Der entspannte Zustand und die Wissenschaft


Stau entsteht während der Stoßzeiten in unseren Städten. Zu anderen Zeiten des Tages gibt es weniger Verkehr und er fließt deshalb besser. Ähnlich ist es mit Körper und Geist. Wenn die elektrische Aktivität des Gehirns sinkt, erleben wir einen weniger gestressten und weniger blockierten Zustand als den, in dem wir uns normalerweise in unseren alltäglichen Unternehmungen befinden.

Früher teilte man unsere grundlegenden Bewusstseinszustände in drei Hauptbereiche: Tagesbewusstsein, Traum und Schlaf. Aber in den letzten ca. 30 Jahren hat die Wissenschaft eine mehr nuancierte Anschauung unserer Zustände bekommen. Ende den Sechziger wurde die Doktorarbeit eines Arztes in den USA, Dr. Keith Wallace, mit dem Titel Meditation als der vierte Hauptbewusstseinszustand angenommen. Im Nachhinein folgten viele unterschiedliche Werke und Untersuchungen über die veränderten Bewusstseinszustände. Eines der Hauptwerke von 1969 ist weiterhin eine empfehlenswerte Lektüre: Altered States of Consciousness, eine Sammlung von Artikeln aus der ganzen Welt, redigiert von Professor Charles T. Tart.

Das entspannte Gehirn

Der entspannte Zustand bekam eine wissenschaftliche Bezeichnung, die praktisch ist, aber auch begrenzend. Man nannte ihn den Alpha Zustand. Kleine runde Silberplatten, sogenannte Elektroden, werden an vielen Stellen auf die Kopfhaut geklebt. Die Elektroden sind mit einem Elektroencephalographen (EEG) verbunden. Hier gibt es eine Reihe von Schreibstiften, die jeweils mit einer Elektrode verbunden sind. So wird die Aktivität des Gehirns gemessen. Jedes Mal, wenn ein Impuls durch die Elektroden vom Gehirn kommt, geben die Schreiber einen Ausschlag, und zeichnen eine Wellenlinie auf das Papier, das darunter vorbeigezogen wird – daher das Wort Gehirnwellen. Inzwischen wird das Ganze in Computern registriert und analysiert. Die Wellen sind dann auf einem Schirm zu sehen.

Man teilte die Aktivitäten des Gehirns in vier Bereiche. Sieh Schema unten.

Beta, 13-40 Hertz, normal, aktiv

Alpha,8-13 Hertz, entspannt

Theta,4-8 Hertz, Traum, Schlaf

Delta,1-4 Hertz, tiefer Schlaf

Die Aktivität des Gehirns

Je aktiver das Gehirn ist, desto mehr Impulse werden von den Nervenzellen abgegeben. Die Beschreibung der vier Bereiche, ihre Frequenz (Hertz oder Schwingungen pro Sekunde) und ihre wissenschaftlichen Namen kannst du hier sehen.

Die Messwerte sinken von Beta zu Alpha, wenn man entspannt, tagträumt oder meditiert. Wenn die Verlangsamung der Wellen anhält, gehen wir in den Zustand von Theta über, was entweder ein leichter Schlaf- oder Traumzustand oder aber ein Zustand tiefer Entspannung oder Meditation sein kann. Wenn wir weiter in Tiefschlaf sinken, werden Deltawellen aufgenommen.                                      

Heute ist man in der Lage, die Hirnwellenmuster zu filtern, was in den 1960ern und 1970ern noch nicht möglich war. Dies ermöglicht es, zu zeigen, dass diese Muster selten rein sind; verschiedene Frequenzen werden üblicherweise gleichzeitig gemessen. Zum Beispiel dominieren Alpha-Wellen im  entspannten Zustand, aber es kann auch, abhängig von der Tiefe des Zustandes, ein wenig Beta- oder Theta-Aktivität vorhanden sein.

Wenn eine Person im Theta-zustand, bewusst ist, ist auch ein Anteil Alpha-Wellen vorhanden. Dies kann in tiefer Meditation oder bei Wachträumen der Fall sein.

Außer dem EEG hat man andere Methoden, den entspannten und den etwas tieferen meditativen Zustand zu messen:

Der Hautwiderstand wird z.B. zwischen zwei Elektroden auf der Handfläche gemessen. Hat man einen großen Hautwiderstand, ist die Handfläche trocken und man ist entspannt. Wenn man dagegen ein bisschen gereizt wird, dauert es nur ein paar Sekunden, bevor der Hautwiderstand auf Grund einer kaum bemerkbaren Schweißabsonderung auf der Handfläche sinkt. Der Hautwiderstand wird zur Messung der Reaktionen des autonomen Nervensystems genutzt und kann enthüllen, wenn das Stress- oder Angstniveau verstärkt oder vermindert wird. Eine ähnliche Methode verwendet man in den Lügendetektoren.

