mentale Tafel sauber zu wischen“, um den Schülern die Zeit und die Möglichkeit zu geben, all die Information und Eindrücke, die sie bekommen, zu verdauen.

Yoga ist eine Methode, um zu sich selbst zurückzukehren – mitten in dem Leben, das man lebt, so daß man wieder erleben, handeln und nicht zuletzt lernen kann.