Du musst dich verschlucken lassen …

Interview mit Sohan Qadri

„Das Geheimnis der Form ist im Formlosen” (Rig Veda).

Wir müssen die Form durchschauen, die Gesetze der Form und die Art, wie wir sie wahrnehmen brechen und das Geheimnis der Form, hinter der Form erfahren.

„Durchbrich die Form und erreiche die Essenz” (Rig Veda)

Du bist es gewohnt, die Form mit deinen Augen zu sehen. Wenn du die Form nicht ‚brichst‛, erlebst du sie so wie du es gewohnt bist, mit deinen Augen. Aber wenn du zur Bedeutung der Form vordringen und ihre Essenz wahrnehmen willst, musst du die Form ‚brechen‛und du gelangst zu ‚Rupa‛, Schönheit, der innersten Form, die sie verbirgt.

Dies ist das Mantra aus der Rig Veda, das du verwendest bevor du ein Bild oder irgendeine andere Form zeichnest.

Wenn du ein Yantra zeichnest, erlebst du die Form im Formlosen. Zu Beginn gab es kein Symbol.

Bindu: Zuerst zerstörst du alles, um dann die Form entstehen zu lassen?

ich bin ein Punkt
geboren aus dem PUNKT
der an den Punkten vorüber zieht
in den PUNKT hinein sterbend

Sohan: Genau so.

Das Symbol

Bindu: Womit begann dein Interesse für tantrische Kunst, deine Arbeit mit Symbolen?

Sohan: Das Symbol ist etwas zu dem du gelangst, wenn du alle Symbole los gelassen hast, jegliche visuelle Erinnerung. Du musst alles vergessen, was du im Voraus wusstest. Jede kreative Handlung enthält genau dasselbe, wie das Erschaffen eines tantrischen Symbols.
Manche Menschen sind nicht aufmerksam, sie entdecken die Wirkung nicht, oder sie können die Kräfte nicht hervorrufen. Oder, wenn die Kräfte geweckt sind, verstehen sie es nicht, sie zu gebrauchen.

ich bin ein Punkt
— dunkel
im dunklen Raum
unidentifiziert

Die Kräfte werden die ganze Zeit hervorgerufen, aber dieses Rufen wirkt auch auf einen selbst zurück. Ich hatte dieses Erlebnis mit einem bestimmten Bild, das dieses Hervorrufen oder Erwecken auch auf mich selbst zurück wirkt. Das ist, was tantrisch ist. Ich tue nicht bloß etwas, sondern es wirkt auch in gleicher Weise auf mich selbst zurück. Wenn ich mir dieser Wirkung auf mich selbst bewusst bin, dann ist es ein Symbol. Dies ist grundlegend in der tantrischen Tradition.

Bindu: Aber du siehst bestimmt auch, wie man von ästhetischen Normen voreingenommen sein kann, darum geht es hier nicht, oder?

ich bin ein Punkt
im Raum
zwischen den Sternen

Sohan: Das Ästhetische ist durch das Materielle begrenzt worden — sowohl Poesie, Literatur, Malerei als auch ihre Beschreibung sind darauf begrenzt, dass sie schön und angenehm sein sollen.

Solange du nur durch deine Sinne und Vorstellungen erlebst, solange vermagst du nicht die Magie in einem Bild zu erleben.

Ich bin nicht gegen Sinneserlebnisse, sie sind bereichernd und geben Zufriedenheit, aber man verbleibt auf der materiellen Ebene. Es wird nicht tiefer nachgeforscht. In der primitiven Kunst hingegen, wird damit gearbeitet. Es gibt eine größere Nähe — du berührst andere Ebenen als nur die Sinne. Tantra-Kunst ist nicht nur für die Sinne. Das Symbol erweckt etwas, das jenseits der Sinne ist, jenseits des Ästhetischen.

ich bin ein Punkt
der auf einer Kräuselung reitet
auf den weiten Wassern

Die modernen Maler haben genug von den goldenen griechischen Gemälden, da diese auf die Sinne beschränkt sind. Sie wollen etwas anderes erreichen. Heute entdecken viele andere Werte, jenseits derer für die Sinne, etwas das kraftvoll ist, etwas das befreit. Dies bringt dich weiter, wenn du offen für die Einsicht bist.