Die elektrische Spannung in den Muskeln sinkt, wenn man sich entspannt, wie in den Yogastellungen. Wenn man einen Muskel für eine Weile streckt,nehmen die Spannungen ab. Die Muskelspannung wird ebenfalls mit Elektroden, die man auf die betreffenden Muskeln klebt, gemessen.

Der Puls sinkt während der Entspannung oder Meditation. Das Gleiche geschieht mit der Frequenz oder Geschwindigkeit des Atems.

Was heißt es, entspannt zu sein

„Manche Menschen meinen, sich nicht konzentrieren und erst recht sich nicht entspannen zu können. Sie können dies vielleicht auch nicht ohne weiteres und mit reiner Willenskraft.

Andere meinen hingegen, dass man sich nur auf einen Stuhl setzen, die Beine hochlegen und die Augen schließen sollte. Diese Leute können jedoch nicht immer Ergebnisse aufweisen, wenn man z.B. ihren Blutdruck misst.

Ich will aber behaupten, dass jeder eine tiefe Entspannung erreichen kann, wenn er richtige und systematische Anleitung bekommt. Und kann man sich erst einmal entspannen, dann kann man auch seine Konzentration verbessern.“

(Zitat von dem kleine Buch des Yoga Nidra  zum re-mastered CD Erlebe Yoga Nidra)

Es ist möglich, Erfahrungen mit Yoga, Entspannung und dergleichen zu haben, und trotzdem sich selbst zu betrügen und sich einzubilden, dass man entspannt sei, auch wenn man es nicht ist. Ich habe selbst Tage erlebt, an denen ich glaubte, ich könne meine Yogapraxis auslassen. Wenn ich mir dennoch die Zeit genommen habe, Yoga zu üben, habe ich anschließend einen bedeutenden Unterschied in meinem Zustand verspürt. Es ist wichtig, dass man sich nicht von seinen Vorstellungen wie man sich fühlt, hypnotisieren lässt. Auch soll man nicht versuchen, ein bestimmtes Erlebnis zu erreichen – man folgt einfach der Technik.

Die Entspannungsreaktion

Es ist leicht, erregt oder gestresst zu werden. Die Art und Weise, wie der Körper in einem solchen Zustand reagiert, wird als Kampf-Flucht-Reaktion bezeichnet: In einer gefährlichen Situation bereitet sich der Körper zur Flucht oder zum Kampf vor. Der Blutdruck steigt und die Blutzufuhr zum Gehirn und zu den Muskeln verstärkt sich zu Lasten der inneren Organe. Oft steht diese automatische Reaktion in keinem Verhältnis zu dem, was sie verursacht hat. Ein kleines Problem im Alltag kann genug sein, um einen gestressten Zustand auszulösen.

Dr. Herbert Benson von der Beth Israel Hospital School in Boston hat durch seine Forschung über den erhöhten Blutdruck die Bedeutung einer ordentlichen Entspannung erkannt. Er hat mit seinem ersten Buch (The Relaxation Response) den Begriff Entspannungsreaktion, in Verbindung mit der Forschung über Entspannung und Blutdruck, eingeführt. Im Gegensatz zur Kampf-Flucht-Reaktion kommt die Entspannungsreaktion nicht  immer von selbst, wenn man sie benötigt.

„Nur still zu sitzen oder z.B. fernsehen, ist nicht genug, um diese physiologischen Veränderungen hervorzubringen. Man benötigt eine Entspannungstechnik, die den Strom der alltäglichen Gedanken unterbricht, und die Aktivität im sympathischen Nervensystem reduziert.“
(Dr. H. Benson)

Mit der Entspannungstechnik sprechen wir von etwas, das eine wirksamere Entspannung geben kann, als was du mit einem Spaziergang oder Schlaf erreichst. Mit einer Entspannungstechnik lernst du, einen Zustand von Ruhe zu erreichen, der tiefer ist als der im Schlaf, wobei du aber zugleich bewusst bleibst und miterlebst, was geschieht. Du wirst mit dem entspannten Zustand vertraut.

„Es scheint, dass die Vorteile eher von der Physiologie der Entspannung als von reiner Suggestion herkommen” (Dr. P. M. Lehrer).

Die Entspannungstechnik wirkt von allein, man braucht nur still zu liegen und sich den Instruktionen hinzugeben.

Was ist was?
Das Dilemma des Wissenschaftlers
Ich schaute vor kurzem in die Medline-Datenbank, die Berichte enthält, die in anerkannten Forschungszeitschriften veröffentlicht wurden. Dort sind mehrere tausend Einträge über Entspannung, Yoga und Meditation zu finden, die in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht wurden.

