Attitüde oder Einsicht

„Kann man sich immer noch frustriert und unzureichend fühlen, selbst wenn man viele Jahre meditiert hat?“ fragte mich ein Journalist vor kurzem, „oder geht man andauernd mit einem Lächeln auf den Lippen umher?“

Mir fiel eine Frau von einem unserer Meditationskurse ein. Als sie nach der Meditation nach Hause kam, kamen ihre Kinder ihr sehr laut entgegen und warfen sich um ihren Hals. Sie wollte in der angenehmen Ruhe, die sie in der Meditation erreicht hatte, bleiben und versuchte deshalb sie sich vom Leib zu halten. Sie stellte sich vor, dass die Kinder das Ganze zerstören würden.

Ich gab ihr den Rat, die Kinder ganz und gar zu akzeptieren und nicht zu versuchen, sich an irgendeinen Zustand zu klammern. Die Wirkung der Meditation hat man in jedem Falle, gleichzeitig kann man am Leben teilnehmen und die eigenen verschiedenen Seiten zum Ausdruck kommen lassen – und es ist völlig in Ordnung, normal zu reagieren.

Jeder einzelne erlebt sicher Yoga und Meditation auf seine eigene Art. Es macht Spaß, die Möglichkeiten der Übungen zu entdecken und sie an sich selbst auszuprobieren. Aber die grundlegenden Wirkungen sind dieselben für alle – Körper und Geist finden ihre natürliche Balance.

Wenn ich den ganzen Tag in vollem Schwung bin und es mir schwer fällt, mich am Abend zu entspannen, so gibt die Meditation mir Ruhe. Aber wenn ich müde bin und ich nicht in Gang komme, so gibt sie mir neue Energie.

An einem Yoga- und Meditationskurs, den wir vor einigen Jahren in Deutschland hielten, nahm eine Frau mit sehr hohem Blutdruck teil. Sie hatte alle möglichen Therapien versucht, aber nichts hatte geholfen. Jetzt setzte sie ihr Vertrauen auf Yoga. Sie hatte einen Blutdruckmesser mit und wir nahmen ihren Blutdruck bei verschiedenen Gelegenheiten während des Kurses.

Nach der Tiefenentspannung Yoga Nidra, gefolgt von der Meditation Quelle der Energie, die u.a. auf einer speziellen Atmung basiert, war ihr Blutdruck fast normal.

Bei einer anderen Kursteilnehmerin stellte sich heraus,dass sie zu niedrigen Blutdruck hatte. Wenn wir ihn gemessen hatten, sahen wir zu unserer Überraschung, dass er tatsächlich nach denselben Übungen gestiegen war!

Eine Erklärung dafür kann sein, dass diese Techniken uns helfen, zu entspannen und die Gedanken, Eindrücke und Zustände loszulassen, die sonst in den Muskeln und Organen sitzen und das Nervensystem beeinflussen – und der Blutdruck wird normalisiert.

Wenn man von etwas bedrückt wird, kann man es manchmal so erleben, als hätte man eine Blase um sich herum. Wenn man das Problem gelöst hat oder eine Sorge los wird – fühlt man sich wieder wohl. Plötzlich gewinnt man wieder mit den Menschen um sich herum Kontakt und schätzt die kleinen Tagesereignisse.

Yoga und Meditation sollten diese Blasen entfernen – egal ob sie von Sorgen, Idealen oder Selbstbezogenheit herrühren – und keine neuen verursachen. Falls man noch eine „meditative Pose“ annimmt, so gerät man in eine neue Blase, die die Aufmerksamkeit und Meditation hemmen und einem zur Last fallen kann.

Die Einsicht, dass man nicht auf Attitüden baut, aber dass man mit sich selbst rechnen kann und dass die Meditation keine Krücken braucht – ist grundlegend in unserem Unterricht, der von der tantrischen Tradition inspiriert ist. Als ich an meinem ersten Yogakurs in dieser Schule teilnahm, erlebte ich, dass ich so sein konnte wie ich war. Es gab nichts, dem ich nacheifern sollte und keiner versuchte, mich von irgendwas zu überzeugen. Das bewirkte, dass ich entspannen und die Wirkungen von Yoga erleben konnte.

Zwei junge Kerle kamen eines Tages zu mir in die Schule. Sie wollten wissen, was Yoga ist. „Soll man an etwas glauben?“ fragten sie. „Nein, Yoga ist wie Fußball“, antwortete ich. „Es ist etwas, das man macht. Es ist nicht etwas, woran man glaubt.“

Vielleicht bekommt man eine größere Perspektive in verschiedenen Dingen oder vielleicht neue Werte, aber es ist nichts, dass man annimmt, die Einsicht wächst von selbst heran.