Was ist Tantra?

Bindu: Sohan, was ist deine Definition von Tantra? Ist es eine Art zu leben, ein System oder eine Philosophie, oder etwas Praktisches oder was ist es?

ich bin ein Punkt
im Samen des Meeres
der Same der Samen

Sohan: Es ist die Entdeckung, dass es etwas jenseits des Ästhetischen gibt, jenseits dessen, was wir gewohnheitsmäßig über unsere Sinne wahrnehmen. Als Maler kann ich z. B. sehen, wie einige etwas entdeckt haben, was gegen die ‚Gesetze‛ der Malerei verstößt, die ‚Gesetze‛, die durch die griechische Ästhetik definiert und in einer Tradition bewahrt wurden. In gleicher Weise, wie es auch eine religiöse Ästhetik gibt.

Bindu: Würdest du sagen, dass sich Tantra gegen das Religiöse richtet?

Sohan: Tantra ist die Wiederentdeckung des Ursprünglichen, das heute wieder zugänglich ist.


Früher, in primitiveren Zeiten, war Tantra eine hochentwickelte Philosophie und Praxis und wird als solche auch heute noch in Indien angewandt. Es hat jedoch eine ästhetische Entwicklung stattgefunden, eine puritanische Entwicklung, die das Erleben auf die Sinne beschränkt. Religion wurde überall auf der Welt zu etwas für die Sinne, genau wie Kunst etwas für die Sinne wurde. Sie wurde zu etwas rein materialistischem, auch Philosophie wurde etwas für die Sinne. Dies geschah, um sie so akzeptabel für die Menschen zu machen, dass sie mehr und mehr Anhänger finden konnte. Um Macht zu erlangen.

ich bin ein Punkt
in der Mitternachtssonne
in den arktischen Mysterien

Bindu: Du meinst statt Konfrontation, des ursprünglichen direkten Erlebens?

Sohan: Ja, Macht, religiöse Macht, immer mehr, um die Menschen träge im Kopf zu machen, und um sie immer verschlossener zu machen. Ästhetik bedeutet, dass wir Grenzen setzten, wir erschaffen ein Gesetz, und Gesetze sind immer gegen Befreiung. Tantra ist Befreiung.

ich bin ein Punkt
folgend oder gefolgt von
den Polarlichtern

Wir haben ein ästhetisches Gesetz, wir haben es in der Religion, und wir haben auch ein soziales, die soziale Ästhetik; die soziale Norm oder der soziale Geschmack, was zum Beispiel bedeutet, dass wir nicht alle nackt herumlaufen, um die Sinne der anderen nicht zu stören. Die Sinne sind es ja gewohnt, die Dinge auf eine bestimmte Art wahrzunehmen.

Ästhetik ist gegen Befreiung. Und Tantra ist Befreiung.

Es ist einfach, einen beeindruckenden Vortrag über eine Philosophie, die für die Sinne ist, zu halten. Warum würde er so überzeugend sein? Weil wir schon im Voraus überzeugt sind. Wir sind konditioniert.
Während es mühsam sein kann, durch Tantra zu gehen. Wir wollen die Ästhetik, wir wollen auf die eine oder andere Art Dinge verdecken, sie auf Abstand halten. Konfrontation bedeutet nackt zu sein, den Schleier der Ästhetik zu entfernen.

ich bin ein Punkt
im Herzen des Eiskristalls
Zeiten alt
in den antarktischen Mysterien

Kindheit

Bindu: Wie alt bist du Sohan?

Sohan: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie alt ich bin. Ich weiß nicht, wann ich Geburtstag habe. Meine Mutter erinnert sich daran, was auf den Feldern angebaut wurde, als ich zur Welt kam. Es war zur Baumwollzeit, sagt sie. Als die Baumwolle blühte.

