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Die Dämmerstunde

– Zeit zum Sein

redigiert von Swami Janakananda


Ich bin auf den Färoinseln aufgewachsen. Als ich ungefähr acht Jahre alt war, lebte ich bei der Schwester meiner Großmutter in einem kleinen Dorf, Hove, wo es noch keine Elektrizität gab. Ich kann mich erinnern, dass wir, wenn der Tag sich seinem Ende neigte, uns still in der Küche hinsetzten, niemand sagte etwas. Die Petroleumlampe durfte nicht angezündet werden, bevor es völlig dunkel war. Ich kann mich erinnern, dass die Kinder um Schweigen gebeten wurden – wir sollten nur still sitzen und nichts sagen. Die Schwester meiner Großmutter, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn setzten sich, und wir waren alle still. Nun fiel eine phantastische Stille über den Tag. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich gebeten wurde die Augen zu schließen. (Shanti)

Im Norden, der für uns, die hier leben, alle nordischen und skandinavischen Länder umfasst, gibt es eine Tradition, die ein so natürlicher Teil der Kultur war, dass man nicht bemerkt hat, dass sie dabei ist, völlig in Vergessenheit zu geraten.

Die Idee zu diesem Artikel kam mir eines Tages, als ich mich daran erinnerte, wie ich als Kind gebeten wurde, still zu sitzen, während die Sonne unterging und es dunkel wurde. In den nordischen Ländern dauert die Dämmerung wesentlich länger als in südlicheren Ländern; am Äquator geht die Sonne innerhalb von wenigen Minuten unter, im Norden kann dies jedoch, je nach Jahreszeit, mehr als eine Stunde dauern.

In meiner Familie nannten wir dies die Dämmerstunde. Mit meiner Mutter saß ich gelegentlich und erlebte das Scheiden des Tages; wenn ich aber meine Tante besuchte, so geschah dies jedes Mal, ganz konsequent, es wurde kein Licht angeschaltet, kein Radio, kein Reden, einfach sitzen und erleben, wie die Dunkelheit herab fiel. Als es dann in der Wohnung meiner Tante beinah völlig dunkel geworden war, kam draußen, auf der Gammeltoftsgade in Kopenhagen, wo sie gegenüber dem städtischen Krankenhaus wohnte, ein Mann vorbei. Er zog mit einer langen Stange an einem kleinen Ring an der Gaslampe draußen vor dem Fenster, so dass deren Sparflamme aufflammte und die ganze Lampe anzündete – dann war das Zwielicht für uns vorbei, und der Abend mit all seinen Aktivitäten begann: Mahlzeit, Gemeinschaft, Radio usw.

Nachdem ich vor einigen Jahren diese Erinnerung an die Dämmerstunde wieder ins Leben gerufen hatte, begann ich meine Schüler, besonders in den skandinavischen Ländern, zu fragen, ob sie nicht diesen Brauch kannten – und was sie in diesem Zeitraum taten. Es zeigte sich, dass zwischen 10 und 20 Prozent die Dämmerstunde entweder von zu Hause kannten oder sie noch immer benutzten. Je weiter man nach Norden kommt, ins nördliche Skandinavien und nach Finnland, desto besser erinnert man sich daran und benutzt sie noch. Aber auch in unserem südlichsten Land, in Dänemark, existiert eine starke Tradition. Aus Deutschland haben wir einige wenige Berichte von der Blauen Stunde“ erhalten und möchten gern mehr darüber hören, und ich wäre dankbar, wenn Leute aus Holland, England, Schottland, Irland, Kanada, Grönland, Chile, Tasmanien, und Neu-Seeland, ja natürlich auch andere, und gerne mehr aus dem Norden, uns Schreibern und Lesern hier im Lesesaal berichten können, ob sie das, was wir hier beschreiben werden, kennen.

Kura Mosning

…hieß es an der Westküste (in Schweden, wo es sonst ‚Kura Skymning‘ heißt). Als meine Mutter, die 1923 geboren ist, Kind war, war dies täglicher Brauch bei den älteren Familien. Sie wuchs in einem alten Fischerdorf südlich von Varberg auf, das heute Träslövsläge heißt. Sie berichtet, dass die ganze Familie, und oft auch Arbeitskollegen und Nachbarn, sich im Hause versammelte, wenn es begann dunkel zu werden. Sie saßen in Ruhe und Frieden zusammen, ohne etwas zu tun, sie saßen einfach und erlebten wie die Dämmerung sank. Manchmal sprachen sie über verschiedene Dinge, die während des Tages passiert waren und es geschah, dass die Alten Geschichten erzählten. Man saß zusammen bis es völlig dunkel geworden war. Dann zündete man die Petroleumlampen an, und allmählich ging jeder zu sich nach Hause. (Mira)

