Auf dem Weg zu größerem Bewusstsein

– Gedanken zu einem Text von Swami Satyananda: Chronologie eines Yogi


Die Weisheit lehrt uns, dass man fähiger ist, dem Geistigen zu begegnen, wenn man keine Erwartungen hat – dass es bei weitem vorzuziehen ist, was wirklich geschieht, zu erleben, als uns das, was uns mit unserem beschränkten Bewusstsein möglich ist, im voraus vorzustellen.

Scope – Sichtweite, und das, „was begrenzt“ oder deckt – das Licht des Scheitels

In einem solchen Licht sollte das Thema dieses Artikels gesehen wer­den. Im fortgeschrittenen Yoga suchen wir, das Bewusstsein offen zu halten und zu erweitern. Das geschieht im Verhältnis zu dem Zustand, in dem wir uns befinden, wenn wir uns mit dem von uns auswendig Gelernten, mit gewohnheitsmäßigen Ansichten und Erwartungen identifizieren.

Mit einem größeren Bewusstsein zu leben erfordert einen Körper, der nicht verschiedenen Zuständen unter­worfen ist. Das gleiche gilt für das Verhältnis, das man zu seinem Geist hat – man muss vorbereitet und trainiert sein, seinen Geist als ein Zuschauer erleben zu können, so dass man nicht so leicht von all den Sachen mitgerissen wird, die ihn beschäftigen.Das kommt nicht so ohne weiteres.

Trotzdem kann es geschehen, dass ein Mensch ganz spontan ein Er­lebnis eines größeren Bewusstseins, einer unverschleierten Präsenz bekommt; ja, mir fehlen die Worte, um dieses ungewöhnlich starke Erlebnis von Sein, von Existenz, zu beschreiben. Es kann viele Ursachen dafür geben, z.B. einen Schock, eine große Sorge, eine plötzliche Veränderung in den Lebensbedingungen…

Wenn man nicht darauf vorbereitet ist und sich plötzlich als nackt erlebt – wenn der Zustand so stark ist, dass es unmöglich ist, sich selbst zu belügen, unmöglich, sich hinter Rollen, Masken und Recht­ferti­gungen zu verstecken – so ist es natürlich überwältigend und kann bei gewissen Leuten Angst hervorrufen. Andere wiede­rum empfinden eine solche plötzliche Veränderung des Bewusstseins als etwas äußerst Positives, selbst wenn sie darauf nicht vorbereitet sind. Das Erlebnis hinterließt oft eine Leere, wenn es vorbei ist.

Yoga und Meditation kann eine gute Grundlage bieten für eine fruchtbare Begegnung mit einem solchen Erlebnis. Ob es erwünscht ist oder nicht, man kann besser damit umgehen, wenn man Erfahrung mit Yoga hat. Ebenso können Menschen, die einen unerwünschten Zustand erlitten haben, aus Yoga Nutzen ziehen.

Zusammenarbeit von Lehrer und Schüler

Die tantrische Yogatradition beinhaltet jedoch auch Methoden und Weisen, Yoga zu benutzen, die zum Ziel haben, das Bewusstsein zu öffnen und es auf eine stabile und harmonische Weise offen zu halten. Die eigentlichen Yogis (die selten unter abendländischen Yogalehrern oder Anführern moderner Bewegungen in Indien zu finden sind), haben eben dieses erweiterte Bewusstsein als ein Ziel auf ihrem Weg.

In der ursprünglichen Tradition, die sich auf Lehren von Matsyendra und Gorakhnath gründet, wird niemand dazu überredet, ein Yogi zu werden. Im Gegenteil werden eventuelle Bewerber ermahnt, es aufzugeben, oder man schreckt sie davon. Es liegt an jedem Einzelnen, Willensstärke, Konsequenz und Mut zu zeigen. Wenn der Aspirant seine Vorbereitung beginnt, so geschieht es ohne Angst, das Bewusstsein zu erweitern oder das Energieniveau zu erhöhen. Hier ist natürlich nicht die Rede von der relativ kleinen und kurzfristigen Energiesteigerung, die man z.B. nach einem gewöhnlichen Körpertraining erreichen kann.

Die Zusammenarbeit mit dem Lehrer, von dem der Aspirant die Geheimnisse der lebendigen Tradition empfängt, geschieht sowohl auf eine künstlerische und systematisch wissenschaftliche, als auch auf eine ganz natürliche, alltägliche Weise. Das Training verläuft schrittweise und mit großer Präzision, sowohl im Alltag durch das Erlernen der Methoden, als auch durch die Einweihung in die höheren Zu­stände. Alles trägt hierzu bei, die Lebens­bedingungen, die Diät und die Bereitschaft des Schülers, sich in die Augen zu sehen.

Der Lehrer muss den Schüler ebenso von Narzissmus und Selbstbezogenheit ablenken können, so dass der Schüler sich nicht in solchen Zuständen verirrt und es mit dem Erlebnis von, und der Identifikation mit, dem Selbst verwechselt. Also, als der, der es erlebt und nicht als das, was erlebt wird.

Nichts könnte falscher sein, als das Erlernen oder die Verwendung der Yoga­methoden als etwas „Mechanisches“ zu betrachten.

Stellungen, Atemübungen und Meditationen können natürlich beschrieben und von außen betrachtet werden – man kann etwas von ihnen wissen. Aber während des Erlernens der verschiedenen Kriya im Prozess des großen Kriya Yoga, beispielsweise, erfolgt eine Erfahrung und ein Zustand, der so grundlegend frei ist, dass ihn nur derjenige kennt, der selbst Kriya Yoga gesucht und wirklich verwendet hat.

Normalerweise stellt man sich Telepathie als die Übertragung von Gedanken und Gefühlen vor. In der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, während der Periode des Erlernens, geht es jedoch um eine Kanalisierung der Energie, so dass Spannungen, Hemmungen und Blockier­ungen losgelassen werden können und weiterfließen oder „verbrennen“, sobald sie entstehen.

Der Prozess des Erlernens ist vor allem etwas, das erlebt wird. Auf diese Weise wird Einsicht erreicht. Hinter diesem Prozess findet indessen eine Reinigung der Energieströme statt, welche noch tiefgreifender ist als die, die mit den elementaren Yoga- und Atemübungen begann.

Jetzt erhält der Schüler Hilfe, um die Energie weitergehend zu harmonisieren und zu kanalisieren – und Wegleitung darin, die Erfahrungen, die im Laufe des Reinigungsprozesses entstehen, sowohl konfrontieren, als auch loslassen zu können. Das gilt nicht nur für eventuelle unbehagliche Erlebnisse, sondern ebenso für die, die einen faszinieren.

Du brauchst dich nicht hinter einem Vorbehalt zu verstecken oder dich selbst in einer Reaktion zu vergessen. Reaktionen sind etwas, was die meisten Menschen erleben, wenn sie auf Entdeckungsreise in sich selbst ausziehen, und hier hilft die Wegleitung, schnell wieder aus ihnen herauszukommen.

Es gibt verschiedene Meditationsmethoden in der Tantra-Tradition. Ich rede hier von „echten“ Meditationen und nicht von dem, was einige Leute heutzutage Meditation nennen, was statt befreiend zu wirken, bloß mit positiven und negativen Werten manipuliert, oder mit deinen Erwartungen und Ideen spielt und auf deren Grundlage Phantasien kreiert. Das gleiche gilt nebenbei bemerkt für das, was dieser Tage bestimmte „geistige Berater“ Tantra Sex nennen. Es hat nicht viel zu tun mit der Bewusstseins­erweiterung und Energiesteigerung, die der Zweck der ursprünglichen tantrischen Rituale sind.

„Unwissenheit” und Konzepte

Sowohl innerhalb der Geistigkeit, als auch in der Wissenschaft – ja sogar im Yoga, wenn es als eine Bewegung auftritt oder einer Religion angeschlossen ist – strebt man oft danach, ein fertiges Bild von der Welt, vom Leben zu zeichnen. Aber alles durch Beschreibungen und Mythologien zu erklären, hält das die Angst fort? Es gibt uns auf jeden Fall nicht ein einziges direktes Erlebnis oder eine Erfahrung der Wirklichkeit aus erster Hand. Es lehrt uns nicht, die Dinge wie neu zu sehen oder das Bewusstsein zu öffnen, so dass wir auf eine tiefere Weise erleben.

Wissenschaft handelt nicht bloß von Bestätigungen und neuen Entdeckungen. Ich will z.B. das Maß der Zeitrahmen, die man für die Beschreibung der Geschichte der Menschheit verwendet, in Frage stellen. Im Augenblick werden ständig neue Entdeckungen gemacht, die langsam aber sicher menschliche Siedlungen und das Aufkommen der Zivilisation auf verschie­denen Kontinenten als viel älter datieren, als es die bestehenden Informationen aus Geschichtsbüchern und Lexika tun. Die Idee, dass jeder heutzutage Lebende von einer Urmutter und einem Urvater aus Afrika von vor ca. 200.000 Jahren abstammt, wird, so glaube ich, nicht viele weitere Jahrzehnte gültig bleiben. Wir werden schrittweise einsehen, dass die Zeitskala unserer Geschichte oder Vorgeschichte viel ausgedehnter ist, als heute behauptet wird.

Aber bevor sich diese Meinung definitiv geändert hat, solange gilt der Standpunkt: Es ist wissenschaftlich bewiesen! Basta. Wir brauchen nicht weiter zu diskutieren. Leider gründet sich die Beweisführung in der Wissenschaft oft darauf, dass diejenigen Funde, die nicht mit der Theorie überein­stimmen, die man gerade im Begriff ist zu formulieren, ausgeschlossen werden.

Als der „Eismann“ oder „Ötzi“ vor einigen Jahren in den Alpen gefunden wurde, ärgerte sich ein Professor in München darüber, dass man jetzt den Anfang der Bronzezeit vorverlegen musste. Anstelle dessen hätte er sich doch besser freuen sollen, dass das Weltbild ein bisschen verändert wurde, so dass man die Dinge mit neuen Augen betrachten kann.

Was die medizinische Forschung anbelangt, so können wir uns nicht beschweren; heutzutage ist ein lebendiges Interesse an Yoga und Meditation vorhanden.