In vielen Dörfern in Indien gibt es kein Melderegister. Es ist der Astrologe, der Weise, der Kräuterdoktor, der die Aufzeichnungen macht. Er wird durch die Dorfgemeinschaft unterstützt, aber er führt ein normales Familienleben, er ist kein Sadhu. Er hat Frau und Kinder und ein Zuhause, wie die anderen auch. Aber sein Essen und seine Ausgaben werden vom Dorf getragen.

ich bin ein Punkt
im Tautropfen
an der Spitze
des morgendlichen Grashalms

In meinem Dorf gab es einen Mann, der sich auch um zwei oder drei andere Dörfer kümmerte. Er bekam ein wenig von der Ernte von den Feldern. Alle gaben ihm ein bisschen und davon lebte er. Seine Arbeit bestand darin, sich um all diese Dinge zu kümmern, okkulte Dinge, Astrologie, Rituale, er war Kräuterdoktor und Magiker und wurde als Weiser angesehen. Er war derjenige, der Bescheid wusste.
Er besaß eine Karte, mit der er ein Horoskop erstellte, wenn ein Kind geboren wurde. Und wenn das Dorf oder Jemand einzelnes etwas über das Leben wissen wollte, gingen sie zu ihm.
Er zog sich jedes Jahr für zwei bis drei Monate in die Himalayas zurück, um zu meditieren. Eines Jahres kehrte er nicht wieder. Er nahm für gewöhnlich einige Horoskope mit, um sie zu studieren, vielleicht zusammen mit seinem Guru.

ich bin ein Punkt
im Samen
im Mutterleib

Ich entdeckte dies, als ich mich an der Universität einschreiben wollte. Ich fragte meine Mutter nach meinem Geburtstag und sie sagte: „Das weiß der Dorfastrologe“. Sein Sohn suchte nach meinem Horoskop, konnte es jedoch nicht finden.

Bindu: Auf was für eine Schule bist du gegangen?

Sohan: Ich ging in die Dorfschule, wo man selbst eine kleine Matte zum Sitzen mitbrachte.

ich bin ein Punkt
zwischen den vier Lippen
der Liebenden

Bindu: Draußen?

Sohan: Ja, unter einem großen Baum.

Bindu: Das klingt natürlich exotisch für einen Nordeuropäer, aber man lernt dasselbe, nehme ich an. Hast du Englisch gelernt?

Sohan: Nein, erst ab der sechsten Klasse, und dann war es ein Pflichtfach. Wir waren ja damals noch eine Kolonie.

Bindu: In Dänemark begannen wir ungefähr um dieselbe Zeit mit Englisch.

Sohan: Zu Beginn hatte ich gar nichts, nichts zum Schreiben, ich fing mit dem Finger an. Wir hatten ein Stück Stoff mit Asche darin, die auf dem Boden ausgebreitet wurde, und wenn wir fertig mit Schreiben waren, sammelten wir die Asche zusammen und nahmen sie wieder mit nach Hause.

Bindu: War es Sanskrit oder Hindi, oder …?

ich bin ein Punkt
an der Spitze
des Stiftes des Schöpfers

Sohan: Es war Punjabi, meine Muttersprache. Der Mann, der in unserem Dorf unterrichtete war allerdings kein ausgebildeter Lehrer. Sein Handwerk war Weber, aber er wusste etwas mehr über Buchstaben als die anderen, also war er der Lehrer.

Das Ritual

Bindu: Kannst du uns etwas über deine Arbeit als Maler erzählen?

ich bin ein Punkt
im Seufzer des Frustrierten
im Schluchzen des Verlassenen
im Schrei des Verzweifelten

Sohan: Jeder Maler in Dänemark hat ein Ritual, wenn er ein Bild malt, auch wenn er sich dessen vielleicht nicht bewusst ist. Für mich ist das Malen eines Bildes eher ein Ritual, es geht über das bloße Malen hinaus. Es ist eine Methode um die Kräfte hervorzurufen, die in der Leere der Leinwand verborgen sind. Das Ritual gibt dir nur Kraft, wenn du dem Objekt Kraft einflößt.

 

ich bin ein Punkt
im Gedanken,
in der Sprache
und in der Handlung

Ein Ritual besteht nicht nur daraus, Kraft aufzunehmen. Die Definition eines Rituals ist, dass du dich selbst erst entleeren musst, um dann etwas zu erhalten. Du musst wissen, wie das Ritual funktioniert; wenn du dich nicht entleerst, erhältst du nichts.