Im Norden besteht ein großer Unterschied zwischen Sommer und Winter. In Dänemark haben wir für einen großen Teil des Sommers die hellen Nächte, in denen es nie richtig dunkel wird. Und je weiter man im Sommer nach Norden kommt, desto heller ist es nachts. In Nordschweden, Nordnorwegen, Nordfinnland, Island und Grönland geht die Sonne für eine Zeit im Sommer überhaupt nicht unter – sie bewegt sich mitten in der Nacht am Horizont entlang. Mitten im Winter hingegen wird es in den nördlichen Gegenden spät hell und sehr früh dunkel. In Dänemark liegt die Dämmerstunde in Dezember und Januar mitten am Nachmittag. Im übrigen Winter und in Frühjahr und Herbst fällt die Dämmerung aber auf einen Zeitpunkt spät am Nachmittag, wo viele sie ausnutzen können. Am Äquator, in Singapur zum Beispiel, geht die Sonne das ganze Jahr ungefähr zur gleichen Zeit unter, und das geschieht für einen Bewohner des Nordens enttäuschend schnell. Auch am Äquator ist es jedoch möglich, eine kurze Dämmerstunde von nur wenigen Minuten zu erleben – falls man nicht gerade in ein Geschäft muss um etwas zu erledigen während es noch hell ist – fünf Minuten später, wenn man wieder herauskommt, ist es, abgesehen von der Straßenbeleuchtung, stockdunkel.

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Dämmerung, ca. 1927. Zu den Zeiten des Jahres, als es dunkel wurde, bevor man ins Bett ging, hielt man das Dämmerstündchen ab. Die Dämmerung füllte die Stube und dämpfte die Gespräche, sie konnten zu Geschichten und Märchen werden. Auf der Straße kroch die Dunkelheit zwischen den Gaslaternen voran und wartete zusammen mit uns auf den Laternenanzünder. Er pflegte mit dem Fahrrad zu kommen, aber mit Spazierstock. Aus diesem zog er einem langen Stock hervor mit einem Haken darin, der etwas oben in der Laterne fassen konnte, so dass diese angezündet wurde. Oft machte es nichts, wenn er auf sich warten ließ. (Ib Spang Olsen)

Schümmernis

In meiner Kindheit war es zu Hause eine natürliche Sache, dass man – wenn auch nicht jeden Tag – seine Aktivitäten einstellte, sich hinsetzte und zusah wie die Dunkelheit sich senkte.

Wir hatten zwei Arten von ‚Blaue Stunde‘, eine Winterversion und eine Sommerversion.

Eine für die Winternachmittage drinnen in der Stube – ich erinnere mich an einige schöne Sonnenuntergänge vor unserem großen Stubenfenster. Wir hatten kein Fernsehen, und ich bezweifle, dass am Nachmittag überhaupt etwas gesendet wurde, damals in den frühen 60’er Jahren. Am Nachmittag bügelte meine Mutter oder arbeitete mit ihren Holzschnitten, und ich hörte manchmal die Kinderstunde im Radio. Nach der Kinderstunde kamen wohl nur die Fischereiberichte, wir stellten das Radio ab und saßen still, bis es ganz dunkel war. Danach schalteten wir das Licht an und begannen mit dem Abendessen.

Meine Großmutter kam jeden Mittwoch Nachmittag. Sie war ansonsten eine redselige und aktive Frau, aber die blaue Stunde wirkte dämpfend auf sie. Wenn die Erwachsenen ein wenig sprachen, waren es stille, philosophische Gespräche über die tiefen Dinge des Lebens. Im Halbdunkel tauchten Erinnerungen und Erkenntnisse auf. Dass man in dem blauen Licht das Gesicht des anderen nicht deutlich sehen konnte und das Gefühl von Gegenwärtig-sein und Ruhe bewirkte, dass man gegenüber den anderen weitaus toleranter war.

Als meine Großmutter alt wurde, saß sie gerne in ihrem Lieblingsstuhl und ließ die Dunkelheit fallen, auf jeden Fall, wenn ich sie besuchte.

Im Frühjahr und Herbst spielten wir Kinder nach dem Abendessen draußen. Ich erinnere mich, dass ich lärmend in die Stube kam und meine Eltern im Zwielicht saßen, ohne etwas zu sagen. Es wurde nicht gerne gesehen, wenn man störte, auch nicht im Zuhause der Kameraden, wenn deren Eltern so saßen.