Ich weiß jedoch auch, dass wirksame medizinische Methoden ganz absichtlich durch falsche Information und unzurei­chend durchgeführte Untersuchungen sabotiert werden. Ein Beispiel ist die EDTA-Behandlung von Herzkrankheiten und Arteriosklerose. Aufgrund meiner Kenntnis vieler Fälle von Besserung, um nicht zu sagen vollständiger Genesung, bin ich davon überzeugt, dass EDTA effektiver ist, als die meiste andere Medizin auf dem Markt – und im großen und ganzen ohne Nebenwirkungen. In den meisten Ländern ist die Behandlung ja auch bereits in vollem Gange. Warum also die Angriffe? Tja, was würde dann den Aktienbesitzern der großen Pharmaunternehmen passieren, wenn die EDTA auch in großen Krankenhäusern und nicht nur in Privatkliniken verwendet würde? Der EDTA-Stoff, der den Körper von Schwermetallen reinigt und schrittweise die Verkalkung abbaut, ist nämlich so allgemein zugänglich, dass man kein Patent darauf nehmen kann!

Es ist eine Schande, dass es nicht weiteren Kreisen bekannt ist, wie effektiv dieser Stoff ist. Er könnte das Leben vieler Menschen retten, sowie Amputationen und Bypassoperationen verhindern. Außerdem würde das Gesundheitswesen Summen in Millionenhöhe einsparen.

Das Problem mit der Wahrheit ist, dass sie nicht ein für allemal festgelegt werden kann. Wenn sowohl der Forscher, als auch der geistig Suchende wirklich Erkenntnis und Einsicht erreichen will, so müssen sie vor allen Dingen fähig sein, nicht zu wissen – sich selbst überraschen lassen zu können. Aber das ist ja gefährlich, es berührt das Sichere, das Geborgene, das bereits Festgelegte. Es berührt das Weltbild oder die Art und Weise, wie du dich selbst wahrnimmst.

Wer von den Priestern oder Wissenschaftlern zur Zeit Galileis wagte es, in sein Teleskop hineinzuschauen? Nicht einer. Sie wussten ja schon, dass die Erde das Zentrum der Welt ist, und dass sich die Planeten und die Sonne und alles andere um die Erde drehen.

Warum wurde Sokrates am Ende seines Lebens zu einem Staatsfeind erklärt? Weil er die Jugend in den Straßen von Athen „Unwissenheit“ lehrte, die Fähigkeit, sich zu wundern, und nicht fertige Erklärungen zu verteidigen! Er sagte auch: „Kenne dich selbst“.

Eine Krise wie die, die anscheinend sowohl Sokrates, als auch Galilei in ihrer Zeit hervorriefen, kann mit jener verglichen werden, in die du geraten könntest, wenn du dir selbst begegnest. Was einem begegnet, wenn man sich selbst kennen­lernt, ist nicht schlimmer, als die Vorstellungen, die man ansonsten von sich selbst hat, im Gegenteil. Nicht viel von unterbewusster Furcht bleibt übrig, wenn du erst einmal die Begegnung mit dir selbst durchlebt hast.

Aufmerksamkeitstraining

Die Fähigkeit, das Bewusstsein offen zu halten, erfordert ein Training, wach und aufmerksam zu bleiben. In der Meditation lernst du, den Weg zu deiner wahren Identität zu finden und dich daran zu- gewöhnen – du selbst als das erlebende Bewusstsein. Es geht um den, der du bist und nicht um das, was du erlebst, weder im Inneren, noch im Äußeren.

Ebenfalls muss man Kenntnis davon haben, wie man das Energieniveau des Körpers und des Geistes steigert – um den Zustand verändern und die Hemmungen, die Körper und Geist binden, loslassen zu können.

Die Fähigkeit zu erleben und die Fähigkeit, die psychische Energie zu stärken, sind zwei Prinzipien, die einander ergänzen. Wenn sich das Bewusstsein und die Energie auf diese Weise vereinen, so können wir von einem erhöhten Bewusstsein reden.

Die erste Fähigkeit können wir, kurz gesagt, mit den 7 Schritten der Meditation Innere Stille, Antar Mauna, üben, und die zweite mit den Methoden des Kriya Yoga. Aber es gibt noch andere Dinge, die eine Rolle spielen und die beachtet werden müssen.

Der Begriff der Entwicklung ist eine der größten und destruktivsten Illusionen, in der ein Mensch oder eine ganze Gesellschaft leben kann. Derjenige, der auf dem geistigen Weg „strebt“, scheint allzu oft anders wohin zu wollen, als wo er sich im Augenblick befindet.

Als ob Einsicht wäre, andere Orte zu finden, als den, an dem du bereits bist.

Das, was hier ist, ist auch anderswo.
Das, was nicht hier ist, ist nirgendwo.
(Vishvasara Tantra)

Mitunter wird der Begriff „Entwicklung” auf eine irreführende Weise für zyklischen Verlauf verwendet. Bei Menschen kann man im geistigen Sinne vom „Puppen­zustand“ und „Schmetterlingszustand” oder vom Heranreifen sprechen, aber das hat nichts mit „Zuwachs“ oder „Entwicklung” zu tun.

Als Wegbegleiter und Trainer der Bewohner eines Ashrams muss ich mich sowohl mit den inneren, als auch den äußeren Dingen beschäftigen – und diese scheinen zusammenzuhängen. Wenn man das nicht finden kann, was man im Inneren sucht, dann kann man wahrscheinlich auch die Dinge, die man im Äußeren braucht, nicht finden. Und umgekehrt, lebt man hier und jetzt im Äußeren, so ist die Chance groß, dass man auch mit sich selbst im Inneren in Über­einstimmung ist.

Ein Beispiel ist ein junger Aspirant, der eine Karma Yoga-Aufgabe bekommen hat, z.B. etwas an einem der Häuser zu reparieren. Das Haus liegt ein paar Kilometer von den Hauptgebäuden entfernt. Plötzlich sehe ich diese Person mit Fahrrad oder Traktor in voller Fahrt losfahren, um ein Werkzeug oder irgendwelche Gegenstände von der Schule zu holen. Halte ich sie oder ihn an und frage, ob diese Sachen nicht vor Ort seien, bekomme ich sofort die Antwort, sie seien es sicher nicht. Selten sind die Male, wo wir mit vereinten Kräften die benötigten Dinge nicht sofort gefunden haben, genau dort, wo wir bereits von Anfang an waren.

Es gibt verschiedene Grade von erweitertem Bewusstsein. Es beginnt mit einer Präsenz und Empfindsamkeit, die so stark ist, dass man sie nicht von Intuition unterscheiden kann. Man sieht, was man zu sehen benötigt.

Es zeigt sich ohne weiteres im alltäglichen praktischen Leben: Der Schüler, der die Übung nicht ordentlich macht, fällt sofort auf. Ein Fehler in der Verwaltung fällt einem in die Augen, ohne dass man danach gesucht hätte.

Und im Inneren: Wenn man für einen Augenblick reagiert oder versucht, eine Emotion oder einen Gedanken vor sich selbst zu verbergen. Wenn man dabei ist, sich überwältigen zu lassen oder sich selbst zu vergessen…

Das Gegenteil ist, unbewusst zu sein, unaufmerksam und unsensibel gegenüber den Bedürfnissen anderer, und Einflüssen, Hemmungen und Stimmungen deiner­selbst und anderer unterworfen zu sein.

Man weiß, wann man loslassen kann – und wann es gilt, durchzuhalten. Um einen herum fallen die Dinge von selbst auf ihren Platz.

Ein erweitertes Bewusstsein

(Auszug aus einem Gesprächsabend über u.a. einen Text von Swami Satyananda, unter den Leuten, die am Haa Retreat Center leben und arbeiten. Einige sind Yogalehrer, die eine lange Vollzeitausbildung hinter sich haben, andere sind vor kurzem hinzugekommen, und einer ist ein Yogalehrer aus Indien, der ein einjähriges Stipendium am Haa Retreat Center hat. Die Art und Weise, wie man lebt und arbeitet, verbunden mit Yoga und Meditation in Gemeinschaft anderer oder alleine – und wo die meisten sich dazu ausbilden, Yogalehrer zu werden – ist, was man als „geistige Werkstatt” bezeichnen kann, ein sogenanntes Ashram.)

Swami Janakananda: „Warum lebt man in einem Ashram?
Warum lebt ihr in einem Ashram?”

Einer der Aspiranten: „Weil es interessant ist!”

„Interessant! Ja, das kann man bestimmt sagen!”

„Feines Training!”

„Feines Training, wofür? Fein – ist es wirklich ‚fein‘? Jetzt müsst ihr ehrlich sein!”

„Nein, nicht ‚fein‘ – ich will lieber ‚gut‘ sagen. Du siehst ein, was gut für dich ist.”

„OK. Aber warum Yoga? Gibt es jemanden, der mir sagen kann, was Yoga ist?”

Ein anderer Aspirant: „Jemand hat mir neulich gesagt, dass der Inhalt des Geistes ziemlich verwickelt ist – und so machst du Yoga und Meditation und filzt die Fäden auseinander.”

Ein Dritter: „OK, es filzt die Fäden auseinander… Aber können alle das machen? Was ist mit den Leuten, die sich an ihren Verstand und ihre sogenannte Intelligenz klammern? Kann jeder sich für so ein Erlebnis öffnen?”

„Was sagte gleich Woody Allen einmal:

‚Intellektuelle können vollkommen brillant sein, ohne die geringste Ahnung zu haben, worum es eigentlich geht‘.

Seher

„Worüber sprechen wir?”

„Über die Arbeit mit sich selbst und anderen.”

„Ja, aber was ist das eigentlich? Es muss eine Motivation geben, in einem Ashram zu leben. Gibt es jemand anderen, der mir erklären möchte, was Yoga ist?”

„Ich sehe es als eine Hilfe, sich selbst kennenzulernen; und gleichzeitig sowohl seine Persönlichkeit, als auch sein Leben betrachten zu lernen und eins damit zu werden.”