Das Ritual gibt dir Kraft und Disziplin und Stabilität. Sonst würde die Kraft zu einer Bürde für dich werden, es bedarf daher einem hohen Maß an Disziplin.

ich bin ein Punkt
im Schweigen
des Weisen

Jegliche Handlung, die ein Mensch mit Bewusstheit ausführt — ist Yoga. Einen Chapati zu machen ist genau so sehr Yoga für mich wie ein Bild zu malen, zu kochen oder etwas zu denken.  
Für den Maler ist es die leere Leinwand, es ist eine Flagge — hungrig mit offenem Mund, und wenn du diese Leinwand nicht mit etwas fütterst, wirst du nie das Bild gemalt bekommen. Du bist das Essen, der Künstler ist das Essen. Er muss sich ganz verschlucken lassen. So funktioniert ein Ritual.

ich bin ein Punkt
im Funken des Lebens
von der Flamme
die brennt um zu reinigen

Wenn du es nicht auf diese Art machst und dich dem Ritual nicht ganz und gar hingibst, erhältst du nichts im Gegenzug — und das Bild wird nicht gemalt.

Angenommen du hast einen Lingam (eine ovale aufrechte Form) oder eine andere Figur oder du visualisierst etwas oder willst beten — wenn ich z. B. dieses innere Bild anbeten will, dann ist es dieses Bild, das wie ein offener Mund ist.

Ich bin ein Punkt
in der Ausatmung
und in der Einatmung des Yogis

Dies ist eine kraftvolle Konfrontation und du musst dich mit Haut und Haar verschlucken lassen; ohne halbe Lösungen — dann erhältst du etwas zurück.

Es ist keine ausgedachte oder intellektuelle Handlung, es geht darum, wach und bewusst zu sein. Die Leinwand liegt dort im Atelier wie eine materielle Konfrontation und ich stehe davor. Selbst wenn ich nicht im Atelier bin, ist sie da und ich bin es auch. Es ist eine wechselseitige Konfrontation.

Wenn sie auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt ist, eine bestimmte Dimension, ein bestimmtes Werk und eine bestimmte Größe der Leinwand, dann sprechen wir von einer kreativen Begrenzung.

ich bin ein Punkt
in der Aufmerksamkeit
und in der Gedankenlosigkeit

Wenn du dich am Knie kratzt, dann ist es das Knie, dass es fühlt, nicht die Schulter. Du wählst dein Handlungsfeld. Diese Wahl ist die Begrenzung. Die Leinwand ist die Begrenzung. Dies geschieht die ganze Zeit.

Es ist alles ein großes Ritual. Wir können einen kleinen Teil heraus schneiden und ihn ausfüllen, fülle ihn und werde selbst gefüllt. Wenn du nicht selbst gefüllt wirst, erlangst du nichts.

Bindu: Dies ist der Grund, warum du nichts lernen kannst, wenn du im Voraus voller Vorstellungen und Erwartungen bist. Du musst in der Lage sein, eine Anleitung entgegen nehmen zu können, ohne zu beurteilen oder zu bewerten. Du musst dich trauen einfach nur zu erleben.

ich bin ein Punkt
im Tanz
zwischen Ei und Samen

Swami Janakananda: Ich hatte mal einen Lehrer in Dänemark, er war ein Maler aus Italien, Georgio Musoni; wir trommelten zusammen, er brachte mir das Trommeln bei. Wir spielten auch zusammen mit einer Gruppe von afrikanischen Tänzern und Musikern, die aus dem Senegal mit einer Show zu uns kamen. Wir haben Vieles dabei gelernt. Er ging dann für einige Zeit nach Afrika, während ich in Indien war.