Die Sommerschümmernis bestand darin, dass die Familien Abendspaziergänge machten, im Wald, durch Moore, entlang den wallenden Kornfeldern oder am Strand. Wenn das Licht schwand, bekam alles einen verzauberten Schimmer, und die anderen Sinne wurden geschärft, wenn man das Sehen nicht benutzen konnte. Man war ganz still. ‚Ich bin hier um die Natur zu erleben, nicht um Dir zuzuhören‘ bekam man zu hören, wenn man sich erdreistete etwas zu sagen. Manchmal setzten wir uns auf eine Bank, bis es so dunkel geworden war, wie es im Sommer werden kann.

Die Verzauberung verschwand mit einem Mal, wenn man nach Hause kam und das Licht anschaltete.

Die Tradition mit den Abendspaziergängen stammt von meiner finnischen Großmutter, sie nannte diesen traumartigen Zustand ‚Nirvana‘.

Ich weiß nicht mit Sicherheit, ob man die ‚Schümmernis‘ im Hause meines Vaters benutzt hat, da weder meine Großmutter noch mein Vater leben. Aber etwas könnte darauf hindeuten, da mein Vater, der ein rational denkender Nationalökonom war, ja zusammen mit meiner Mutter saß während die Dunkelheit fiel. Man wusste so gut wie nichts von Yoga, und Meditation war irgend etwas esoterisches – eine Selbsthypnose oder ein Trancezustand, wofür man sich überhaupt nicht interessierte.

Die Dämmerstunde war eine natürliche Sache im Zuhause meiner Kindheit. Sie hatte nicht einmal einen Namen, denn es war ganz einfach etwas, das man tat, weil es angenehm war. Deshalb glaubte ich, es sei eine Art physisches Bedürfnis, sich bei Sonnenuntergang etwas zu sammeln, genauso wie man morgens gähnt oder sich streckt. Ich habe auch geglaubt, dass alle Menschen dies täten, wenn sie Zeit hätten. Und ich betrachtete Leute, die in einen Raum, wo man sitzt, hineinbrausen und mit dem Ausruf ‚Mein Gott, sitzt Du hier im Dunkeln!‘ das Licht anschalten, als schlecht erzogen und respektlos.

Wenn ich Zeit habe und es natürlich in meinen Tagesablauf fällt, gebrauche ich es auch jetzt noch. Dasselbe tut meine Mutter. Ich habe die Tradition nicht konsequent in meiner Familie weiterführen können, weil man sie seitens meines Mannes nicht kennt. Da glaubt man, dass es ein wenig verrückt sei im Halbdunkeln zu sitzen. Die Abendspaziergänge habe ich weitergeführt, denn man muss still sein, wenn man die Nachtigallen singen hören will, spät in der Dämmerstunde an einem bezaubernden eiskalten Abend im Mai. (Susanne Seerup)

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Der Laternenanzünder hat angezündet. Ca. 1927. Wenn er die Laterne anzündete, strömte das Licht über die Straße und hinein in die Stube und bildete seltsame Schatten. Der Lampenanzünder zog unbeirrt weiter, und wir rollten die Gardinen herunter und zündeten unsere eigenen Lampen an und man begann davon zu reden, ins Bett zu gehen. Die Gaslaternen verschwanden von den Straßen, man sagt, weil es für die bösen Buben zu leicht war, sie in der Nacht zu löschen und am Tage anzuzünden. (Ib Spang Olsen)

Die Dämmerstunde in der indischen Musik

Für die Zeit die wir Zwielicht nennen, morgens wie abends – vor dem Sonnenaufgang und in der Dämmerung – sind in der indischen Musik bestimmte Ragas vorgeschrieben, sie werden Sandhi Prakash Ragas genannt. Wenn die Musiker zu diesen Zeiten des Tages spielen, wählen sie speziell solche Ragas, um die Dämmerung zu unterstützen und deren Stimmung von Stille und Nachdenken zu wecken.

Licht, Dunkelheit und Bio-Rhythmen

Ein jeder, der sich Zeit genommen hat, eine Dämmerung in Stille und ohne elektrisches Licht zu erleben, weiß, dass dies eine besondere Zeit ist und dass Körper und Geist anders eingestellt sind als zu anderen Tageszeiten. Das ist eine einfache Erfahrung, und Erfahrungen wiegen jede Theorie auf. Dennoch sind wir Menschen unsicher und suchen Bestätigungen für unsere Erlebnisse, und deshalb studieren wir die Phänomene des Lebens, während wir vorsichtig durchs Leben schreiten.