„Es gibt eine deutliche Aussage hierzu in den alten Schriften:

‚Auf das Augen­brauenzentrum zu schauen ist kein Yoga. Yoga ist ausschließlich, eins mit dem Seher zu werden – nichts anderes.‘

Das ist, was du sagst – ‚lerne zu beobachten‘ – kannst du das lernen?”

„Ich bin darin besser geworden.”

„Ja – man wächst. Man lernt es durch Training, nicht wahr?”

„Ein Ashram muss ein Ort sein, wo deine Aufmerksamkeit die ganze Zeit wach gehalten wird – ansonsten sollte man es nicht Ashram nennen.”

Kundalini

„Kann man das nicht außerhalb eines Ashrams erreichen – oder zu erreichen versuchen?”

„Das ist natürlich eine gute Frage. Ich habe mehrere Schüler, die fortgeschrittenes Yoga zu Hause verwenden, als eine Stütze für ihre alltägliche oder ihre schöpferische Arbeit.

Aber Lass mich die Kundalini-Erfahrung als Beispiel nehmen. In ihrem Buch: Kundalini – Psychose oder Transzendenz? schreibt Doktor Lee Sannella, dass ein Ashram der richtige Ort zu sein scheint, wenn man den ganzen Nutzen von ‚Kundalini als eine innere Therapie‘ haben will. Sie gründet diese Aussage auf eine ganze Reihe von Beispielen, sogenannte ‚case histories‘. Leute sind zum Beispiel von manischen Depressionen geheilt worden, nachdem sie durch ein Kundalini-Erlebnis gegangen sind. Dies ist unter fachkundiger Anleitung geschehen, unter den Lebensbedingungen im Ashram von Swami Muktananda in South Fallsburg im Staate New York in den USA. Swami Muktananda war einer derjenigen, der es verstanden hatte, die Energie zu kanalisieren und zu harmonisieren.

Lee Sannella stellt auch in Frage, ob es möglich ist, mit solchen Erlebnissen außerhalb eines Ashrams fertig zu werden, wenn sie unerwartet eintreten. Wenn du nicht durch Yoga vorbereitet und du alleine bist, oder in den Händen einer Gesellschaft bist, die kein Wissen und kein Verständnis davon hat, worum es sich hierbei dreht.

Lass uns unser Thema von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wenn du alleine lebst, so wird dir nicht von der Ashramroutine geholfen. Du wirst nicht inspiriert, aufmerksam zu bleiben, und es kann schwer sein, bei der eigenen Disziplin zu bleiben.

Um eine regelmäßige Yogapraxis auf die Weise durchzuführen, dass du die ganze Zeit in Kontakt mit dir selbst bist und einen erweiterten Bewusstseinszustand bewahren kannst, kann im höchsten Grad vom Leben in einem Ashram unterstützt werden.

Wenn du auf dich selbst gestellt bist, ist es schwer, Wunschdenken oder andere Illusionen los zu werden. Man bekommt keine Hilfe, sie gleich zu durchschauen, wenn der ‚Spiegel‘ und das Verständnis des Ashrammilieus fehlt. Leider besitzen nicht alle Ashrams den Mut, das Geschick und das Wissen, das man dafür braucht.

Außerhalb des Ashrams können Umstände und Einstellungen, die in der Gesell­schaft herrschen, verursachen, dass du sowohl Weisheit, wie auch Praxis vergisst.”

Die grundlegenden Wirkungen des Yoga

„Lass uns zur Frage zurückkehren, was Yoga ist!”

„Für mich – ich meine – ich fühle mich besser, wenn ich Yoga mache. Wenn ich es nicht mache, kann ich leicht in einen verhältnismäßig trägen Zustand geraten. So mache ich Yoga und komme wieder aus ihm heraus.”

„So, was würdest du also sagen, das du erlebst? Was ist es, das du erreichst?”

„Eine Art Klarheit, Energie und sogar Glück! Wenn ich es erlebe, so möchte ich es mit anderen teilen. Es ist manchmal frustrierend, weil viele Leute gar nicht da sind, wo man dies vermitteln kann.”

„Ja, das kann gut sein. Aber wenn du einen Abendkurs unterrichtest und glaubst, dass einige der Schüler nicht dort sind, wo deine Ideale sie gerne hätten – oder jedenfalls denkst du so – ist das wirklich wichtig? Wenn sie nach der Klasse nach Hause gehen, fühlen sie sich besser.

Reicht das nicht? Du kannst nicht erwarten, dass andere denselben Weg gehen, den du gewählt hast.

Auf der anderen Seite solltest du imstande sein, die Tür offen zu halten für diejenigen, die von dir lernen wollen, wie es weiter geht. Dein Unterricht muss diese Möglichkeit beinhalten.”

Ein höherer Bewusstseinszustand

”Leider gibt es einige Yogalehrer und andere ‚geistige‘ Lehrer, die alles mögliche behaupten, aber die selbst nicht den er­höhten Bewusstseinszustand kennen. Es ist nicht in Büchern zu finden und du kannst es nicht in deinem Geist ausrechnen.

Eines Tages erlebst du einen Durchbruch zu einem höheren Bewusstsein, und dann mag es sein, dass du für eine Weile ziemlich erschüttert sein wirst. Zumindest war ich das. Als ich beispielsweise in den 60er Jahren durch die Straßen von Kopenhagen fuhr und Leute sah, die dastanden und auf den Bus warteten oder die Straße entlang gingen, so sagte ich zu mir selbst: ‚Wo befinden sich diese Leute?‘ Ich erschrak. Für mich schienen sie nirgendwo zu sein – was ich meine, ist, ihr unbewusster Zustand fiel mir auf – und es machte mir Angst!

Es stellte sich heraus, dass sogar diese Ideen teilweise auf Illusionen basierten. Ich musste lernen, solche Vorstellungen zu durchschauen. Nur weil ich stärker erlebte – bedeutete das nicht, dass ich wusste, wo andere Leute sich befanden. Das war offen­sichtlich der Grund, warum ich mir sagte: ‚Ich reise nicht zum Ashram meines Lehrers, um einen größeren Bewusstseinszustand zu erreichen, sondern um zu lernen, eine Brücke zum normalen Bewusstseinszustand zu bauen.‘ Mein Bewusstsein war so groß, dass ich fühlte, dass ich mich jeden Augenblick im kollektiven Bewusstsein verlieren könnte und alles über meinen individuellen kleinen Faden vergessen konnte, an dem ich mich ja auch festhielt.

Ich hatte natürlich noch kein Training dafür gehabt, ein Seher zu sein.

In einem Ashram zu leben, kann ein Teil der Arbeit zur Selbstverwirklichung sein. Das heißt, wenn du die Stelle und die Bedingungen verwendest und die Anweisungen und Hilfe annehmen willst, die du bekommen kannst.”

Du musst loslassen können

„Das, was man geistiges Erwachen nennt oder Selbstverwirklichung – kann man das schrittweise machen?”

„Als ich jünger war, erwartete ich, dass es plötzlich wie ein Wunder kommen würde – und zu einem bestimmten Grad war es auch so für mich. Will sagen, ein Teil davon geschah plötzlich, aber so einfach war es auch nicht. Die Arbeit war da und musste schrittweise gemacht werden. Mit Hilfe der tantrischen Meditationen und des Ashramtrainings lernte ich, das ganze zu stabilisieren.

Swami Satyananda lehrte mich dies. Glücklicherweise war er nicht nur eine ge­lehrte Person. Ja, er war gelehrt, hierüber herrscht kein Zweifel, aber er gründete sein Training nicht auf Gelehrsamkeit. Er versuchte nicht, mir in irgendeiner Form intellektuelle Information zu vermitteln – er verwendete keine Bücher, Vorträge o.ä.. Natürlich habe ich Bücher gelesen, aber er hat mir beigebracht, mich auf meine eigenen Erfahrungen zu verlassen. Er sagte: ‚Warum lesen, wenn du mit denjenigen zusammen bist, die die Bücher schreiben?‘ Mit anderen Worten: Lass uns doch besser direkt miteinander kommunizieren, während wir ohnehin hier zusammen sind.

So fasste ich einen Beschluss: ‚OK, ich bin hier – ich gebe mich hin; egal, welche Aufgaben er mir gibt, ich werde einfach drauf losgehen.‘

Es gab auch diejenigen, die es nicht wagten, sich hinzugeben und einfach da zu sein. Sie versahen alles mögliche mit einem Fragezeichen: wie die Leute sich benahmen, die Rollen, die sie spielten, das Essen, die ständigen Stromausfälle und jedes mal, wenn die Wasserversorgung zusammenbrach… Sie hätten natürlich jederzeit abreisen können.

Aber sie brauchten eine Entschuldigung, um ihre eigene Geschichte umschreiben zu können. Sie konnten dem nicht ins Auge sehen, dass sie außerstande waren, ihren ursprünglichen Entschluss zu vollziehen. Es ist unglaublich, wie viele Entschuldigungen Menschen benutzen, um zu vermeiden, ihre Gewohnheiten über den Haufen werfen zu müssen und zu verhindern, berührt zu werden. Aber das Leben berührt dich sowieso, du kannst es nicht vermeiden – bis zu dem Tag, an dem du beginnst, dich auf dich selbst zu verlassen. Bis dahin, ist es dann die Schuld anderer, was in deinem Leben geschieht?”

Das, worüber wir gesprochen haben, dient als eine Einleitung zu dem, was ich eigentlich sagen will…

Eines Tages gab Swami Satyananda mir einen kleinen Artikel, damit ich ihn mit der Maschine ins reine schreiben sollte.

Er nannte ihn Chronologie eines Yogi. Er ist im folgenden kursiv geschrieben.

Chronologie eines Yogi

‚Wenn man Yoga praktiziert, erreicht man nicht automatisch Selbstverwirklichung. Weil dies nicht das Ziel von Yoga ist.‘

„Das versteht sich von selbst: du kämpfst nicht sozusagen mit der Hilfe einer Übung, um dies zu erreichen, so dass diejenigen, die am meisten Übungen machen, als erste ans Ziel kommen. So einfach ist es nicht.”