Eines Abends, nachdem wir beide wieder nach Hause gekommen waren, saßen wir beisammen und spielten. Ich hatte keine Trommel angerührt während der Jahre die ich in Indien verbracht hatte. Er war überrascht: „Ich muss schon sagen, ich war in Afrika und habe mein Trommelspiel mit vielen neuen Rhythmen erweitert und jetzt kommst du und spielst genau dieselben Rhythmen. Wie ist das möglich?“

„Ich weiß es nicht.” entgegnete ich „Ich spiele einfach mit dir zusammen.”

ich bin ein Punkt
im Schmerz der Einsamkeit
und im Konflikt
des Zusammenseins

„Jetzt verstehe ich” sagte er, „was einer der alten Trommler zu mir sagte – er hatte Recht. Er erzählte mir, dass die alten Trommler nur ab und zu spielen, ansonsten rühren sie kaum eine Trommel an, sondern lassen die jungen spielen. Und dann sagte dieser Meister zu mir: Du brauchst nicht immer zu trommeln um besser darin zu werden.“

 


Sohan: Es gibt noch etwas, dass ich momentan mehr und mehr entdecke. Mir fehlt es nie an Inspiration. Denn es gibt immer die leere Leinwand und es gibt immer mich, der davor steht und darauf wartet verschluckt zu werden.

Bindu: Aber kann das nicht auch Krisen hervorrufen? Es macht ja nicht nur Spaß, es ist auch eine Konfrontation, wie, wenn man einen wirklichen Lehrer trifft.

Ich bin ein Punkt
in der Fülle
die sich entleert
in die Leere,
die sich füllt

 

Sohan: Ich warte auf den Tag, an dem ich nicht mehr diese kleinen Bilder malen muss. Auch wenn es kein verzweifeltes Warten ist, es macht auch Spaß und ist bereichernd, und ich denke, dass eine strengere Disziplin den Weg abkürzen könnte, d. h. die Erfahrung zu nutzen, die ich vom Malen habe. Weil ich das Spiel des Rituales spiele, kann ich geben und empfangen. Und jetzt habe ich diese Disziplin, ich habe Kraft auf Vorrat. Somit benötige ich das eigentliche Ritual nach und nach immer weniger.

Bindu: Das Leben selbst wird zu einem Ritual.

ich bin ein Punkt
im nicht-angeschlagenen Ton

Sohan: Ja, die große Leinwand ist wichtiger als all die kleinen, und dann brauche ich nicht mehr zu malen.

Bindu: Aber irgendetwas musst du doch machen?

 

ich bin ein Punkt
im Beseelten
und im Nicht-Beseelten

Sohan: Vielleicht gibt es eines Tages ein größeres Bild, das gemalt werden soll, ich meine natürlich nicht wörtlich. Dieses Bild z. B. gibt mir Kraft zurück, so wie jedem, der offen dafür ist. Es ist vielleicht nicht genau dasselbe, was ich bekomme. Doch es ist ein Objekt und etwas für die Sinne, auch wenn ich nicht nur die Sinne bin. Dieses Bild kann mir etwas geben und es kann dir etwas geben. Die Geschichte endet jedoch nicht hier, sie beginnt vielmehr hier. 

ich bin ein Punkt
in Maithuna,
Mudra und Mandala
in Mantra,
Yantra und Tantra

 

Sex

Bindu: Tantra wird auch mit sexuellen Erfahrungen verbunden.

Sohan: Ja, so wie Sex mit dem Leben verbunden ist, ist auch Sex verbunden mit Tantra. Sex spielt eine zentrale Rolle im Leben, und Tantra räumt ihm den Platz ein, der ihm zusteht.

Andernorts ist er von der Ästhetik von seinem zentralen Platz verdrängt worden, von der religiösen Ästhetik, einer Art puritanischen Ästhetik.

So, wie es in der Kunst eine Ästhetik gab, die sich der gewohnheitsmäßigen Art zu fühlen und zu denken anpassen sollte, Kunst um der Kunst willen, gab es auch eine religiöse Ästhetik. In dieser religiösen Ästhetik konnte Sex keinen zentralen Platz einnehmen, da die puritanische Haltung dies verbot.
Wie auch immer, lass uns eine andere Bedeutung für das Wort sexuell finden — im Tantra. Sex ist ganz einfach eine fundamentale Energie, sowohl psychisch als auch physisch.


Aus meiner Sicht, begegnen sich im Sex die psychische und die physische Ebene. In einemjeden Menschen begegnen sich das Psychische und das Physische im Orgasmus. Und diese Begegnung im Moment der Ekstase nennen wir sexuell. Aber die Kultur hat dieses Gebiet mit Gesetzen eingeschlossen, mit falschen Gesetzen.