Auch die Dämmerstunde kann mit etwas Theorie untermauert werden, wir können vom Einfluss von Licht und Dunkelheit auf den menschlichen Zustand, seine Stimmung und seine Bio-Rhythmen sprechen.

Im Winter, wenn die Tage kurz sind und es nicht so viel Licht in der Atmosphäre gibt, kann es in den nordischen Ländern vorkommen, dass bestimmte Menschen Winterdepressionen bekommen. Man versucht jetzt diese Menschen zu kurieren, indem man sie täglich für eine Stunde starkem, tagesähnlichem Licht aussetzt. Sie ziehen sich weiße Kleidung an und sitzen in einem Krankenhaus in einem stark erleuchteten Raum mit weißen Wänden.

Es ist offensichtlich, wenn es Tag ist und wenn es hell ist, so sind wir es unserem Organismus schuldig, im Licht zu sein, aktiv zu sein und den Tag zu erleben. Es ist naheliegend auf eine Therapie wie die obengenannte zu kommen. Und sie wirkt obendrein. Deshalb gilt es, für denjenigen der kann, jeden Tag im Winter nach draußen, ans Tages- und Sonnenlicht zu kommen. Ich bin mir sicher, dass das Licht der Sonne uns zu jeder Zeit mehr Nutzen bringt, als das elektrische Licht, dem wir uns selbst aussetzen, leider Tag wie Nacht, in unseren Häusern und unseren Städten.

Aber die Dunkelheit hat auch ihre Qualitäten, es fällt z.B. den meisten leichter zu schlafen, wenn es dunkel ist. Auch die Dunkelheit beeinflusst uns positiv, wenn wir dem Rhythmus des Tages und des Jahres folgen. Und es hat sich im Yoga gezeigt, dass wenn man beim Nada Yoga (Yoga des Klanges) auf die inneren Klänge hört, so sind diese Laute für den Anfänger wesentlich leichter um Mitternacht zu entdecken, wenn die Sonne auf der anderen Seite des Erdballs steht, als zu irgend einem anderen Zeitpunkt des Tages. In der tiefsten Dunkelheit kann die größtmögliche Entspannung stattfinden.

Der Zustand des Gehirns wird durch Licht und durch Dunkelheit beeinflusst, und deshalb schließt man in der Regel die Augen, wenn man sich entspannen will oder wenn man meditiert. Aber dies ist nicht allein von den Augen abhängig. Medizinische Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass der Körper und die Hirnschale durchdringlich für Licht sind, was dazu beitragen kann den Allgemeinzustand zu beeinflussen. Ebenso ist es bekannt (gemäß einem Artikel in der dänischen Wochenzeitschrift für Ärzte), dass die Zirbeldrüse lichtempfindlich ist. Diese sitzt mitten im Kopf und ist die Drüse, die in der Yogatradition mit Ajna Chakra verbunden ist.

Meditation

Wenn man die Gehirnströme misst, sieht man, dass eine Entspannung spontan stattfindet, wenn man die Augen schließt – der Zustand des Gehirns verändert sich von Beta– zu Alpha-Wellen (Quelle der Energie). Die Dämmerstunde mit ihrem zunehmenden Zwielicht ist natürlich ein idealer Zeitpunkt, um zu meditieren. Auch sozial gesehen, es ist spät am Nachmittag, nach den Aktivitäten des Tages und vor dem, was man am Abend mit Familie, Freunden oder Bekannten unternehmen mag – eine Zeit dazwischen, eine Zeit zur Ruhe.

Es gibt Meditationen, in denen man die Dunkelheit beobachtet und einsieht, dass selbst die dunkelste Dunkelheit, die man gewöhnlich „sieht“, wenn man die Augen in einem dunklen Raum schließt, überhaupt nicht dunkel ist, sondern dass man Farben- und Licht-Phänomene in den Augen, im Gehirn oder im Geist erfassen kann. Solch eine Meditation ist recht fortgeschritten und enthält weit mehr als das, sie soll hier nur als Kuriosum erwähnt werden. Man versucht dann, den Inhalt der scheinbaren Dunkelheit kennenzulernen, um sich anschließend auf eine noch tiefere Dunkelheit hin zu bewegen, bis es schließlich nichts mehr zu „sehen“ gibt. Dies ist eine tantrische Technik, die in Stufen aufgebaut ist und die in ihren fortgeschrittenen Stufen erst dann gelernt und praktiziert werden soll, wenn man völlig mit einer grundlegenden Meditation wie z.B. Innere Stille (Antar Mauna) vertraut ist.

Es gibt aber auch Meditationen, bei denen man die Augen offen hält, und Meditationen bei denen man zwischen offenen und geschlossenen Augen wechselt. Das setzt natürlich voraus, dass man sich in einem dunklen Raum befindet oder in einem Raum mit stark gedämpfter Beleuchtung.