‚Das Erlebnis der Wahrheit oder wie man es nun nennt, ist kein Ergebnis, das man erreichen muss, es ist ein Zustand des Seins. Das, was du durch Yoga zu verwirklichen wünschst, hast du bereits in dir, in der­selben Reinheit, in der du es verwirklichen wirst, nachdem du eine Art avidya (Unwissen) entfernt hast. Ehrlich gesagt sind all die verschiedenen Übungen nur eine Hilfe, um das individuelle Bewusstsein zu einer solchen Intensität und Höhe zu entwickeln – natürlich langsam und schrittweise – dass derjenige, der diese Übungen verwendet, beinahe zu einem Seher seinerselbst wird. Nicht nur ein Seher seinerselbst, im Sinne der einen oder anderen vagen Vorstellung, sondern ein Seher von allem, was er macht, sieht, fühlt, denkt usw. Deshalb sollte dieses Bewusstsein nicht von Menschen entwickelt werden, die nicht eine gewisse Kenntnis von sich selbst erlangt haben.‘

„Warum nicht? Ich sprach darüber auf dem Weihnachtskurs – es war Yogeswar, der mich nach dem psychischen Symbol fragte. Das psychische Symbol zeigt sich, wenn du den Zustand erreicht hast, in dem du ganz und gar zu streben aufgegeben hast – es ist eine Art Feedback, aber auf einer tieferen Ebene, als z.B. Biofeedback.

Beim Biofeedback, wenn du die Elektroden auf dem Schädel hast und die Kopfhörer auf den Ohren, hörst du einen Laut. Erst, wenn sich das Gehirn entspannt, verschwindet der Laut. Beim ersten Mal geschieht es zufällig, aber später lernst du, wie man den Laut verschwinden lässt und das Gehirn ein bisschen entspannt hält.

Das psychische Symbol bewirkt etwas Ähnliches, jedoch auf eine umfassendere und tiefere Weise. Wenn du in deiner Meditation die Kontrolle, deine Vorstellungen und Willens­anstrengung aufgibst – wenn du empfänglich wirst und beginnst, zu erleben – zu diesem Zeitpunkt taucht das psychische Symbol auf.

Wenn du so ehrgeizig in der Meditation bist, dass du dasitzt und dich anstrengst, taucht es nie auf. Aber wenn du einfach loslässt und dich hingibst, dann zeigt es sich. Es kann auch in anderen Zusammenhängen auftauchen, in denen du es wagst, die bestrebende und kritische Einstellung für einen Augenblick aufzugeben, um einfach nur zu erleben und zu em­pfangen. Auf diese Weise kann man es mit Biofeedback vergleichen. Das psychische Symbol zeigt dir, ‚jetzt bist du hier‘.

Dies ist jedoch nur die erste Phase in der Visualisierung des psychischen Symbols. Es hält dich auch auf die Bereiche aufmerksam, die dir normaler­weise ‚unbewusst‘ bleiben.

Die zweite Phase tritt ein, wenn du das Symbol längere Zeit in deinem Geist fest­hältst. Nun gehst du weiter, als wenn du das Symbol als das Ende deiner Meditation erlebst. Wenn du lange Zeit in Verbindung mit dem Symbol bleibst, dann tritt die nächste Phase ein mit einer Erweiterung des Bewusstseins.

Das, was man zunächst vom psychischen Symbol gelernt hat im neunten Schritt der Ajapa Japa-Meditation, bedeutet das Ende der Meditation und eine Fokussierung des Bewusstseins.

Im fortgeschrittenen Yoga bedeutet das Symbol folgendes: Jetzt beginnt die Erweiterung des Bewusstseins – wenn du länger weitermachst – über die gewöhn­lichen Grenzen des Geistes hinaus.

Sich selbst sehen

Das psychische Symbol sagt dir u.a., dass du deine Persönlichkeit ‚lesen‘ oder ‚sehen‘ können wirst, so, wie sie ist. Nicht nur die Ideen, die du über dich selbst hast, all die netten Dinge, die deine Handlungen und Gedanken rechtfertigen – wie z.B. „oh, ich bin so gut” – oder die Komplexe und Neurosen, für die du dich selbst bemitleidest. Du wirst nicht nur Dinge erleben, über die du bereits Bescheid weißt. Es gibt mehr kennenzu­lernen und sich bewusst zu werden, als dies.

Lass mich ein Beispiel geben: Neulich sagte jemand, dass es gut wäre, wenn Kriminelle auch einen kriminellen Geist, oder eher, ein kriminelles Bild von sich hätten. Aber sie haben es nicht. Sie haben all diese Illusionen, feine, charmante und gute Menschen zu sein (beispielsweise korrupte Politiker), und wie gerecht doch ihre Taten seien – gleichzeitig jedoch sind ihre Handlungen kriminell. Deshalb gibt es keine Hoffnung für sie.

Das gleiche gilt für Alkoholiker. Sie sagen: ‚Nein, Alkohol ist kein Problem für mich‘. Und das wiederholen sie ständig! Bis zu dem Tag, an dem sie betrunken je­manden auf der Straße überfahren und um­bringen. Man kann ihnen nur helfen, wenn sie erkennen, dass sie ein Problem haben, und dass sie sich bisher belogen haben. Erst dann kann die Entziehungskur beginnen. Stell dir vor, dass der Kriminelle oder der korrupte Politiker das Gleiche machen könnte – kriminelle Gedanken über sich selbst würden ihm bewusst machen, dass er kriminell ist. Seine Handlungen sind kriminell. Andere werden Opfer seines kriminellen Verhaltens, was Schmerz und Leiden verursacht. Er behandelt andere und spricht über sie auf eine kriminelle Art und Weise. Aber in seinem eigenen Kopf, in seinen Vorstellungen über sich selbst, ist alles recht und gut und passt zu dem Bild, das er von der Wirklichkeit hat.

Jeder, der darunter leidet, was man avidya (Unwissen) nennt, sieht sich selbst nicht so, wie er oder sie ist. Damit will ich nicht behaupten, dass deren Persönlichkeit notwendigerweise böse ist.

Die Selbsterkenntnis bewirkt nicht, dass du erkennst, ein schlechter Mensch zu sein – ganz im Gegenteil – aber trotzdem stehst du vor einer großen Überraschung. Plötzlich siehst du dich selbst nackt! Da stehst du – ohne all die feinen Manieren, ohne nettes Lächeln, die Rollen, den Stolz… und es kann sein, dass du sogar erkennst, dass du aus lauter Gewohnheit andere Leute ausnutzt.
Wollt ihr Beispiele haben? Männer, die Frauen ausnutzen und umgekehrt. Männer, die andere Männer wegen Geld, Gefühlen, einer Stellung oder was weiß ich ausnutzen.

Eines Tages stehst du nackt da, all diesem gegenüber und weißt nicht richtig, was du anfangen sollst. Gleichzeitig erkennst du, dass weitaus die wenigsten Menschen zu dieser Erkenntnis gekommen sind. Die anscheinende Unbewusstheit um dich herum erschreckt dich, und du siehst ein, dass du eine Wegleitung benötigst.
Ich spreche hier jetzt von meiner eigenen Erfahrung. Du erkennst, dass du wirklich selbst verantwortlich und Schöpfer deiner eigenen Zukunft bist.”

„Aber wie kommst du dahin? Es ist schwer, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein.”

„Du kannst es nicht allein mit deinem Intellekt machen. Du musst in einen Zustand versetzt werden von größerer Empfindsamkeit und Fähigkeit zu Erleben – eines erweiterten Bewusstseins. Und wie Swami Satyananda am Anfang des Textes sagt, den ich hier vorlese: ‚stufenweise und langsam‘.

Wenn wir diesem von Swami Satyananda gestellten Anspruch gerecht werden wollen, dann müssen wir unseren Geist trainieren. Das macht man u.a. mit den verschiedenen Yogamethoden. Das macht man mit Meditation; und eines Tages kann man auch das psychische Symbol verwenden. Selbstverständlich, alles unter persönlicher Anleitung.

Mit Hilfe des psychischen Symbols kann man normalerweise unbewusste Bereiche des Geistes bewusst machen. Wenn das Symbol am Ende der Meditation auftaucht, so hältst du es länger fest als gewöhnlich. Hoffentlich wird niemand dich dabei stören. Es braucht nicht ewig dauern – sagen wir, eine halbe Stunde, ununterbrochen.

Die Nacktheit

Im Laufe dieses Prozesses beginnst du allmählich zu erkennen, wer du eigentlich bist. Und wenn du darin verankert bist, dann siehst du auch, dass deine Persönlichkeit aus einer Menge von Programmen besteht. Bevor man dieses Erlebnis bekommt, weiß niemand recht, dass dies der Fall ist – naja, vielleicht in der Theorie, aber sie sind ihm nicht in sich selbst begegnet. Man zieht es vor, in der Illusion zu verbleiben, dass die Gedanken, die Ansichten und Gewohnheiten, der Geschmack und die Interessen, die ich habe, dass ‚ich‘ das ‚bin‘.

Deine Persönlichkeit besteht aus einer Sammlung von Werten, die dir beigebracht wurden. Oder die du mit Hilfe deines tüchtigen Verstands in Büchern gelesen hast. Ideen, denen du folgen willst, oder Rollen, die du für dich selbst und andere spielst. Das ist keine Nacktheit.

Ein großer Teil von diesen Programmen ist ganz sicher gut und notwendig; sie sind das, was wir Kultur nennen. Es wäre jedoch gut, wenn wir sie bewusst verwenden und verändern könnten, wenn es zweckmäßig für uns ist – und wir ihnen nicht nur unterworfen wären, wie Sklaven des Geistes.

Bewusstsein, in diesem Sinne, bedeutet also eine Art Nacktheit. Und wenn Swamiji über Bewusstsein, über Aufmerksamkeit spricht, dann ist es das, was er meint. Der Text wurde damals geschrieben, als ich bei Swamiji wohnte. Wir, die damals dort waren, haben uns verstanden. Wir kamen dorthin, jeder mit einem mehr oder weniger erweiterten Bewusstsein. Ich meine die, die damals fest im Ashram lebten – es gab natürlich viele, die nur für eine kurze Weile dort gewesen sind – aber diejenigen von uns, die dort lebten, waren keine große Gruppe.