Es erreicht einen Höhepunkt und nimmt wieder ab. Aber es hat einen Höhepunkt und das ist das Schöne daran. Auf einer sehr groben Ebene, auf der Stuhla-Ebene, der materialistischen und tierischen Ebene, begegnen sich das Psychische und das Physische und erreichen einen Höhepunkt.

Swami Janakananda: Ja, der entscheidende Punkt bei tantrischer Meditation ist, das du in der Lage sein musst dort, zu beginnen wo du bist – in deinen Sinnen – wenn du dich hinsetzt, um zu meditieren. Es gibt keine Werteskala, grob ist nicht niedriger als fein oder subtil. Dies ist jedes Mal der Ausgangspunkt, die erste Stufe der Leiter.

Sohan: Ja, und es geschieht auf jeden Fall, es ist Ekstase und genau wie alles Ritual ist, ist auch Sex ein Ritual. Du musst dich der sexuellen Situation ganz hingeben, sonst gibt es keinen Sex. Es ist dasselbe: Wenn du dich nicht hingibst, kannst kein Bild malen, du musst dich ganz verschlucken lassen, und du musst dich ganz vom Sex verschlucken lassen, sonst bringt dir Sex nichts.

Es ist diese Offenheit, die einige der Hinderungen und Blockierungen entfernt. Weil Sex so zentral ist, ist er auch stärker um diese Blockierungen zu entfernen — dies geschieht sowieso halbwegs, auch bei einem normalen Liebespaar.

ich bin ein Punkt
in der orgastischen Ekstase
so spirituell
und so irdisch
zugleich

Wie ich bereits sagte, was wir zum Ritual brauchen ist Disziplin, um es zu bewahren und zur größeren Leinwand zu gelangen, oder einem größeren Menschen, einem größeren Orgasmus. Anstelle des ganzen technischen Unsinns drüber, wie man den Samen veredelt, indem man ihn an irgendeinen höheren Ort bringt. Nein, ein größerer Mensch, eine größere Leinwand.

Aber das bedeutet nicht, dass wir die einzigen sind, die dies wissen. Menschen die dies nicht wissen, tun dasselbe. Ekstase ist etwas angeborenes, und die Ekstase heißt Ritual, und auf diese Weise kann man es Sex nennen.

Der Guru

Bindu: Kannst du uns über dein persönliches Erlebnis des Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler berichten? Du hattest einen Guru, nicht wahr?

Sohan: Ich habe, wenn du einen Guru hast, dann hast du ihn für immer, es ist niemals ‚hattest‛.

ich bin ein Punkt
im Staubkörnchen
das den Kosmos bedeckt

Bindu: Ja, in Arabien sagt man: „Wenn deine Liebe verschwunden ist, ist sie niemals dagewesen”.

Sohan: Das ist eine große Frage und sehr persönlich. Für mich war das Verhältnis immer sehr naiv und das ist es noch immer. Er hat mir nie etwas gesagt, fast so als hätte er gesagt: „Ich werde dir nichts sagen”.

Die Zweifel, die von selbst anfangen im Kopf eines Schülers herum zu kreisen, müssen also aufgelöst werden; wenn nichts geschieht, kann nicht die Rede davon sein, ein Schüler zu sein — wenn die Zweifel bestehen bleiben, statt losgelassen zu werden.

Mein Guru lebte in einem Tempel und die Leute konnten bei ihm sein, wenn sie wollten. Wenn sie keine Lust mehr hatten, konnten sie einfach gehen. Wenn sie gekommen waren, um intellektuelles Wissen zu erlangen, sagte er ihnen, dass sie doch ein Buch lesen könnten.

Ich war neun Jahre alt, als ich ihn traf, ich war also sehr jung. Ich denke es liegt daran, dass ich immer noch dieses Verhältnis zu meinem Guru habe.

ich bin ein Punkt
im Werdenden
und im Seienden

Als ich mit neunzehn an der Universität war, ging ich dann und wann zu ihm, jedoch nicht weil es eine Bedingung war. Und ich hatte meine Zweifel, so geht es jedem, ich fragte ihn: „Warum kannst du es mir nicht sagen?”