Eine Anweisung zu einer Meditation mit offenen Augen kann so lauten: Sitze aufrecht, mit offenen Augen und sieh auf den Boden ca. einen Meter vor dir. Du starrst nicht auf etwas bestimmtes, sondern siehst entspannt vor dich. Du schaust dich also nicht um nach etwas in der Umgebung oder nach anderen Personen, die anwesend sein mögen, und du sitzt nicht mit geschlossenen Augen und betrachtest die Aktivität des Geistes, sondern du siehst neutral vor dich hin. Auf diese Weise wirst du in geringerem Maße von etwas Innerem oder Äußerem gefangen oder damit beschäftigt.

Auch eine indianische Tradition?

Von einer guten Freundin und einer alten Schülerin in den USA (Kellie Williams) höre ich von ihrer Großmutter, die in einer indianischen Gesellschaft aufwuchs. Sie saß jeden Tag, vor der späten Abendmahlzeit, still in der Dämmerung, bis es völlig dunkel geworden war. Und wenn die Kinder sie dann später fragten, was sie in dieser Zeit täte, sagte sie, dass sie

zum Großen Geist reiste, um ihm zu zuhören.

Hatha Yoga

Im Yoga beschäftigt man sich u.a. mit den Energieströmen des Körpers, und von den 84.000 Nadis oder Strömen, die es im Körper gibt, sind die drei, die im Rücken verlaufen die wichtigsten: Ida Nadi, Pingala Nadi und Sushumna Nadi. Kurz gesagt, steht Pingala Nadi für das Aktive, Physische und Handelnde – die Sonne, Ha; Ida Nadi für das mentale in unserem Wesen – der Mond, Tha. Sushumna Nadi ist der zentrale Strom im Rücken, um den die beiden anderen sich winden, durch alle Chakra, den ganzen Weg von Muladhara Chakra bis zu Ajna Chakra. Von dort führt Sushumna alleine weiter nach oben, hinein in Sahasra Chakra. Wenn die beiden anderen Energien in Balance sind, vereinigen sich die Energien und strömen durch Sushumna. Der Ha-tha Yogi erstrebt diese Balance. Ida und Pingala haben auch eine Verbindung zu den beiden Gehirnhälften, und man kann deshalb auch sagen, dass man im Yoga eine bessere Balance im Gehirn erstrebt (zu diesen Themen siehe: Dauerhafte und tiefgehende Wirkungen, und, Quelle der Energie).

Zwischen den beiden Strömungen und ihren Auswirkungen auf den Organismus findet Tag und Nacht ein konstantes Wechselspiel statt. Das geschieht in kleineren Zyklen von einer Stunde und zwanzig Minuten; zunächst dominiert der eine Strom, dann gibt es eine kurze Periode wo sie sich in Balance befinden, anschließend ist die andere Energie eine entsprechende Zeit aktiv. Jedes Mal, wenn die beiden Ströme gleich stark und in Balance sind, jedes Mal wenn sich Sushumna öffnet und die Energie darin fließt, ist die beste Zeit zur Meditation.

Indem man den Handrücken unter die Nase hält, kann man den Atem in den Nasenlöchern spüren und feststellen welche der beiden Energien aktiv ist. Das Sonnennasenloch ist das rechte Nasenloch und hier spürt man Surya Swara (Sonnenenergie). Die Mondenergie Chandra Swara kann abgelesen werden, wenn das linke Nasenloch offen ist. Auf diese Weise ist die eine beziehungsweise die andere Energie im Laufe des Tages aktiv. Dies zu beobachten, das Wissen anzuwenden, und eventuell diese Ströme zu beeinflussen, wird Swara Yoga genannt. Wenn beide Nasenlöcher gleich offen sind, fließt Sushumna Swara.

In größeren Zyklen wirkt der physische Unterschied zwischen Tag und Nacht auf unseren Zustand und unsere Auffassung der Wirklichkeit ein. In der klassischen Yogaschrift Hatha Yoga Pradipika steht in Kapitel 4 Vers 17:

Sonne und Mond teilen die Zeit in Tag und Nacht. Sushumna verschluckt die Zeit. Dies ist ein großes Geheimnis.