Wir wussten, wovon er redete, wenn er von einem erweiterten Bewusstsein sprach. Und er wusste, dass wir es wussten.

Das, was du durch Yoga zu verwirklichen wünschst, hast du bereits in dir, in der­selben Reinheit, in der du es verwirk­lichen wirst, nachdem du eine Art avidya entfernt hast.

Schleier der Unwissenheit

Diese Art avidya sind all die Dinge, die wir von unserer Umwelt erklärt bekommen haben, die Einflüsse, denen wir ausgesetzt waren in dem Milieu, in der Umwelt, in der wir aufgewachsen sind. In der Tradition, in die ich eingeweiht wurde, heißt es daher ursprünglich, dass man für 12 Jahre nicht nach Hause ging, zu seiner Familie, zu seinen alten Freunden, dorthin, wo ‚Dinge geschehen‘. Egal, wie unsicht­bar die Vorstellungen im Umfeld sind, sie werden dich in einem Geisteszustand fest­halten, in dem du dich selbst mit der Illusion identifizierst, die es unmöglich macht, die Unwissenheit zu durchschauen.”

„Ja, ich erinnere mich, wie es war, als ich nach Hause kam, nachdem ich in einem Kloster in Thailand gelebt hatte. Meine Mutter holte mich vom Flughafen ab. Das war ein Schock. Ich hatte mein Bewusstsein über ein Jahr lang trainiert. Und so stehe ich da – es kam mir vor, als ob sie schlief.”

„Ich hatte ein ähnliches Erlebnis mit meinen Eltern: Ich war bei ihnen zu Besuch gewesen. Das erste Jahr, in dem ich hier war, hatte ich beschlossen, sie nur ein paar mal zu besuchen – und es war natürlich prima. In den letzten Jahren habe ich sie viel öfter besucht. Aber voriges Jahr ist mein Vater hierher gekommen, um mich hier zu besuchen – und ich sah ein, dass ich in einem ganz anderen Zustand war, als sonst bei unseren Begegnungen.”

„Ach so. Das muss wohl auch ihn überrascht haben? Oder fiel es ihm gar nicht auf? Vielleicht sah er nur das gleiche Bild, dass er gewöhnlich von dir hat?“ „Ich konnte ihn überhaupt nicht sehen. Ich sah die ganze Woche nur Nebel. Das hat mich aber zu einer Erkenntnis gebracht. Es bewirkte, dass ich die Kinder der Familie noch lieber hatte.”

„Ja, wenn du es wirklich siehst – und wenn du, wie ich, den ersten Schrecken über­wunden hast, und mit einem erweiterten Bewusstsein zu leben beginnst – dann liebst du deine Mitmenschen. Nicht wie Kinder, du musst nicht herablassend ihnen gegenüber sein. Respektiere sie und liebe sie, wo immer sie sich befinden – wie du es dir selbst gegenüber tun würdest, wo auch immer du stehst.

Manchmal habe ich hier im Ashram gesessen mit einem erweiterten Bewusstsein und mit anderen Leuten gearbeitet, in den recht wilden 70er Jahren zum Beispiel. Dann musste ich in die Stadt und dort kam ich ins Gespräch mit dem älteren Mann, der den lokalen Holzhandel besaß; er ging vor langer Zeit in Pension. Ich stand da einfach und redete mit ihm, während wir einige Holzleisten aus dem Regal nahmen, die ich in der Schule brauchte. Im Laufe dieses kurzen Gesprächs sah ich ein: ‚Sag mal, wie arrogant kann ich sein! Dieser Mann ist so weise. Wer glaube ich eigentlich zu sein, nur weil ich Yoga unterrichte? Ich weiß nicht, ob er sich ‚verwirklicht‘ hat, aber auf jeden Fall ist er weise. Er hat meinen Respekt.”

„Manchmal ist es, als wüsste man selbst alles und die anderen nichts – und ein anderes Mal, dann…”

„Ja! Und ein andermal ist es gerade umgekehrt, als hätten alle Erfahrung vom Selbst.”

„Ja. Aber das ist eine Lüge. Vielleicht kannst du hinter ihre Illusionen blicken, vielleicht siehst du die Essenz ihres Wesens – aber es ist sehr unwahr­schein­lich, dass die Person, die du siehst, in Verbindung mit dem Kern ihres Wesens steht.

Einige Leute behaupten, dass alles Yoga ist; ich habe das selbst in meinem Buch geschrieben, ‚Es gibt nichts, was Yoga heißt – Leben heißt es‘. Aber es kommt darauf an, wie du es siehst. Es ist nicht in allen Zusammenhängen wahr; natürlich nicht – man muss unterscheiden können. Ansonsten leistet man Yoga einen Bärendienst.

Wenn du jemandem helfen willst, sagst du: ‚Jetzt werde ich dir zeigen, was du mit deinem Problem machen kannst. Das hier ist Yoga. Mache es, und dir wird es besser gehen.‘ Etwas in dieser Richtung. Mehr kannst du für die meisten Leute nicht tun, und genau das ist es, was wir machen, oder nicht?

Aber es gibt Leute, die über das hinaus­gehen, sie haben eine gewisse Einsicht erlangt. Wenn sie einige der gröberen Spannungen und Hemmungen losgelassen haben, sehen sie die Dinge in einem neuen Licht. Sie wollen weitergehende Anleitung bekommen. Und hier kommt es darauf an, sie nicht nur mit etwas abzuspeisen, mit dem sie dann sitzen und träumen können; genügend Leute tun dies.Andere brauchen auch eine Bestätigung ihrer Erlebnisse. Eine Frau aus Småland hatte ein Erlebnis, als sie zum ersten Mal den Unterricht besuchte. Anschließend kam sie ganz schüchtern zum Lehrer und fragte: ‚Ist es OK, wenn ich während der Entspannung meinen Körper verlasse?‘ Hier musste der Lehrer ihr Erlebnis bestätigen: ‚Andere Leute liegen da und versuchen jahrelang, ein solches Erlebnis zu bekommen, ohne es zu erreichen.‘ Und sie verstand, dieses Erlebnis zu schätzen.”

Erfahrung und „Erfahrungen”

„Aber können nicht allzu viele Erlebnisse Leute vom Wesentlichen ablenken?”

„Ja, leider ist es so. Gerade hier benötigt man die Intelligenz, nicht, um zu argu­mentieren oder zu bewerten – sondern um an die Essenz heranzukommen.
Wenn du den ganzen Weg gehen willst, so gilt es, sich nicht an allen möglichen Erlebnissen und ‚Fähigkeiten‘ festzuhalten. Manche Leute beispiels­weise werden abgelenkt, wenn sie entdecken, dass sie die Aura eines anderen Menschen sehen können, andere wiederum beginnen mit dem sogenannten ‚healing‘. Man lässt sich von den Erlebnissen faszinieren und verliert das Ziel aus den Augen. Aber wir können noch weiter reichen.

Lass uns auf das Thema zurückkommen. Ohne ein schrittweises Training kann es ganz schön überwältigend sein – sich selbst zu begegnen und zugleich in einer ungewöhnlich starken Weise zu fühlen, dass andere Leute hier und jetzt existieren, mit dir zusammen – das direkte Erlebnis von allem Sein.

Bevor du das erreicht hast, bist du allzu stolz, allzu unempfindlich. Du glaubst, dass alles, was du machst und denkst, richtig und wahr ist, aber du erlebst nicht die Verbindung mit anderen. Dies ist, was avidya meint – du führst dich selbst in die Irre.”

„Heißt das also, alles was du brauchst, ist ein Schock?”

„Es ist verlockend zu sagen, dass, wenn nichts anderes hilft, dann wird vielleicht ein Schock dich erwecken können. Aber es gibt andere Wege, und einer von ihnen ist Yoga, wenn man ihn auf die richtige Weise verwendet. Lass mich das noch einmal vorlesen:

Ehrlich gesagt sind all die verschiedenen Übungen nur eine Hilfe, um das individuelle Bewusstsein zu einer solchen Intensität und Höhe zu entwickeln – natürlich langsam und schrittweise – dass derjenige, der diese Übungen verwendet, zu einem Seher seinerselbst wird. Nicht nur ein Seher seinerselbst, im Sinne der einen oder anderen vagen Vorstellung, sondern ein Seher für alles, was er macht, sieht, fühlt, denkt usw.

Wenn du dahin willst, wo du nicht mehr den Boden unter den Füßen hast, so musst du erst schwimmen lernen

Deshalb sollte dieses Bewusstsein nicht von den Menschen entwickelt werden, die nicht sich selbst gereinigt haben.

„Was bedeutet das?”

„Ich finde diese Aussage problematisch, es könnte sich ein bisschen zu heilig, ja, offen gesagt beurteilend anhören – wenn es missverstanden wird. Und dafür gibt es eine Menge Möglichkeiten. Sie kann ebenso gut von Lehrern als Entschuldigung benutzt werden, die feige sind, die es nicht wagen, irgendetwas für andere zu tun, diese stattdessen mit Gerede von Verständnis und Benehmen aufhalten.”

„Aber es bedeutet etwas anderes. Es be­deutet, dass du etwas Yoga machen musst – vor allem Karma Yoga. Wie kannst du dich selbst als rein betrachten, wenn du nichts für andere tun kannst? Wenn du voller Reaktionen bist, sobald es sich nicht nur um dich dreht. Ja, dein Unterbewusstsein reagiert sicherlich mit einem schlechten Gewissen, aber du bemerkst es nicht. Und wenn du plötzlich deinen Geist öffnest, dann siehst du es und dir wird bange.”

„Swamiji, was ist, wenn du das, was du tust, aus Schuldgefühl tust? Ich meine, wenn du Karma Yoga machst, weil du ein schlechtes Gewissen hast und es bemerkst…?”

„Wenn du mit deinem Karma Yoga weiter­machst, und ich spreche nicht nur vom Karma Yoga-Training, das dir in einem Ashram zugeteilt wird, sondern auch von dem, was du aus deiner eigenen Initiative heraus machst und wofür du Verantwortung übernimmst, dann wirst du dich nach und nach von diesem Schuldgefühl befreien können.