„Naja, du kannst doch Englisch? Warum bringst du mir nicht Englisch bei?” Auf diese Art wies er mich ab. Er sprach kein Englisch und ich begann es ihm beizubringen. Dann ging mir ein Licht auf. Oh mein Gott, er will nicht mit mir sprechen, deswegen bringt er mich dazu zu sprechen.

Glücklicherweise bekam ich einen Lehrer in einem jungen Alter. Mein Vater und meine Mutter brachten mich zum Tempel zu einer Einweihung, damit ich sein Schüler werden konnte.


Bindu: Was war dein Guru für ein Mensch?

ich bin ein Punkt
im Desillusionierten
der nach Illusionen sucht

Sohan: Er war ursprünglich Sänger und Tänzer, ein Tempeltänzer. In Indien fand alle Kunst im Tempel oder im Palast statt, es gab eine tief verwurzelte Kultur in den Tempeln, die Leute gingen dort hin — um kultiviert zu werden.

Bindu: Aber du bist ihm doch wahrscheinlich schon einmal begegnet, bevor du sein Schüler wurdest?

Sohan: Als ich ihn das erste Mal sah, führte er ein Ritual anlässlich der Erneuerung des Brunnens auf unserem Hof aus. Er reichte den Göttern und Göttinnen Opfergaben dar und sang Mantras, um die Zeremonie zu segnen.

Er war ein etwas klein geratener Mann mit klaren Augen und einer tiefen, resonanten Stimme. Ich war beeindruckt von seinem Gesang und ihm dabei zuzusehen wie er Yagya Agnihotra [eine Feuerzeremonie] nahe des Brunnens ausführte.   

Bindu: Und später wurdest du sein Chela?

ich bin ein Punkt
im Außergewöhnlichen
gekleidet in das Gewöhnliche

Sohan: Ich wurde in seinem Tempel eingeweiht, wo er Yantras an die Wände zeichnete, um darauf zu meditieren. Eines Tages half ich ihm dabei, Yantras auf die Rückwand des Tempels zu zeichnen. Ich erinnere mich daran, wie die Wände des Tempels von seiner Stimme vibrierten. Er war stets von einem ‚Summen‘ umgeben.

Er wurde Baba Brahmachari genannt, aber paradoxer Weise lebte er mit einer Frau zusammen, die wir Mataji (Mutter) nannten. Als ein tantrischer Lehrer war er voll von diesen widersprüchlichen Rätseln.

Bindu: Woher kam er?

Sohan: Mir wurde gesagt, er habe in Lahore [vor der Teilung Indiens in das heutige Indien und Pakistan] unterrichtet. Einige seiner Schüler von dort wurden berühmte Tänzer und Musiker.

ich bin ein Punkt
im Punkt —
ohne Punktheit

Bindu: Aber warum sollte ein solcher Mensch dem weltlichen Leben entsagen?

Sohan: Eines frühen Morgens sah ich ihn vom Dach unseres Hauses, wie er Mantras sang und die Nachbarn segnete — und bettelte. Ich schämte mich und fühlte mich nahezu verletzt. Ich hatte großen Respekt vor Guruji, er war ein großer Mann in meinen Augen — und dann stand er da, wie ein gemeiner Bettler und bat um etwas Mehl! Das war zu viel für mich.

Ich beschloss ihm einen Sack Mehl zu bringen. Ich lud ihn auf mein Fahrrad und fuhr damit zum Tempel. Höflich bat ich Guruji den Sack an: „Bitte gehe nicht mehr betteln, ich kann dir bringen, was du brauchst.“ Er sah mir tief in die Augen und sprach: „Kleiner Dummkopf, glaubst du wirklich ich bettle, nur um etwas Mehl zu bekommen? Es ist Teil meines Sadhanas, um mein Ego zu bezähmen und mein Karma zu erleichtern …“ Lächelnd gab er mir den Sack zurück, „eines Tages wirst du vielleicht verstehen“.  

Bindu: Predigte er ansonsten, dass man sein Ego bezähmen solle, oder etwas in der Art?