In seinem Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika schreibt Swami Satyanananda zu diesem Vers u.a.:

Die äußere Sonne und der äußere Mond unterteilen jeden Tagesverlauf in Tag und Nacht, und die innere Sonne und der innere Mond d.h. Ida und Pingala liegen unserer Auffassung von Tag und Nacht zu Grunde, sie sind Dualität. Ida Nadi dominiert in der Nacht, das parasympathische System ist aktiv, es findet eine vermehrte Ausscheidung des Hormons Melatonin im Gehirn statt und das Unterbewusstsein ist aktiv. Während den Stunden des Tages dominiert Pingala Nadi, das sympatische Nervensystem ist aktiver und das Hormon Serotonin wird im Gehirn ausgeschieden, das bewirkt, dass bewusste Funktionen in den Vordergrund treten und der unterbewusste Geist in den Hintergrund tritt.

Die beiden Nadis, Ida und Pingala, und das Nervensystem bringen das Bewusstsein von dem einen Pol zum anderen. Sie binden uns an diese Doppelheit in unseren physischen Bedingungen, auf Grund der inneren Verbindung und dem inneren Verhältnis, das es zu den äußeren Kräften von Sonne und Mond gibt. Das gesamte biologische System ist daraufhin programmiert, den Zyklen von Sonne und Mond zu folgen. Ein Yogi kann jedoch Kontrolle über das autonome Nervensystem entwickeln, so dass Körper und Geist diesen Polen nicht unterliegen. Das heißt, dass man das willkürliche und das zentrale Nervensystem entwickelt, indem man Sushumna Nadi und Ajna Chakra aktiviert. Eine solche Person lebt in einem Zustand von perfekter Balance.

Den Zeitraum wo Tag und Nacht einander begegnen nennt man ,Sandhya‘. Dies kann man als eine äußerliche Erscheinung betrachten, aber in Wirklichkeit ist es eine innere Begebenheit. Es repräsentiert die Sushumna Periode. Wir können die äußeren Umstände nicht verändern, aber ein Yogi kann die Periode, in der Ida und Pingala sich vereinen, verlängern.

Was tat man – oder tut man – in der Dämmerung?

Schweige und du wirst sehen steht in der Bibel geschrieben. Meiner Erfahrung nach soll das heißen, erwarte nichts, stelle dir nichts vor, aber sei empfänglich.

Damit will ich nicht sagen, dass die Dämmerstunde ein religiöser Akt war oder ist, eher ist es eine mentalhygienische Handlung – oder schlicht und einfach etwas, das man tut, weil es einem gefällt und man etwas davon hat.

Zu welcher Art von Erkenntnissen oder sollen wir sagen Erlebnissen kommt man, wenn man im Zwielicht sitzt, alleine oder zusammen mit anderen? Das kann man natürlich nicht allumfassend beantworten, da alle Menschen und damit auch die Familien wo die Dämmerstunde in Ehren gehalten wird verschieden sind, aber ich kann einige Beispiele geben.

Eine unserer Yogalehrerinnen, Elisabeth Kiil, berichtet von ihrem Unterricht an unserer Schule in Århus: Auf einem Tageskurs für Ältere, im Frühjahr ’92, beendeten wir eines Tages den Unterricht mit der ersten Stufe von Innere Stille. Wir saßen auf Stühlen im Yogaraum bei offenem Fenster, es war früh am Nachmittag, und es gab eine Reihe Geräusche in der Umgebung, unter anderem Straßenarbeiter auf der Vestergade.

Die erste Stufe der Meditationstechnik Innere Stille besteht darin, dass man auf die Geräusche der Umgebung lauscht – man lässt kein Geräusch aus und man heftet sich auch nicht an ein einzelnes Geräusch – man bevorzugt keines und vermeidet keines. Die Umgebung wird als ein Ganzes erlebt – man lauscht auf alle Geräusche mit einem Mal.

Nach ungefähr einer Viertelstunde kamen wir zum Ende, und eine der älteren Damen bemerkte, dies sei ja genauso wie die Dämmerung abhalten. Ich fragte sie ein wenig darüber aus, und sie berichtete, dass sie dies seit ihrer Kindheit gekannt habe.

Ja, was taten wir, sagen die Menschen die ich gefragt habe, und es kommen verschiedene Vorschläge: – eigentlich nichts – auf die Umgebung lauschen – die Gedanken vorbei strömen lassen – den Tag noch ein mal erleben mit all seinen Begebenheiten, Gefühlen und Gedanken. – Manchmal vergesse ich mich selbst in einem Traum, aber komme dann zurück zum Erlebnis der Dämmerung und der Stille.

Zum Schluss will ich fragen: Still zu sein, innerlich und äußerlich, ist nicht gerade das zu sein? Und wenn wir sind, dann verlieren wir uns selbst nicht.