Das ist es, was Swami Satyananda mit ‚langsam und schrittweise‘ meint. Die Dinge, denen du in deinem Geist begegnest, wirst du ohne weiteres bewältigen können, wenn du aktiv bist und dich durch Handlungen ‚reinigst‘, bei denen es nicht nur um dich geht und von deren Resultat du nicht allzu abhängig bist. Du gibst natürlich dein Bestes, mit großer Aufmerksamkeit, aber wenn etwas nicht gelingt, dann machst du einfach weiter und packst es wieder an.”

„Selbst wenn deine Motive, Karma Yoga zu tun, dir etwas verdächtig vorkommen, so ist es also nicht von Bedeutung; Karma Yoga wird trotzdem eine reinigende Wirkung haben?”

„Ja! Wenn es um den geistigen Weg geht, schießen wir manchmal übers Ziel hinaus. Wir sitzen da und strengen uns aus lauter Ehrgeiz an! Ich will Selbstverwirklichung für mich selbst haben. Andererseits wäre es dumm zu glauben, dass du nur anderen helfen solltest. Wie kannst du beispiels­weise anderen helfen, glücklich zu sein, wenn du selbst das Glück nicht kennst – das wäre eine ernsthafte Illusion. Es muss ein Gleichgewicht geben zwischen der Hilfe für sich selbst und für andere, und das gilt nicht weniger für deinen Unterricht. Wenn du die Dinge nur für dich selbst machst, ist es nicht gewiss, dass du dich von der Stelle bewegst.

Aber es geht ja auch um Energie. Die Energie, die du durch die Yogaübungen reinigst und zur Verfügung bekommst, wird während Karma Yoga-Aktivitäten kanalisiert und harmonisiert. Das sind ja nicht nur Spannungen in den Muskeln und Körperorganen und Hemmungen und Begrenzungen im Geist, die du reinigst, sondern auch deine Energie, deine Energieströme. Man pflegt zu sagen, dass der Geist über die Materie – den Körper – herrscht. Aber nach meiner Erfahrung herrscht die Energie über den Geist. Wenn du also deine Energie beherrschst, beherrschst du zugleich deinen Geist und deinen Körper. Deshalb sind nicht nur die Körperübungen wichtig, sondern auch die Atemübungen, Pranayama.

Aber Lass uns im Text weitergehen. Swamiji meint also, dass die Menschen, die weitergehen wollen, eine Reinigung durchmachen müssen:

Sonst, das weiß ich aus eigener Erfahrung, werden sie sich ihrer eigenen mangelhaften Fähigkeiten, Heucheleien, Schmerzen, Leidenschaften und ihren sogenannten niedrigen Instinkten bewusst.

Das, was Swami Satyananda hier sagt, muss zu einem bestimmten Grad vor dem Hintergrund deiner Kultur gesehen werden. Manche Kulturen und Zeitalter sind unter­drückender oder freiheitsfeindlicher als andere. Sie fördern Schuldgefühle und schlechtes Gewissen. Andere Kulturen wiederum versuchen, dem Leben von Angesicht zu Angesicht gegenüberzu­stehen und so viele Komplexe und Hemmungen wie möglich loszuwerden. Das letztgenannte ist gehäuft hier im Norden in den letzten drei oder vier Generationen aufgetreten. Gewiss haben wir ein geistiges Leben hier, aber wir wollen nicht unter religiöser Unterdrückung und Manipulation leben. Deshalb werden die meisten von uns nicht besonders erschüttert sein, wenn sie etwas in ihrem Geist entdecken, von dem der eine oder andere Prediger meint, dass es gar nicht da sein sollte.

Wenn wir lesen, was Swamiji in diesem Teil des Textes schreibt, dann müssen wir auch unseren kulturellen Hintergrund in Betracht ziehen. So habe ich z.B. Kulturen besucht, in denen es unmöglich war, irgendwelche Konfrontationsübungen oder vergleich­bare Tänze aus spirituellen afrikanischen oder Sufi-Traditionen zu unterrichten. Sie konnten einfach einer anderen Person nicht direkt in die Augen schauen – von der Berührung des Körpers eines anderen Menschen ganz zu schweigen.”

„Mir fällt der amerikanische Film The Rocky Horror Picture Show ein. Zwei wohlerzogene junge Leute landen plötzlich in einer Situation, in der sie mit einem Haufen Hemmungen und bizarren Eigenheiten der amerikanischen Kultur konfrontiert werden. Warum wohl war der Film so beliebt?”

„Ja, dafür wird es schon einen Grund geben. Es gibt auch einen Film mit Michael Douglas, The Game, der auf eine nervenaufreibende Weise beschreibt, wie ein Mensch zur Einsicht über sich selbst gelangt und darüber, wie er seine Mitmenschen behandelt.”

„Lars von Triers Die Idioten rührt vermutlich auch an deine Nerven – wenn du es wagst, dich da hineinzuleben.”

„Wenn du einsiehst, was du mit dir herumschleppst, dann kannst du es auch loslassen. Du brauchst nicht sämtlichen Ideen oder Tendenzen zu folgen, die in deinem Geist auftauchen.

Du hast die Freiheit zu wählen. Deshalb ist es wichtig zu lernen, deinen Geist als ein Zuschauer zu erleben – ohne dich mit dem zu identifizieren, was auch immer sich dort befindet.

Deshalb sollte Yogasadhana ausgeübt werden, Schritt für Schritt. Man sollte eine Sache nach der anderen angehen, so dass das Unterbewusstsein nicht verwirrt wird. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass ich mir als Folge eines intensiven Sadhana in ein paar Monaten so bewusst – übertrieben ich-bewusst – war, dass ich manchmal fast dachte, ich sei dabei, verrückt zu werden. Denn ich sah mich selbst (und ich weiß nicht, in welchem Zustand) als zwei Personen. Aber natürlich wurde ich rechtzeitig von Swami Sivananda gerettet, der Experte für solche Fälle war.

Meine Absicht ist es hier, dir die Chronologie des Yoga in Bezug zu deinem eigenen Bewusstsein zu präsentieren. Dieses Bewusstsein wird vom subjektiven pratyaya (dem Inhalt des Geistes) zu einem Bewusstsein ohne Subjekt und Objekt entwickelt. Und derjenige, der sich selbst bereits von den mentalen Verirrungen oder ihren Ursachen befreit hat, kann beruhigt dieses Bewusstsein zu einem solchen Grad entwickeln, dass er sich selbst sieht; er wird ein Zeuge seinerselbst und sieht in sich selbst etwas Herrliches und Strahlendes, etwas von bedeutendem Wert. Das ist ein Kernpunkt, den der Yogaübende nicht vergessen darf.

Doch mittlerweile ist es nicht realistisch, dass ein Mensch mit all seinen Schwächen und Lebensumständen darauf warten sollte, zunächst eine solche Reinheit des Geistes zu erreichen, um dann erst mit seinen Yogaübungen zu beginnen. Wenn man so denkt, wird man nie Yoga erreichen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Deshalb ist es am sichersten, Karma, Bhakti und Jnana sowie die ihnen verwandten Formen zu praktizieren.

Swamiji spricht nun über Yoga als höheres Bewusstsein. Das, was die meisten Leute, sowohl im Osten, als auch im Westen, Yoga nennen, beschreibt er im folgenden als vorbereitende Methoden. Persönlich würde ich vorziehen, sie als fundamentale und notwendige Methoden zu bezeichnen. Sie räumen viele Hindernisse aus dem Weg. Sie erleichtern die Meditation – um nicht zu sagen, sie machen sie möglich. Sie machen es leichter, das zu tun, was du willst – z.B. dich selbst zu verwirklichen.

Asana [physische Übungen], Pranayama [Atemübungen] und Hatha Yoga [Reinigungs­prozesse, wie z.B. die Nasenspülung usw.] sind vollkommen grundlegende Verfahren, und als solche sollten sie nicht mit dem Wort ‚Yoga verwechselt werden.

Einsicht kann kommen, Samadhi kann erreicht, die Gesundheit kann aufrechterhalten, psychische Irreführungen können aufgelöst werden ohne Asana und Pranayama.

Das kann er gut sagen. Er hat diese Übungen in sehr hohem Grad verwendet. Ich habe sie ebenfalls verwendet. Ich wäre nirgendwohin gekommen ohne sie. Ich wäre ganz sicher nicht ihm begegnet. Was meint er also damit?

Tatsächlich handelt das, worüber wir heute Abend reden, von der Erfahrung, die du begehrst, und was du wissen musst, wenn du über das Wohlbefinden, die Konzentration und die Energie hinauszugehen wünschst, die gewöhnliches Yoga geben kann.

Karma, Jnana und Bhakti

Was wichtiger ist in diesem Zusammenhang, ist, dass man Yoga nicht ohne Karma, Bhakti und Jnana Yoga erreichen kann – niemals.

dass Swami Satyananda diese Auffassung von Yoga hat, ist interessant – Karma, Bhakti und Jnana Yoga. Denk beispielsweise an unsere Dreimonatskurse. Ich wäre nicht imstande, die Dreimonatskurse ohne Karma Yoga durchzuführen. Das wäre unmöglich.

Kriya Yoga gibt dir Tiefe und Energie, Freiheit von Begrenzungen, sowohl von denen, die du von der Gesellschaft geerbt hast, als auch von denen, die du selbst verursacht hast – es muss aber gleichzeitig mit einer bestimmten Menge Karma Yoga gelernt werden. Was nutzt es, Kriya Yoga zu üben, wenn du nicht weißt, wie man es in den alltäglichen Handlungen in Form von Karma Yoga nutzt. Die Energie muss in Handlung umgesetzt werden, so dass sie nicht blockiert wird.

Jnana Yoga ist etwas, das man in der Praxis tut. Du erlangst es durch Aufmerksamkeitstraining und bestimmte Meditationen, besonders Antar Mauna (Innere Stille), durch Satsang (Gespräche mit dem Lehrer – leider hat dieses Wort hier im Norden eine Inflation erlitten) und durch Anweisungen im Alltag, im Zusammenleben und in der Zusammenarbeit mit deinem Lehrer – dadurch erreichst du Einsicht über dich selbst, über deine Reaktionen und Tendenzen, und allmählich lernst du die Einflüsse in deinem Unterbewusstsein kennen, die unbemerkt auf dein Leben einwirken.