Sohan: Nein, eigentlich nicht. Aber als er dem weltlichen Leben entsagte und Sannyasa nahm, begann er zu betteln. Ein andern Mal sagte er zu mir: „Wenn du deine Hand ausstreckst, um Almosen zu empfangen – dann kannst du kein Egoist bleiben.“

ich bin ein Punkt
im nackten Fleisch
brennend ah! erleuchtend

Bindu: Lass uns zur Musik zurückkehren, lehrte er mittels Musik?

Sohan: Er sang morgens drei Stunden lang OM mit seinem abgenutzten Harmonium. Nur zwei Tasten funktionierten noch, der Rest war unbrauchbar.

Sein Tempel war ein Einmanntempel, also saß er draußen. Niemand kannte ihn, als er im Dorf ankam. Da er kein Englisch sprach, befand er sich außerhalb der Kultur. Er ließ sich im Tempel, der auf halber Strecke zwischen unserem und dem nächsten Dorf lag, nieder. Die Leute aus unserem Dorf dachten der Tempel gehöre zum Nachbardorf und die anderen dachten er gehöre zu uns, somit befand er sich in einer Art Niemandsland.

Er war ein sehr einfacher Mensch, der sein ganzes Leben lang getanzt hatte, bis er etwa 40 war, danach zog er sich zurück und lebte in diesem Tempel bis er starb.

Bindu: Zog sich zurück? Bedeutet das, dass er sein Essen ausschließlich durchs Betteln von anderen Leuten erhielt?

Sohan: Ja, die Leute gaben ihm etwas Geld oder Essen und er brauchte nicht viel. Es kamen Schüler zu ihm, um tanzen zu lernen und die gaben ihm auch etwas.

ich bin ein Punkt
— Bindu

Vielleicht war er als Tänzer sehr egoistisch gewesen und hatte eine hohe Meinung von sich selbst gehabt. Obwohl er ein guter Tänzer war, machte es sein Karma schwer und isoliert. Dies konnte er durchs Betteln überwinden. Er bettelte indem er die Menschen segnete. Er tat es an fünf Haustüren und am nächsten Tag ging er weiter zur sechsten. Als er sehr alt geworden war ging er jedoch nicht mehr umher.

ich bin ein Punkt
im Punkte
des OM

Und es kamen immer noch Leute zu ihm, die lernen wollten Musik zu spielen, selbst als er nicht mehr unterrichten wollte. Sie kamen und ließen sich nieder, er sagte ihnen nicht, dass sie gehen sollten, es war ihm egal und es waren viele.

 


Lies auch Yogini von Sohan Qadri – über das Frauenbild, aus der tantrischen Tradition Indiens


Die ‚Punkt‘ Gedichte von Sohan Qadri erschienen erstmals in der dänischen Zeitschrift Bindu, Ausgabe 14, 1975, die auch die erste Ausgabe dieses Interviews enthält, dieses Interview wurde 2008 neu überarbeitet und illustriert. Die Gedichte wurden später Teil der Sammlung: Aphorisms – Aforismer, erschienen 1988, in englischer und dänischer Sprache. 2009 erschien im Bindu Verlag eine überarbeitete englische Fassung dieser Aphorismen, mit neuem Layout unter dem Titel Wonderstand. Weitere Bucher von und über Sohan Qadri findest du hier >>

Alle Malereien in diesem Artikel sind von Sohan Qadri. Die Fotografien der tantrischen sexuellen Rituale sind von Torben Huss, Kopenhagen, die Porträtfotografien von Sohan Qadri (1975) von Swami Janakananda. Die letze Fotografie (unten) zeigt Sohan Qadri und Swami Ma Sita in der Wüste Dubais, 2004, fotografiert von Swami Janakananda.

Sohan Qadri ist heute ein weltbekannter Künstler, er wird unter anderem in diesen Galerien ausgestellt:
Sundaram Tagore Galleries in New York, Beverly Hills und Hong Kong,
Kumar Gallery in New Delhi.

Dieses Interview erschien 2008 auf unserer englischen und dänischen Homepage, in Zusammenarbeit und Übereinstimmung mit Sohan Qadri. Alle Rechte vorbehalten © 2016 Bindu Verlag, Skandinavische Yoga und Meditationsschule und Sohan Qadri.