In der Literatur

In seinem Roman Ein Geist schreibt der dänische Verfasser Tom Christensen:

Sie erhob sich und schaltete die Lampe an, und im selben Augenblick, in dem das Zimmer in einem klaren, gelben Licht hervorsprang, verschwand unsere Vertraulichkeit. Ich setzte mich an meinen Tisch und machte eine Zeichnung von Martin Luther fertig. Es machte mir Spaß, Schatten in die Falten der Mönchkutte zu legen und sie dazu zu bringen sich aus dem Papier heraus zu Beulen. Die Arbeit packte mich. Ich schwitzte und pfiff und vergaß, dass das Licht der Lampe mir auf unbegreifliche Weise eine neue Sorge bereitet hatte und mich wieder von meiner Mutter entfernt hatte.

Mit jeder Dämmerung näherten wir uns einander. Mutter hörte für eine Weile auf zu nähen und saß still am Tisch.

‚Valdemar, – Du willst doch noch kein Licht haben?‘

‚Nein.‘

‚Ach, wie schön es ist zu schummern. All die kleinen, üblen Gedanken verlassen mich. Sie bleiben weg im Dämmerlicht.‘

‚Was für üble Gedanken, Mutter?‘

‚Ach ja! Die Stickerei muss fertig werden! Der Hut muss fertig werden! Der Chef mag die kleinen Stoffanemonen nicht leiden! Das ist alles so was, das tut weh,‘ seufzte sie. Sie saß ganz steif und die Dämmerung und ihr schwarzes Kleid verflossen miteinander. Es war nur ein unbedeutsames Traumgesicht, das aus der Dunkelheit hervor floss und zu mir sprach.

Und Grythe Lemche, Die Sünden des Volkes:

Wie ich diese Dämmerungszeit liebe! sagte Ingeborg, es ist, als ob sich meine Seele in das Unendliche ausweitet, um all das, was ich sehe und höre, aufzunehmen; ich meine fast, dass ich mich eins mit der ganzen Natur um mich herum fühle…

Das Einfache

Als ich vor einigen Jahren begann, meine Schüler nach der Dämmerstunde zu befragen, staunte ich mehr und mehr darüber, wie eng dies, was einige Menschen im Zusammenhang mit der Dämmerstunde erleben, verwandt ist mit einigen Stufen, die die Meditation Innere Stille ausmachen. Das hat mir einmal mehr bestätigt, dass eine echte Meditation auf natürlichen Prozessen beruht, denen der Geist folgt, wenn er zur Ruhe kommt und sich vertieft. Das sind Prozesse, die uns allen gemeinsam sind – die Physiologie des Menschen und die Gesetze des Geistes sind ja, trotz allem, im Grunde die selben überall auf der Erde. Aber vielleicht wirken die Zeiten des Tagesverlaufs und des Jahres anders auf die Menschen, die näher an den beiden Polen der Erde leben, so wie wir im Norden. Diese Wirkung, von der Swami Satyananda spricht, die Sonne und Mond, oder Tag und Nacht auf den Menschen haben, hat ja einen ganz anderen Rhythmus hier bei uns, im Vergleich z.B. zu Indien.

In der Dämmerstunde geht es nicht darum, dass man etwas können oder erreichen muss. Es ist nicht die Rede von einer ewigen Therapie, wo man den Rest der Ewigkeit rückwärts gehen und seine Kindheit erleben soll, oder wo man Gefühle wecken soll, die man nicht in natürlichen Lebenssituationen hervorzurufen vermag, oder die nicht von selbst in der Meditation auftauchen, um dort durchlebt zu werden. Es geht dagegen um eine Methode – wie z.B. Innere Stille und zu einem gewissen Maße die Dämmerstunde – die einen näher an die Essenz des Lebens bringt, zu der Balance, die gleichzeitig als Ganzheit in allen Dingen und als der eigene Wesenskern erlebt wird – das Leben selbst und das Bewußtsein hinter dem Leben – die Energie, die Natur, und ich der es erlebt.

Und gerade das Einfache ist das Echte, nichts leisten, oder nach diesem oder jenem Erlebnis streben. Hier ist die Rede von einer Natürlichkeit und Ruhe, die selbst ein Kind verstehen kann – und dann kann man von mir aus alle Wunder behalten – das Leben an sich und der Alltag ist, wie ich es sehe, das größte Wunder. Damit sei nicht gesagt, dass man die eigene Meditation nicht entwickeln und vertiefen kann.

Können wir uns bewusst und schöpferisch gegenüber den Veränderungen unserer Kultur verhalten?

