Warum den Atem anhalten?

– Bericht von einer Yogalehrerklasse


„Wenn der Atem ungleichmäßig ist, dann ist der Geist unruhig, aber wenn der Atem still ist, ist auch der Geist still und der Yogi bekommt die Kraft der Stille. Deswegen soll der Atem angehalten werden.“ (Hatha Yoga Pradipika)

Sie blockierten nicht im Gehirn

Anfang der 80er Jahre nahmen die Yoga­lehrer der Schule an einem Forschungs­projekt an der Uniklinik in Köln teil, geleitet von dem deutschen Arzt Dr. Thomas Schmidt. Untersucht wurden die Wirkungen der Atemübungen des Yoga, u. a. wurden Puls, Blutdruck und die Aktivität des Gehirns (EEG) gemessen.

Während die Yogalehrer den Psychischen Atem praktizierten (Ujjayi Pranayama), zeigte ihr EEG Alpha-Wellen, die einen entspannten Zustand kennzeichnen. Aber die Forscher wollten auch untersuchen, wie sie auf Störungen reagierten.

Hamsananda, der am Versuch teilnahm, berichtet:

„Ich saß im Lotussitz und machte Ujjayi, als einer der Forscher ohne Vorwarnung hart auf einen Tisch aus Metall schlug. Das machte ganz ordentlich Krach. Aber mir machte das gar nichts aus.“ Die Forscher waren daran gewöhnt, Versuchspersonen leicht zum Reagieren bringen zu können, so dass sie den entspannten Zustand verließen. Aber zu ihrer Überraschung zeigten die Yogalehrer keine Veränderungen im EEG.

Während sie einen anderen Yogalehrer maßen, schienen die Forscher plötzlich sehr aufgeregt. Sie diskutierten laut darüber, dass das EEG dieser Person einen ernstlichen Fehler aufwies, aber auch hier wurde die Alpha-Aktivität nicht unterbrochen.

 „Wenn die Yogalehrer den Atem anhielten, konnte die Alpha-Aktivität nicht blockiert werden“, schlussfolgerten die Forscher

Das Nervensystem und der Atem

„Professor Dr. Thomas Schmidt hat die Zusammenhänge zwischen der gedank­lichen und gefühlsmäßigen Aktivität des Geistes und den körperlichen Reaktionen darauf (Psychosomatische Medizin) erforscht. Er bestätigte mir, dass jede Änderung des Atems, dessen Rhythmus und Schnelligkeit, direkt auf das Nervensystem wirkt.

Noch bevor Professor Schmidt die Yoga-Atemübungen kannte, folgerte er, dass man ein wirksames therapeutisches System schaffen könnte, wenn man bewusst die Atmung beeinflussen könnte. Heute weiß er, dass ein solches System bereits existiert, und dass es im Yoga im Lauf von Jahr­tausenden erprobt worden ist. Es hat sich zu einer Serie verschiedener Atemübungen entwickelt, jede mit ihrer besonderen Wirkung.“
(Aus Yoga, Tantra und Meditation im Alltag von Swami Janakananda)

Tao-Kumbak

Gewohnheiten im Nervensystem

Wenn wir uns in einem normalen, wachen Zustand befinden, reagieren wir über­wiegend automatisch auf das, was wir um uns herum erleben. Unser gewohntes Bild der Umgebung dominiert, und wir rechnen damit, dass alles so bleibt, wie wir es schon kennen.

Wenn wir dagegen in dem meditativen oder entspannten Zustand sind, der durch Alpha-Wellen im EEG gekennzeichnet ist, dann ist dieses Bild der Wirklichkeit viel schwächer. Jetzt reagieren wir nicht mehr automatisch auf Gedanken und Eindrücke. Wir können alles mit neuen Augen sehen und die Filter durchschauen, durch die das Leben normalerweise erlebt wird. Man kann dies ein direktes Erlebnis nennen.