Bhakti Yoga ist für mich etwas ganz Spezielles. Buddha bat seine Schüler, ihn nicht anzubeten. Mache keine Bilder von mir. Aber hörten sie, was er sagte? Es ist schwer, heute eine Religion zu finden, die mehr Statuen und Bilder hat, als der Buddhismus. Mohammed sagte das gleiche, mache keine Bilder von Gott, und ebenso haben die Juden solche Anweisungen.

Das, was Swamiji hier über Bhakti Yoga sagt, kann meiner persönlichen Meinung nach durch diese Haltung ausgedrückt werden: Hingabe in allem, was du tust.

Hat man diese Fähigkeit, kann man dem Leben und sich selbst gegenüber entspannt sein – man braucht sich nicht mit Händen und Füßen zu sträuben oder die ganze Zeit auf der Hut zu sein. Man wagt, sich auf das Leben zu verlassen, man wagt, es zu leben.

Das, was du in deinem Herzen trägst, sollte ein Geheimnis bleiben. Wenn es zu Vorstellungen und Bildern wird, so wird es deiner Selbsteinsicht im Wege stehen!

In einigen der fortgeschrittenen Stadien von Jnana Yoga wirst du darum gebeten, alle Vorstellungen, alle Ideen aufzugeben. Vielleicht hast du mit einer bestimmten Überzeugung gelebt oder dein ganzes Leben lang bestimmte Vorstellungen ge­habt, aber du musst fähig sein, sie loszu­lassen, so dass du ungehindert und direkt erleben kannst. Dieses Yoga kannst du in einigen wenigen speziellen Büchern oder Schriften ausgedrückt finden – Yoga Vasishta (das esoterische Ramayan): ‚Für den Suchenden sind beides, Handlungen (Karma) wie auch Wissen (Jnana oder Gyana) notwendig, wie für den Vogel die zwei Flügel‘, ein Wissen, das nicht nur von dem begrenzten individuellen Selbst handelt, sondern von der Verbindung zwischen allem, vom Absoluten, von der Ganzheit. Und vom tibetischen Tantra haben wir die Meditation oder die Disziplin Maha Mudra, wie es beispielsweise in ‘The Tibetan Book of the Great Liberation‘ von Evans-Wentz zum Ausdruck kommt. Bücher allein jedoch sind wertlos. Ohne Kenntnis der wirklichen Methoden und ohne Anweisungen würdest du, milde ausgedrückt, nur neue Vorstellungen und Erwartungen schaffen.

Einsicht ist etwas anderes, direktes Erleben ist etwas anderes. Sich selbst kennen zu lernen beseitigt Furcht – und ich rede hier nicht davon, sich zu verstehen – sondern von einem Erlebnis, einer Erfahrung.

Im Grunde handelt Jnana Yoga davon, wovon wir heute gesprochen haben. Es geht darum, eine erweiterte Aufmerksamkeit zu erreichen und darum, wie man mit dem Wissen umgeht, das man dadurch über sich selbst bekommt.

(Siehe auch Bindu Nr. 6, Harmonie zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten).

Zum Schluss: „Die wichtigen Meilensteine eines Yogi sind folgende:”

1. Der Wunsch, Einsicht und Wissen zu erreichen.

2. Ein Prozess, während dessen man Verständnis durch Satsang [Kommunikation] mit dem Lehrer erreicht .

3. Vorbereitende Übungen, ausgeführt in Übereinstimmung mit den gegebenen Bedingungen.

Hier (3.) ist die Rede von Hatha Yoga, Asana und Pranayama.
Im Jahr 1994 besuchte ich Swami Satyananda in Rikhia, wo er jetzt lebt, nachdem er sich zurückgezogen hat. Während unseres Gesprächs sagte er, Bhakti ist ohne Pranayama nicht möglich.
Natürlich, dachte ich – Bhakti ist ein Gefühl, ein Zustand. Es ist wie ein Strom, auf den du dich einstellst, wenn du loslässt. Ich selbst erreichte es, Teil dieses Energiestromes zu werden, als ich mich hingab und es geschehen ließ. Ich ent­deckte diesen Pranastrom, der sich anfühlt, als wäre er verbunden mit einer Quelle hoch über mir – während der Jahre, als ich täglich intensiv Atemübungen machte. Daher wusste ich, wovon er sprach.

Das kann man jedoch nicht jedem erzählen. Wie könnten sie verstehen, was du meinst, dass nicht die Rede ist von Anbetung, dennoch aber von Hingabe. dass du Teil des vibrierenden Stroms wirst, zu dem du Verbindung durch die Atemübungen des Yoga bekommst – und mit dem du auch während der Meditation in Verbindung bleibst. Du kannst diesen Strom verwenden, um dich sogar von den schlimmsten Zuständen und Spannungen zu befreien; er ist im höchsten Grade reinigend. Er öffnet dich; du knüpfst eine Art Verbindung, in der die Energie vibriert und sowohl aufwärts, als auch abwärts strömt und du fühlst, was Bhakti ist, wenn es nicht auf Vorstellungen beruht. Ohne dieses Gefühl kannst du keinen ordentlichen Prana-Strom zustande bringen. Das Gefühl der Hingabe gibt dem Strom Kraft – so ähnlich, wie wenn du entdeckst, was es wirklich bedeutet, loszulassen. Zuerst Bhastrika (den Blasebalg) und dann Nadi Shodana. Die Atemübung Nadi Shodana hat den besten Effekt, wenn man den Atem auf die Weise hält, dass man die Nasenlöcher mit den Fingern schließt und nicht, was einige als fortgeschrittener bezeichnen, indem man den Kinnverschluß macht (siehe auch den Artikel Atme durch die Nase).

Wenn Leute dieses Erlebnis nicht kennen, so kann es sehr wohl geschehen, dass sie ehrgeizig und leicht frustriert mit ihren Atemübungen kämpfen. Sie wissen nicht, wie man sich während Nadi Shodana buchstäblich nach oben fühlt. Ohne ‚die Flamme‘ oder ‚den Strom‘ ist es gar nicht so leicht, den Atem zu halten und mehr davon zu haben. Selbstverständ­lich bekommt jeder Balance und Klarheit im Gehirn, und anschließend Inspiration, wenn man Nadi Shodana anwendet – dies aber ist grenzüberschreitend.

4. Einweihung durch den Guru.

5. Die Rückkehr zu Karma.

Zu einem gewissen Zeitpunkt wird die Rückkehr zu Karma Yoga notwendig! Warum? Weil du den Kontakt zum Leben um dich herum bewahren musst, und weil du nicht selbstbezogen und übertrieben empfindsam werden solltest. Durch Karma Yoga bleibst du Erdverbunden, während du durch andere Methoden deinen Geist erweitern kannst. Wenn du nicht geerdet bist, so kannst du nicht mit einem erweiterten Bewusstsein leben, und die Dinge beginnen, dir zu entgleiten. Aber wenn du dagegen aufgeschlossen bist und aktiv Karma Yoga übst, kannst du in kurzer Zeit sehr weit kommen.

Swamiji sagte einst zu jemandem, der ihn fragte: ‚Wie viel soll ich meditieren?‘ Man konnte sehen, dass diese Person in seinem Leben nicht besonders aktiv war. Vermutlich träumte er von allem möglichen und nährte es mit ‚spiritueller‘ Literatur und Zeitschriften.

So sagte Swamiji zu ihm: ‚Es kommt darauf an, was du sonst machst. Wenn du nicht aktiv bist und mit deinem Leben etwas machst – dann solltest du überhaupt nicht meditieren. Aber wenn du nur ein bisschen aktiv bist – so kannst du jeden Tag 5 Minuten meditieren. Aber wenn du natürlich täglich 4 oder 5 Stunden arbeitest, dann kannst du eine Viertel­stunde meditieren. Und wenn du eine normale Arbeit mit 8 Stunden am Tag hast, so kannst du ohne weiteres eine halbe oder eine ganze Stunde täglich meditieren. Und wenn du Karma Yoga den ganzen Tag bis in den Abend hinein machst, sagen wir 16 Stunden am Tag, – dann bist du auf der sicheren Seite. Dann brauchst du nicht mehr zu schlafen, und du kannst den Rest des Tages meditieren.‘

Deshalb machen wir Karma Yoga neben den anderen Methoden.

6. Experimentieren mit intensivem Sadhana.

…. am Anfang, als ich das tat, mit Yoga­übungen etliche Stunden täglich und Atemübungen viermal am Tag, war das Ergebnis natürlich auch eine sehr große Empfindsamkeit – und deshalb musste ich auf Karma Yoga zurückkommen. Darum sagt Swamiji:

7. Die Rückkehr zu Karma Yoga.

Du könntest auch sagen, dass du Karma Yoga gleichzeitig mit deinem intensiven Sadhana ausübst. Selbstverständlich kannst du, wie Swami Sivananda, 16 Stunden täglich Karma Yoga machen. Das tat er, bevor er sein Ashram schuf. Er nutzte sogar jene Stunden, in denen wir anderen gewöhnlich schlafen. Neben seinem Sadhana half er den Leuten in Rishikesh, Lepra, Augenkrankheiten usw. zu heilen. Swami Sivananda hatte eine gewaltige Energie, die er durch Aktivsein in Verbin­dung mit Yoga und Meditation gewann!

8. Den Geist mit negativen Methoden überprüfen.

In den meisten Fällen sorgt das Leben dafür, dass man in die Situationen gerät, in denen man ‚geprüft‘ wird. Aber man kann ebenso gut selbst die Initiative ergreifen und eine Konfrontation mit Zuständen und Situationen schaffen, die einen normalerweise stören würden. Du kannst dich selbst Einflüssen aussetzen, so dass du sehen kannst, ob du mit ihnen fertig wirst, ohne dich selbst zu vergessen. Am besten aber gehst du durch diese verschiedenen Stufen unter Wegleitung.