Wir haben in diesem Artikel eine Tradition in Europa beschrieben, die im Begriff war zu verschwinden. Wir wollen künftig untersuchen, ob es bei uns andere Spuren von einem bewussteren inneren Leben gibt, vielleicht tiefere und mehr entwickelte Dinge, die wir mit dem vergleichen können, was wir von der lebenden tantrischen Tradition kennen. In diesem Fall wollen wir es hier in Lesesaal vorstellen.

Was mit der Dämmerstunde geschehen ist, dass sie einfach vergessen wird, ist wohl geschehen, weil sie so natürlich in den Alltag eingegangen ist, dass wir uns ihres Wertes nicht bewusst waren, und dann hat die Kultur in den letzten zwei oder drei Generationen allmählich unsere Gewohnheiten verändert. Wenn wir diese Dinge wieder entdecken wollen, so geschieht dies am besten durch gute Anweisungen und durch Unterricht, so dass man sich nicht einfach selbst täuscht indem man zu viel oder zu wenig erfindet. Vieles kann dem Erleben der Dämmerstunde im Wege stehen: die Kinderstunde im Fernsehen, das starke elektrische Licht in den Häusern und auf den Straßen, die Hauptverkehrszeit in der Stadt… Und auf dem Lande die mechanisierte Landwirtschaft, wo niemand mehr Kontakt mit der Ruhe hat, die Traktoren haben Musik, die Höfe haben lärmende Ventilatoren und Maschinen… Wo ist das Erlebnis geblieben, das ich als Jugendlicher hatte, als ich an einem warmen Sommerabend mit dem Pferderechen fuhr um das Heu zusammen zu harken; oder als ich spät im Herbst pflügte, während es dunkel wurde, zwar mit einem Traktor, aber ohne Führerhaus und Stereoanlage. Oder wenn ich in der Dämmerung mit dem Fahrrad von oder zur Arbeit fuhr, zwischen großen Feldern, durch kleine Dörfer und durch den Wald, wo es keine Straßenlaternen gab. Gerade in der Dämmerung gehen die Tiere umher, und man begegnet ihnen an den Wegen.

Eine spezielle Dämmerstunde gibt es bei Vollmond, besonders bei Tagundnachtgleiche, im Frühjahr und Herbst, wenn der Mond aufgeht, während die Sonne untergeht. Dieser Zeitpunkt ist zu schätzen, sowohl als ein Erlebnis von Einheit mit der Natur als auch zur Stille und Meditation.

Als ich Kind war, zu Beginn der 60’er Jahre, sammelte Mutter uns Kinder, wenn es begann dunkel zu werden, dann hielten wir Dämmerung. Das mochte ich sehr.

Dann erzählte Mutter Geschichten von ihrer Kindheit auf dem Lande in Jütland, oder sie sang stille Lieder. Allmählich, wenn die Dunkelheit sich legte, verstummte das Gespräch und die Stille breitete sich im Zimmer – und im Körper aus. Die Dunkelheit war beinahe körperlich zu spüren, sie legte sich gewissermaßen sanft um einen herum, es war ein sehr geborgenes Gefühl, und gleichzeitig fühlte es sich so an, als ob man eins mit der Stube wurde.

So saßen wir einfach da und waren stille, was ja ansonsten schwer sein konnte für drei Jungen, nicht aber, wenn wir Dämmerung hielten.

Wenn es ganz dunkel geworden war, erhob Mutter sich, schaltete das Licht an und begann das Abendessen zu machen, denn nun kam Vater bald nach Hause.

Woran ich mich am besten erinnere, wenn wir Dämmerung hielten, ist die Stille, die Geborgenheit, und das rote Licht vom Kachelofen – es war ja Winter wenn wir Dämmerstunde hielten. Aber bald kam das Fernsehen und drängte sich auf, dann kamen ja die Kindersendungen zu diesem Zeitpunkt, und der Brauch geriet in Vergessenheit. Aber als Erwachsener geschieht es immer noch, dass ich Dämmerung halte. Auch meine Mutter liebt es, Dämmerung zu halten, aber sonst kenne ich niemanden, dem dieser Brauch bekannt ist.

Meine Mutter hat mir erzählt, dass es ganz verbreitet war, Dämmerung zu halten als sie Kind war, das taten alle Menschen, so sparten sie ja auch das elektrische Licht. (Robert Konstantinovitsch)

Zum Schluss ein Dank an alle, die mit schriftlichen oder mündlichen Beiträgen zu diesem Artikel beigetragen haben.

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Die Bilder Dämmerung und Der Laternenanzünder hat angezündet und die dazugehörigen Texte sind aus dem Buch Lille dreng på Østerbro”, „Kleiner Junge von Østerbro“ von Ib Spang Olsen, Bogladerne Østerbro. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe.