Erfahrung und Wissen

Von der Lehrerausbildung an der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule

Dritter Teil – Ausbildung mit Qualität?

„Ein Mann ohne männlichen Mut,
eine Frau ohne frauliche Anmut,
ein Kind ohne die Einfachheit eines Kindes,
ein Säugling ohne die Unschuld eines Säuglings,
ein Liebender ohne den Willen zu opfern,
ein Anbeter ohne das Ideal von Gott,
ein Schenkender ohne große Bescheidenheit
sind wie ein König ohne Königreich. …

„Welche Befriedigung liegt in einer nutzlosen Handlung?
Welcher Nutzen liegt in einer sinnlosen Rede?
Welche Freude liegt in einem oberflächlichen Gedanken?
Welches Glück liegt in einem lieblosen Gefühl?“
(Hazrat Inayat Khan)

Was zeichnet einen Yoga- (und Meditations-) Lehrer aus? Was ist das Ziel eines Yogalehrers? Was ist ein guter Yogalehrer? Worin sollte die Ausbildung oder das Training eines Yogalehrers bestehen?

orm2Kann ein Yogalehrer Angst davor haben, auf dem Kopf zu stehen? Kann er Angst haben vor Pranayama (Atemübungen des Yoga) oder Meditation? Nein, natürlich nicht, wenn er diese Methoden selbst nutzt – und gleichzeitig seine Erlebnisse durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt bekommt.

Leider können wir nichts gegen Oberflächlichkeit, Angst oder Unwissenheit tun, aber es schadet dem Ruf und der Qualität von Yoga, dass gewisse Ausbildungen oftmals kurz sind und manchmal obendrein mit allem möglichen anderen vermischt werden, was die Innerlichkeit und Konzentration verblassen lässt. Eine Yogalehrerausbildung mit anderen Dingen zu vermischen, beansprucht Zeit und Raum und trübt den Blick für die Möglichkeiten, die in der Yogatradition liegen. Sie baut ja immerhin auf die Erfahrung von Tausenden von Jahren.

Ohne eine feste Grundlage haben unzureichend ausgebildete Lehrer die Tendenz, Yoga zu verwässern, so dass es kaum wiederzuerkennen ist und nicht länger die gewünschten Wirkungen hat. Diese Lehrer hören oftmals schon nach wenigen Jahren wieder auf zu unterrichten.

 

Einige traurige Beispiele von vielen

„Was man nicht kennt oder nur auf Theorie basiert, dass fürchtet man.“ (Swami Janakananda)

Deutschland: Verschiedene Schüler haben uns berichtet, dass ihre früheren Lehrer sich weigerten, ihnen den Kopfstand beizubringen, und Schreckgeschichten über Pranayama (Atemübungen) erzählten.

Dänemark: Hier spricht eine kleine Gruppe von Yogalehrern über „sicheres Yoga”. Sie brüsten sich damit,  keine „gefährlichen” (ihre eigenen Worte) Yogapraktiken zu unterrichten. Einige haben z.B. die Nasenspülung genannt, die heute von vielen Hausärzten empfohlen und in mehreren Krankenhäusern in Schweden als Mittel gegen Allergien eingesetzt wird. In einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover an Soldaten der Bundeswehr wurde Neti als „hervorragendes Präventivmittel gegen Erkältungen” eingestuft (Prof. Thomas Schmidt).

 

USA: Wir haben viele Briefe von Menschen bekommen, die an ihrem Wohnort keinen qualifizierten Yogalehrer finden können. Sie fragen uns, ob wir nicht jemanden kennen, der auf ähnliche Weise wie Paramhansa Satyananda und Swami Janakananda unterricht. Das einzige, was sie finden können, ist ein Gemisch von Yoga-Gymnastik/Aerobics oder Yoga, das man nur ausüben kann, wenn man verschiedene Kissen, Möbel und Geräte hat (siehe auch den Leitartikel Übungsleiter oder Yogalehrer?).

Schweden: In einer der größten schwedischen Städte haben sich einige unserer Schüler über inkompetenten Unterricht beklagt, den sie früher durch Lehrer erhalten hatten, die offenbar nur eine oberflächliche Ausbildung und weder echte eigene Praxis noch persönliches Training hatten. Wegen solcher Lehrer waren die Schüler von Yoga enttäuscht und hatten das Interesse verloren. Einige von ihnen versuchten es dennoch ein weiteres Mal, kamen zu einem unserer Kurse und entdeckten den Unterschied.

Wie Swami Janakananda es ausdrückt:

„Welche Art von Unterricht würdest du bekommen wollen, wenn du, sagen wir in 200 Jahren, wiedergeboren werden solltest? Würdest du nicht wünschen, einen Lehrer zu finden, der den Weg selbst gegangen ist? Würdest du nicht wünschen, die Essenz von Yoga in seinem Unterricht wiederzuerkennen?“

Franz Jervidalo, einer der erfahrenen Yogalehrer:

„Eine Yogalehrerausbildung von 1-4 Monaten erscheint unrealistisch. Welchen Hintergrund haben diejenigen, die solch eine Ausbildung besuchen? Wenn sie niemals vorher Yoga ausgeübt haben oder nur ein wenig, so ist dies völlig unzureichend. Und selbst wenn sie eine Menge Erfahrungen mit Yoga haben, stellt sich die Frage, ob sie in solch kurzer Zeit darauf vorbereitet werden können, andere zu unterrichten. Kann ein ‘Lehrer’, der diese ‘Zeugnis-Ausbildung’ absolviert, auf die Tradition von Lehrern zurückgreifen, die vorausgegangen sind, um bei seiner Arbeit Rat von erfahrenen Menschen zu bekommen? Wie werden die Lehrer unter schwierigen Bedingungen und in ungünstigen Unterrichtsverhältnissen getestet? Bilden sie dann, als Kompensation zu echter Anleitung, ‘Kaffee- oder Teekränzchen’, wo begrenzende Angst und Aberglauben wachsen?”

Der kürzlich verstorbene Swami Vishnudevananda in einem offenen Brief an Yogalehrer:

„Hier läuft die Tradition des Yoga, eine große spirituelle Tradition, Gefahr, verschmutzt zu werden von kommerziellen Interessen, durch die Personen, die versuchen, Yoga zu vermarkten, indem sie professionelle Yogaverbände gründen… Der ‘Dreijährige Kurs’ (entwickelt von einem nationalen Verband in Europa) besteht aus zwei Tagen mit fünf Stunden, alle 14 Tage, was insgesamt einen Kontakt zwischen Lehrer/Schüler von 360 Stunden in drei Jahren ergibt, wohlgemerkt wenn Schüler und Lehrer zu allen Klassen erscheinen. … Der Titel ‘Dreijähriger Kurs’ narrt die Öffentlichkeit, indem er falsche Vorstellungen nahelegt. Tatsächlich finden die Klassen nur jedes zweite Wochenende statt. Dieser zerrissene Unterricht fordert weder das geregelte und disziplinierte Leben des Yoga, noch bietet er den angedeuteten professionellen Unterricht, den man im Laufe von drei Jahren an einer Universität erhält, wo man täglich hart arbeiten muss, um eine professionelle Qualifikation zu erwerben. … Die Haltung solcher Yoga-Verbände lässt sich nur als kommerzieller Eigennutz verstehen. Sie gründet nicht auf der überlieferten Weisheit der Guru-Schüler, der uralten Yogatradition, wo der Schüler den spirituellen Reichtum vom Lehrer ererbt.”

 

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Selbst der größte Stein kann gerollt werden, wenn man ihn zusammen anhebt. Unten sind die Yogalehrer in einer entspannten Pause auf dem Lande in Håå zu sehen.

Es ist unsere Verantwortung, einen hohen Standard in der Yogalehrerausbildung zu halten.

Es geht nicht darum, so viele Yogalehrer wie möglich zu produzieren. Daran kann die Tradition sogar ersticken. Wir können nur hoffen, dass diejenigen, die auf einer zu schwachen Grundlage unterrichten, sei es aus Angst vor dem Unbekannten oder aus Eifersucht auf diejenigen, die weiter gegangen sind, nicht eines schönen Tages den wirklichen Yogis verbieten, eine unverfälschte Tradition fortzusetzen.

 

 

Es geht um Qualität und um das Originale, darum, was jeder einzelne Yogalehrer seinen Schülern geben kann. Hierfür braucht es nicht allein Fakten, Theorie oder Philosophie, sondern Zeit, Engagement und Geduld.

„Es kommt nicht darauf an, die eigenen Fähigkeiten zu beweisen
sondern darauf, in Kontakt mit sich selbst zu sein
und von sich selbst aus
mit anderen zusammenzusein.“
(Swami Janakananda)

water-lilyEin guter Yogalehrer ist nicht gut, weil er ehrgeizig oder geschickt ist. Er kennt zwar die Methoden des Yoga aus Erfahrung und hat ein persönliches Training und Wachstum erlebt. Aber erst das Erkennen der Haltung des Yoga gibt dem Ganzen Tiefe.

Er hat Selbstvertrauen, sucht aber die Anleitung des Lehrers oder Gurus, um die Illusionen des Lebens zu bewältigen – und folgt einer ununterbrochenen Tradition. Er ist auf dem Wege zur Weisheit.

Diese Person hat viele Masken und Rollenspiele fallengelassen. Sie steht „nackt” vor den Schülern und hat sich die psychischen und spirituellen Dimensionen zu eigen gemacht, die notwendig sind, um Yoga und Meditation zu unterrichten. Sie ist ein gutes Medium geworden, ausreichend sensibel, um die Bedürfnisse von anderen zu erfassen und sie zu Selbsterkenntnis zu inspirieren, anstatt zu predigen und die Menschen mit welcher Mythologie auch immer zu indoktrinieren.

Solch ein Lehrer kann seine Schüler aus Selbstbezogenheit, Depressionen oder vorgefassten Meinungen herauslocken – er kann ihnen auf ihrem Weg helfen, indem er Löcher sticht in ihre Luftballons aus Stolz, in ihre Seifenblasen aus Idealismus und Begeisterung.

Niemand ist perfekt – oder vielleicht sind wir es alle in unserer Verschiedenartigkeit – und wir sehen Perfektionismus nicht als ein Ziel an sich. Aber je weiter du selbst gegangen bist, desto weiter kannst du deine Schüler führen.

Wenn wir die Yogalehrerausbildung diskutieren, stoßen wir auf ein Dilemma. Auf der einen Seite wollen wir die wunderbaren Werkzeuge des Yoga mit so vielen wie möglich teilen, aber andererseits stellt sich die Frage: Wie schnell, oberflächlich oder „sicher” darf eine Yogalehrerausbildung sein, bevor sie unverantwortlich wird gegenüber einer tausendjährigen Tradition und der Erfahrung von unzähligen Generationen? Eine solche Ausbildung sollte nicht den Namen Yoga tragen.

Für die Lehrer der Skandinavischen Yoga und Meditationsschule

OM Tat Sat   Swami Ma Sita Savitri