Als ich durch die Berichte ging, wurde ich auf Unstimmigkeiten in einigen von ihnen aufmerksam. Die frustrierten Forscher konnten sich die widersprüchlichen Ergebnisse nicht erklären. Allerdings  erkannte ich sofort den Grund: Sie sahen alle Meditationen als gleich an, egal, welche Art von Methode sie untersuchten. Tatsache ist, dass die Ergebnisse stark davon abhängen, welche Meditationstechnik angewendet wird.

In einigen Meditationen ziehst du die Sinne zurück, in anderen bist du dir mehr deiner Sinne bewusst. Es gibt Meditationen, die deinen Geist einspitzig machen und Meditationen ohne Konzentrationspunkt, die auf der Fähigkeit basieren die Ganzheit in und um sich selbst wahrzunehmen.

Manche Methoden führen nur zu einem leicht entspannten Zustand, während andere deutliche Veränderungen deines allgemeinen Zustands hervorrufen. Bestimmte tantrische Meditationen, z.B. Innere Stille,  sind als eine sich entwickelnde Abfolge aufgebaut, die eine ganze Reihe der erwähnten Methoden enthält – sie umfasst das Spektrum von nach außen gerichtetem Bewusstsein hin zu tiefer innerer Ruhe in sich selbst.

Mittels Meditation und Aufmerksamkeitstraining wirst du außerdem imstande sein, zu merken, wenn der Kampf- oder Flucht-Reflex dabei ist, ausgelöst zu werden und dadurch wirst du besser wählen können, wie du reagieren möchtest.

Was hat man vom Entspannen?

„Wohlbefinden natürlich“, ist die Antwort, wenn du diejenigen fragst, die eine gute Entspannung erlebt haben, „und Kreativität“. Die jetzige Forschung ist jedoch an etwas mehr interessiert. Sie würde gern herausfinden, ob es andauernde und tiefgehende physiologische Wirkungen gibt.

Seit der Doktorarbeit von Wallace in den sechziger Jahren wurde viel über den entspannten Zustand und über die Wirkung von Entspannung auf Körper und Geist geforscht. 1986 veröffentlichte die New York Times einen Artikel von Daniel Goleman, der darauf hinweist, dass der experimentelle Beweis sehr viel stärker war als in den Vorjahren, zugunsten der Entspannungstherapie zur Behandlung vieler Krankheiten.

Die Immunabwehr wird mit der Entspannung gestärkt

Etliche Forscher haben dokumentiert, dass die Entspannungstechniken, manchmal mit anderen Yogatechniken und Meditation ergänzt, als eine Alternative oder als eine Ergänzung zur traditionellen Behandlung von Menschen verwendet werden können, die unter Diabetes, hohem Blutdruck, Stress, Schlafproblemen, chronischen Schmerzen, Rheumatismus, Angst, Krebs, Asthma, Psoriasis, Alkoholismus, Epilepsie u.a. leiden.

Dass Entspannung die Immunabwehr stärkt, ist wohl für die meisten von uns das Interessanteste. Sie kann deshalb dazu beitragen, dass wir uns vor Krankheiten schützen können, indem wir weniger anfällig für Bakterien- und Vireninfektionen werden. Der Wirkungsgrad hängt natürlich davon ab, ob man die Entspannung regelmäßig verwendet.

Beispiele aus der Forschung

– In Marylebone Health Centre ist es durch Anwendung von Yoga, Meditation und Entspannung gelungen, den Gebrauch von Medikamenten um 40% herabzusetzen 1).

– Ein amerikanischer Jägerpilot, der 6 Jahre lang einen zu hohen Blutdruck gehabt hatte, unterzog sich verschiedenen Behandlungen (Medikamente, Diät, physisches Training) ohne Resultat. Nach einem 6-wöchigen Programm mit Yoga und Entspannung wurde sein Blutdruck normal, und er hat seinen Fliegerstatus vollständig wiedererlangt. Und wie die Forscher hervorheben, hat die Entspannung, im Vergleich zu Medikamenten, auch den Vorteil, dass keine Nebenwirkungen auftreten, etwas, das für einen Piloten gefährlich sein kann 2).

Es gibt viele Artikel über den Effekt der Entspannung auf hohen Blutdruck – Yoga hat aber auch eine gute Wirkung auf niedrigen Blutdruck, weil die Übungen den Blutdruck normalisieren:

„Nach ca. zehn Lektionen sind die Patienten imstande, ihren Stress und ihren hohen Blutdruck zu kontrollieren“ 3).

– Aus einer Untersuchung mit HIV-Positiven: „Diese Resultate zeigen, dass Stresskontrolle (mit Entspannung und Meditation), die sowohl die Nebenwirkungen auf das Nervensystem als auch die Angst vermindern, ein passender Bestandteil der Behandlung von HIV sein könnte“ 4).