Wenn man regelmäßig Atemübungen macht oder meditiert, werden diese automatischen Reaktionen im Nerven­system abgeschwächt. Der Geist wird kreativer und flexibler – es wird leichter, die Dinge aus einem neuen Sichtwinkel zu sehen. Man kommuniziert klarer und kann besser mit anderen Menschen zusammen­arbeiten. Wir nennen den Alpha-Zustand „den offenen Zustand“.

Den Atem anhalten

Das, was man im Yoga gewöhnlich Atemübungen nennt, heißt auf Sanskrit Pranayama. Prana bedeutet vitale oder psychische Energie des Körpers und yama, diese zu beherrschen oder zu meistern. Einzigartig an den Atemübungen des Yoga ist, abgesehen davon, ob man langsam und tief oder schnell und kräftig atmet, dass man den Atem auch anhält.

In den Yogaschriften wird Pranayama beschrieben als verschiedene Weisen, den Atem anzuhalten. In einer der bekanntesten, den Yoga Sutras von Patanjali, steht:

„Pranayama besteht aus dem Anhalten der Ein- und Ausatmung“ und „Dadurch wird das, was das Licht verhüllt, aufgelöst, und der Geist ist bereit zur Konzentration.“

In einigen Übungen atmet man ganz ein und hält den Atem an, und in anderen atmet man ganz aus und hält den Atem an.

Spontan

In tiefer Meditation oder Entspannung kann der Atem nach und nach schwächer werden und schließlich von selbst auf­hören – für eine Weile. Dies wird als die höchste Form von Pranayama beschrieben.

Yoga oder nicht, es wirkt ohnehin

In England hat jüngst ein russischer Arzt ein gewisses Aufsehen erregt. Er hat entdeckt, dass man Asthmapatienten helfen kann, in dem man sie nach der Ausatmung den Atem längere Zeit anhalten und ansonsten möglichst viel durch die Nase atmen lässt. Leider behauptet er, dass das nicht Yoga sei. Wie sonst sollte er seine bedürftigen Mit­menschen mit hohen Preisen ausnutzen können, die er für eine Methode verlangt, die er zunächst versucht hat, geheim zu halten, die aber eine altbekannte Yoga­methode ist? Im Yoga gibt es zugleich eine Erfahrung, die nicht nur auf schnelle Wirkungen setzt. Man legt Wert auf lang­fristige Wirkungen auf das Nervensystem und gibt deswegen genau die Regeln an, die man vor, während und nach den Übungen beachten muss.

Im Artikel Atme durch die Nase! haben wir ein Beispiel von vielen ausgewählt, das diese Wirkung zeigt, und noch dazu lediglich beim Atem anhalten nach der Einatmung. Das Beispiel sollte im Zusammenhang mit dem Artikel über Stickoxyd gesehen werden.

Yoga enthält außerdem noch andere Übungen, die gegen Asthma verwendet werden können.

Sri Yukteswar

Ykteswar001Ein ganz anderer Beitrag dazu, warum man den Atem anhalten soll, kommt von dem Yogi Swami Sri Yukteswar (1855-1936). Er hatte sein Ashram in Puri in Indien. Er wird zum ersten Mal im Westen von dem Autor Evans Wentz erwähnt – und später von seinem Schüler Swami Yogananda, als der auf Aufforderung von Sri Yukteswar in den 30er Jahren in die USA reist. Hier wurde Yogananda besonders durch sein Buch „Autobiographie eines Yogi“ bekannt, das u.a. von Kriya Yoga handelt.

Wir werden hier aus einem anderen Buch zitieren, „Die Heilige Wissenschaft“, das Sri Yukteswar gegen Ende seines Lebens schrieb. Das Interessante ist, dass er behauptet, dass das Atem anhalten eine solche Ruhe im autonomen Nervensystem schafft, dass die inneren Organe eine Rast bekommen wie sonst nie, weder während des Schlafes, noch im Wachzustand.

„Wert des Pranayama

Der Mensch kann seine willkürlichen Nerven wunschgemäß in Tätigkeit halten oder – wenn sie ermüden – zur Ruhe bringen. Wenn alle Nerven nach Ruhe verlangen, schläft er von selbst ein. Und da alle willkürlichen Nerven durch den Schlaf erfrischt werden, können sie danach wieder mit voller Kraft tätig sein. Seine unwillkürlichen Nerven [das Autonome Nervensystem] jedoch arbeiten unabhängig von seinem Willen und sind seit seiner Geburt ununterbrochen tätig. Und da er keine Gewalt über sie hat, kann er ihre Tätigkeit nicht im geringsten beeinflussen. Wenn diese Nerven ermüden, verlangen sie ebenfalls nach Ruhe und schlafen naturgemäß ein. Dieser Schlaf der unwillkürlichen Nerven wird Mahanidra, der große Schlaf oder Tod, genannt. Bei seinem Eintreten werden Kreislauf, Atmung usw. stillgelegt, und der stoffliche Körper beginnt langsam zu verfallen. Nach einer Weile, wenn dieser große Schlaf – Mahanidra – vorüber ist, erwacht der Mensch mit all seinen Begierden und wird in einem neuen physischen Körper wiedergeboren, um seine verschiedenen Wünsche zu erfüllen. Auf diese Weise bindet er sich an Leben und Tod und versäumt es, endgültige Erlösung zu erlangen.

Herrschaft über den Tod. Wenn der Mensch diese unwillkürlichen Nerven jedoch durch den vorerwähnten Pranayama unter seine Herrschaft bringen kann, ist er in der Lage, den natürlichen Verfall seines stofflichen Körpers aufzuhalten und die unwillkürlichen Nerven (in Herz, Lunge usw.) zeitweise zur Ruhe zu bringen – ebenso wie während des Schlafs die willkürlichen Nerven. Nach einer solchen Ruhepause durch Pranayama werden die unwillkürlichen Nerven erfrischt und arbeiten wieder mit neuer Lebenskraft.

Ebenso wie man nach dem Schlaf, wenn sich die willkürlichen Nerven ausgeruht haben, keine Hilfe benötigt, um aufzuwachen, so erwacht man auch nach der vollkommenen Ruhepause des Todes wieder auf natürliche Weise in einem neuen irdischen Körper. Wenn ein Mensch aber freiwillig ‚sterben‘, d. h. wenn er sein ganzes Nervensystem (das willkürliche und das unwillkürliche) täglich durch das Üben von Pranayama zur Ruhe bringen kann, so arbeitet sein ganzer Körper danach mit frischer Kraft“. (Sri Yukteswar)

Der Wechselatem

Die folgenden Artikel  handeln von der Atemübung Nadi Shodana Pranayama, oder dem Wechselatem, wie sie auch genannt wird. Wir werden einige der Wirkungen, an denen wir gewöhnlichen Menschen in unserem Alltag Freude haben, betrachten. Der Einfluss von Nadi Shodana auf das Gehirn — und — Genügend Sauerstoff während Nadi Shodana .

In der Tradition wird Nadi Shodana als die Übung betrachtet, die die Energie­ströme reinigt (Nadi bedeutet Ströme, Prana Vitalenergie und Shodana zu reinigen), so dass sie ohne Blockierungen fließen können. Durch regelmäßige Praxis kann der Yogi damit die Energie beherrschen und steuern und sie durch Willenskraft erwecken und erhöhen.

Wenn die schlummernde Energie erweckt wird, kommen alle Fähigkeiten des Menschen zum Ausdruck. Symbolisch sagt man in Tantra, dass Shakti oder Kundalini durch alle Chakra der Wirbelsäule, die auf dem Weg erweckt werden, aufsteigt, um sich mit Siva in Sahasrara Chakra oben auf dem Kopf zu vereinigen.

“Dabei wird der Geist von Glückseligkeit erfüllt.
Wahrlich, der, der Pranayama übt, ist Glücklich.“
(Gheranda Samhita)