9. Intensives Japa, (Bhakti) Anushthan.

Einfache Mantrameditation mit Hingabe, über einen längeren Zeitraum, z.B. einen Winter. Dies jedoch ist nicht für jedermann im Westen geeignet. Es können auch andere Methoden sein, wie Atemmeditation mit oder ohne Mantra.

10. Den Geist mit starken Stimulanzien überprüfen.

Bist du aufgeschlossen und empfänglich für was auch immer? Bist du wirklich imstande, Einflüsse und Zustände zu erleben, ohne dich selbst zu vergessen? Swamiji schlägt hier vor, dass du das prüfst, bevor du weitermachst mit dem Erwecken des Bewusstseins.

Es gibt sicher verschiedene Sachen, die normalerweise deine Ruhe oder deinen Zustand stören würden. Vergisst du dich selbst unter ihrem Einfluss? Dann kehre zurück zu Karma Yoga!

11. Einweihung in ein höheres Bewusstsein, wenn sich alles als in Ordnung herausstellt.

Was ist Bewusstsein oder ‚awareness‘, wie Swamiji es auf Englisch nennt? Diese Einweihung kommt erst unter Punkt 11. Bis hierher hat er nur von der Vorberei­tung gesprochen: Sadhana, Yoga, all diese Sachen. Bewusstsein in diesem Zusammenhang also bedeutet, wenn du plötzlich da bist, wenn du siehst, wenn du alles in dir und um dich herum erlebst, in einem sehr starken Zustand der Präsenz. Kannst du damit fertig werden? Wenn du es kannst, ist alles in Ordnung, dann machst du einfach weiter. Aber um sicher zu gehen, prüfe es nochmals nach – hier im Ashram ist das natürlich einfach, wir beschäftigen uns ja damit. Du bekommst auch Unterstützung in den Meditationen, in denen du ständig lernst, auf diese Weise zu erleben und loszulassen.

12. Den Geist mit ungünstigen Stimuli oder negativen Bedingungen überprüfen.

Ich kann alle diese Punkte, von denen Swamiji hier spricht, in meinem Leben wiederfinden. In gewissen Fällen hat das Leben dafür gesorgt, dass ich ihnen begegnet bin, und in anderen Fällen hat Swamiji wohl seine Hand im Spiel gehabt, wie wenn man im Ashram gereizt wurde und deine Geduld auf die Probe gestellt wurde.

Wenn dir verschiedene Dinge passieren, die dich berühren, so geschieht es nicht wie etwas, das du im voraus verabredet hast. Es geschieht, wenn du am wenigsten darauf gefasst bist. Aber in deiner Haltung ist keine Rede davon, vor dem Leben wegzulaufen, vielmehr davon, dem zu begegnen und das zu akzeptieren, was kommt. Du versuchst auch nicht, die Empfindsamkeit zu vermeiden. Nein, du gehst weiter und tiefer mit deinem Sadhana.

Alle Menschen begegnen aufreibenden Dingen. Worüber wir hier sprechen, ist indessen, das mit erhöhtem Bewusstsein zu tun.

Es geschieht die ganze Zeit – beispiels­weise in einen Rechtsstreit verwickelt zu sein, sogar, wenn man ihn selbst begonnen hat; das sind ganz gewiss ‚ungünstige Umstände‘. Oder wenn jemand auf dich eifersüchtig ist und dir öffentlich zu schaden versucht. Davon habe ich etwas früher in meinem ‚yogischen‘ Leben eine Kostprobe bekommen.

Aber ich muss sagen, dass ‚negative Umstände‘ – wenn ich zurückblicke auf die Jahre und die Dinge sehe, denen ich ausgesetzt war, und wie ich dabei von starken Gefühlen mitgerissen worden bin, oder geradeso das Gleichgewicht halten konnte – dass das bestimmt die Bezeichnung ‚negative Bedingungen‘ verdient.

13. Wenn alles ist, wie es sein soll, so gehe mit dem Bewusstsein weiter.

Du kannst also in diesem erhöhten Zustand leben .

Wenn nicht, so kehre zu einer einfachen Meditation oder Entspannung zurück – deine Praxis wird von der Reinheit deines Geistes bestimmt.

14. Wenn der Geist sich als unrein erweist, so dass er deine Fähigkeit stört, in dir selbst zu ruhen, in einer solchen Weise, dass es Schmerz und Reue hervorruft, dann kehre zurück zu Karma und Bhakti. Aber wenn du imstande bist, in einem unberührten Zustand der Aufmerksamkeit zu verbleiben als ein Seher der Aktivität und des Inhalts deines Geistes, so gehe mit dem erweiterten Bewusstsein weiter.

Das bedeutet, dass du der Zeuge bist. Du bist der Seher oder der Erlebende deines Geisteszustandes. Du erlebst den Geist, ohne dass du dich mit ihm identifizierst. Aber ohne ihn auf Abstand zu halten, werden deine Gefühle und Gedanken stets in deinem Inneren zum Ausdruck kommen.
Wie identifiziert man sich mit einem Geisteszustand? Das ist leicht zu illustrieren. Ich weiß, wie ich jedem hier auf den Geist gehen kann, und der Betreffende würde sofort reagieren und mir etwas an den Kopf werfen. In dieser Situation kann man überhaupt nichts sehen. Man ist involviert. Und das muss man einsehen lernen. So kann man damit arbeiten, Yoga und Meditation verwenden und Karma Yoga-Aufgaben lösen.

Aber in dem Augenblick, in dem du einsiehst, dass das erweiterte Bewusstsein Reue, Schuldgefühle, Schmerzen usw. verursacht, ist es immer besser für den spirituellen Aspiranten, eine Pause einzulegen und Karma Yoga und Bhakti Yoga zu entwickeln, um auf diese Weise den Geist zu reinigen.

Dies ist die Chronologie eines Yogi.“

„Ich habe eine Frage zum letzten Teil.”

„Ja?”

„Swami Satyananda sagt im Text, dass, wenn dein Bewusstsein sich erweitert und wenn du erlebst, dass es Reue und Schmerzen verursacht… Bedeutet dies, dass, wenn dein Bewusstsein beginnt, sich zu erweitern, du mehr und mehr von dir selbst und deinen eigenen Gefühlen siehst?”

„Das bedeutet eigentlich auf keinen Fall, dass du mehr und mehr auf eine intellektuelle Weise erlebst, in der du dich selbst und andere Leute kritisierst oder analysierst – es ist nicht ein solches Bewusstsein. Nein, hier erlebst du direkt. Du sitzt nicht da und denkst darüber nach oder philosophierst. Es ist, wie wenn wir die Meditation Antar Mauna (Innere Stille) verwenden. Ich habe dich durch Antar Mauna gelehrt, wie man sich zum Geist verhält. Aber ein größeres Bewusstsein auszulösen, das ist eine andere Geschichte.“

„Erlebst du auf diese Weise deine Gefühle stärker und stärker?”

„Jetzt bist du imstande, deine Gefühle so zu sehen, wie sie sind, nämlich als Gefühle – und nicht als du. Wenn du also eine Reaktion bekommst, so kannst du neben dir selbst stehen und sie anschauen, egal, ob sie stark oder schwach ist. Du wirst nicht mehr zu einer Handlung getrieben, wo du etwas auf andere Leute schleudern musst. Du bist wahrhaftig unberührt. Gleichzeitig erlaubst du dir, zu fühlen und zu spüren. Das hat nichts damit zu tun, dich selbst zu kontrollieren, nein, du ruhst in dir selbst inmitten des Sturms. Mit Swamijis Worten gesagt:

„Gut oder schlecht, ich bin der Seher;
Ablenkung oder Sammlung, ich bin der Seher.
Wenn ich meinen Körper bewege, bin ich der Seher.
Ich bin nicht der sich Konzentrierende;
ich bin nicht der Meditierende.
Nein, ich bin bloß der Seher all dessen, was in mir geschieht.
Ich bin unvoreingenommen, ungebunden und klammere mich an nichts fest.”

Es ist etwas anderes, wenn du Lehrer bist. Dann musst du reagieren, stark und deutlich, so dass der Schüler zur Einsicht reift.

Zur selben Zeit können wir nicht mit intoleranten Idealen leben und erwarten, dass wir stets ach so nett miteinander umgehen. Natürlich müssen wir einen gewissen Standard aufrechterhalten, so dass wir zusammenleben und diese einzigartige Situation bewahren können, die wir Ashram nennen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Leben in einem Ashram eigentlich nicht so sehr von anderen Orten.

Man kann z.B. Menschen sehen, die von einer Situation mitgerissen werden und die sich fest an ihren involvierten Zustand klammern, weil sie sich mit ihm identifizieren.

Dagegen werden Menschen, die fähig sind, den Geist und die Gefühle zu erleben, nicht von ihnen gefangen. Sie können schnell zwischen verschiedenen Ausdrücken wechseln. Vielleicht bist du über etwas wütend, aber im nächsten Augenblick drehst du dich um und reißt einen Witz. Mit anderen Worten: Es ist nicht der Zustand, der wichtig ist, er wird nur zur Kommunikation benutzt; danach geht man weiter.

Wenn man dagegen einen Schüler hat, der seinen Zustand nicht loslassen will, dann möchte man am liebsten sagen: ‚Leider kann ich dir nicht helfen, suche dir einen anderen Ort.‘ Aber in einen gefühlsmäßigen Zustand oder eine intellektuelle Haltung verwickelt zu sein ist nicht besonders gefährlich. Die meisten Menschen sind ja beinahe die ganze Zeit involviert.

Im Alltagsleben im Ashram bemerke ich, wenn ich von etwas gefangen und mitgerissen werde. Mit Hilfe der Meditation und der Menschen in meiner Umgebung lerne ich, es zu sehen und loszulassen. Wenn du dich dagegen in einem höheren Zustand befindest und nicht loslassen kannst – dann musst du zusätzliche Hilfe bekommen.

Der Ashram hat ein Sicherheitsnetz, das aus dem hier herrschenden Ver­ständnis besteht – und aus Karma Yoga.

Danke für den Abend! Ihr inspiriert mich.”