– Von 149 Diabetikern konnten 104 die medikamentöse Behandlung nach 40 Tagen Training mit Yoga und Entspannung vermindern 5).

– 11 Epileptiker, die resistent gegen epileptische Medizin waren (sie hatte keine Wirkung), meditierten 20 Minuten jeden Tag. Nach einem Jahr konnte man einen bedeutenden Rückgang in der Anzahl der epileptischen Anfälle messen, und die Anfälle wurden außerdem kürzer 6).

– Bei 73 Patienten mit einem fortgeschrittenen Krebs, die 20 Mal meditiert hatten, zeigten 10 % einen kräftigen Rückgang im Wachstum des Tumors und weitere 10 % hatten einen weniger bemerkenswerten Rückgang. 50 % erlebten eine klare Verbesserung ihrer Lebensqualität 7).

– 51 Patienten mit chronischen Schmerzen, die in einer traditionellen medizinischen Behandlung nicht besser wurden, nahmen an einem 10-wöchigen Meditations- und Entspannungsprogramm teil. 50 % der Patienten erreichten eine Schmerzabnahme von 50 % oder mehr, und weitere 15 % der Patienten zeigten eine Abnahme von 33 % oder mehr 8).

– 9 Patienten mit Asthma nahmen an einem Internatskurs mit Yoga und Meditation teil. Nach einer Woche waren sie im allgemeinen entspannter und sie konnten leichter atmen, weil die Muskeln, die die Ein- und Ausatmung steuern, entspannter waren 9).

Unsere Erfahrung von unseren längeren Kursen, z.B. dem 3-Monatskurs, zeigt uns, dass mehrere Studenten sich während des Kurses völlig von den Symptomen des Asthma befreit hatten.

Dodstilla

Das ursprüngliche Yoga Nidra im Vergleich zu den Entspannungen, die auf Suggestionen bauen

Im Zusammenhang mit einem größeren Forschungsprojekt an der Kölner Universitätsklinik, Anfang der 80er Jahre, wurde eine Gruppe von Lehrern der Skandinavischen Yoga- und Meditationsschule während Yoga Nidra untersucht. Ein Forscher, der mit anderen und mehr suggestiven Formen der Entspannung – bei denen man sich z.B . vorstellt, dass man entspannt ist – vertraut war, nahm an dieser Messung teil.

Die Forscher in Köln fanden, dass Yoga Nidra einen durchgreifenderen Effekt hatte als die oben genannten Entspannungen, die auf Suggestion oder Hypnose bauten. Die Alpha-Wellen deckten das ganze Gehirn, wogegen sie in anderen Entspannungen nur hier und da vorkamen. Die Alpha-Wellen waren außerdem während der ganzen Entspannung konstant, wohingegen sie in anderen Entspannungen kamen und gingen. Die Balance zwischen den EEG’s der beiden Gehirnhälften war besser in Yoga Nidra, d.h. dass die zwei Gehirnhälften besser miteinander kommunizieren. Diese Ergebnisse sind wieder 1997 durch eine Untersuchung bekräftigt worden: Bilder von der Aktivität des Gehirns während Yoga Nidra.

Während Yoga Nidra wird man nicht einmal darum gebeten, sich zu entspannen. Das Wort Entspannung taucht gar nicht in den Instruktionen auf. Man erlebt seinen Körper, dessen verschiedene Teile, seinen Atem, verschiedene Zustände wie Schwere und Leichtigkeit, Wärme und Kälte und verschiedene mentale Bilder und Symbole. Und es ist diese sehr systematische und festgelegte Aktivität, die die Entspannung auslöst. Lies mehr hier: Tantra und Yoga Nidra – vom Wissen und den Methoden in Tantra, die hinter den tantrischen Ritualen liegen und die Yoga Nidra so einmalig effektiv machen.


1) Holistic GPs cut prescribing costs to 40% of average. Pulse 1989 Nov 25.

2) Treatment of essential hypertension with yoga relaxation therapy in a USAF aviator: a case. Brownstein AH. Dembert ML.

3) In training for relaxation. Hodgkinson L.

4) Effects of a behavioral stressmanagement program on anxiety, mood, selfesteem, and
T-cell count in HIV positive men. Taylor DN.

5) A study of response pattern of non-insulin dependent diabetics to yoga therapy. Jain SC. Uppal A. Bhatnagar SO. Talukdar B.

6) Meditation improves clinicoelectroencephalographic measures in drug-resistant epileptics. Deepak KK. Manchanda SK. Maheshwari MC.

7) What can cancer patients expect from intensive meditation? Meares A.

8) An outpatient program in behavioral medicine for chronic pain patients. Kabat-Zinn J.

9) Study of pulmonary and autonomic functions of asthma patients after yoga training. Khanam AA. Sachdeva U. Guleria R. Deepak KK.