Zeit zum Lernen … Zeit zur Einsicht … Zeit zum Unterrichten …


Kriya Yoga ist vergleichbar mit einem Feuer, welches während der Meditation ununterbrochen brennt und Körper und Geist von Begrenzungen, Hemmungen und Verwirrungen reinigt; was immer deiner Klarheit, Energie und Ausgeglichenheit im Wege steht und was du zu nichts gebrauchen kannst.

Beständigkeit ist unerlässlich, wenn du das Wesentliche erreichen willst. Alle Wege führen nach Rom”, sagt man. Ja, aber man muss sich für einen Weg entscheiden, um auch wirklich dort anzukommen. Nicht auf das Wissen um alle möglichen Methoden und Therapien kommt es an, sondern darauf, sich selbst zu kennen. Worum es hier am allermeisten geht ist Stabilität, Erforschung durch eigene Meditation und das Erreichen von Einsicht. Ich habe gesehen, wie schwer es Leuten, die alles mögliche ausprobiert haben, fällt, den letzten Schritt zu gehen und die Mauer zu durchbrechen, die uns von einer tieferen Einsicht und dem Erleben einer größeren Wirklichkeit trennt – sie werden reich an Meinungen und theoretischem Wissen, ja, sogar an gewissen Erlebnissen, aber das Nadelöhr ist für sie zu klein geworden, um hindurch zukommen.

Das Leben ist ein schöpferischer Prozess

Als ich diese Artikelreihe über Kriya Yoga plante, sollte es in diesem dritten Teil auch um die Bedingungen, unter denen man Kriya Yoga unterrichtet oder lernt und um Kriya Yoga selbst gehen. Inzwischen habe ich eingesehen, dass ich nicht einfach einen Artikel schreiben kann, der auf Regeln und Tatsachen basiert, nach denen sich alle zu richten haben, nur weil ich es so schreibe.

kiii_swjIch beschloss daher, diesen dritten Artikel als einen Bericht zu schreiben, der auf meinem eigenen Leben beruht und auf Erlebnissen, die ich gehabt habe. Es ist also dem Leser überlassen, zu entscheiden, ob das, was ich sage einen Sinn hat, insbesondere in Bezug darauf, wer fortgeschrittenen Yoga unterrichtet und wie. Ich meine, dass ein solcher Unterricht andere Bedingungen haben sollte als gewöhnliches Volkshochschulyoga und elementare Meditation.

Hier will ich berichten, was mich dazu brachte, ausgerechnet Yoga zu erforschen und zu gebrauchen, im Licht der Erfahrungen, die ich gemacht habe, unter anderem in den vielen Jahren als Lehrer und im Allgemeinen über die Einflüsse von Yoga auf mein Leben. Aber natürlich geht es in diesem Text um noch viel mehr als das.

Kreativität kann sich auf vielfältige Weise ausdrücken, auch wenn es um die Entwicklung des Menschen und um Einsicht über sich selbst geht. Und wenn ich mein Leben im Verhältnis zu Yoga und meiner ‚Wahrheit’ beschreibe, dann muss ich auch die Wahrheit anderer akzeptieren – das Leben, das sie führen, ihren Hintergrund und die Erfahrungen, die sie gemacht haben.

Dem Mystiker stehen alle Möglichkeiten offen, auch jene, welche er selbst nicht kennt, die aber für andere möglich sind. Nichts ist endgültig und festgelegt, der Mystiker will das Leben jeden Tag aufs Neue entdecken. Deshalb erreicht er das Unerreichbare, das Unmögliche – das, was der Materialist für Einbildung oder falsch hält, weil es gar nicht oder anders in seinen Lehrbüchern beschrieben steht.

Das Leben ist in der Tat ein schöpferischer Prozess.

Mein Hintergrund

Yoga in meinem Leben

Wie kam ich dazu, Yoga in meinem Leben zu nutzen? Welche Impulse gaben mir Inspiration? Grundsätzlich fällt es mir schwer, das Leben in spirituell und profan, in Spiel und Arbeit, in Alltag und Festivität zu unterteilen. Ich glaube nicht daran, dass wir im Leben nur danach streben, zu überleben, sondern dass das Leben eine Entdeckungsreise ist, auf der alles seinen Platz und eine Bedeutung hat. Wir müssen nur wach genug sein, um das einzusehen.

Dennoch mache ich von diesen Worten Gebrauch:

  • spirituell, für in Kontakt mit seinem ganzen Selbst oder auf dem Wege zu einem größeren Bewusstsein zu sein;
  • psychisch, für die Prozesse in uns, derer wir uns normalerweise nicht bewusst sind, beispielsweise Energie als ein übergeordnetes Prinzip (welches die Grundlage für das Leben in der physischen Dimension bildet, darüber sind wir oftmals vollkommen unwissend); und Energie, als ein Feld in und um unseren Körper herum, sowie als Energieströme, die wir zu steuern lernen können, um unseren Zustand zu verändern oder um uns selbst oder andere zu heilen; und schließlich
  • Chakra, als Bindeglied zwischen Körper, Energie, Gefühlen und Gedanken – unsere psychischen Sinne.

Haben wir uns heute so von der spirituellen Wirklichkeit entfremdet, von der wir – offenbar ohne es zu wissen – doch ein Teil sind, dass wir buchstäblich an mythologische und begrenzende Beschreibungen dieser Wirklichkeit glauben müssen? Beschreibungen, die nichts mit uns als Teil eines Bewusstseins zu tun haben. Müssen wir unsere Überzeugungen ausschließlich auf die Sichtweisen anderer gründen, manchmal sogar unter dem Zwang oder Druck etwa einer Kirche oder Gesellschaft, in der es nicht erwünscht ist, dass der Einzelne seine eigenen Entdeckungen macht? Warum? Als Kinder wissen wir, dass wir Teil von etwas größerem sind – größer als das Bild, das Erziehung und Ausbildung uns später geben. Als Kinder nehmen wir diese größere Wirklichkeit als gegeben an, sie ist eine Selbstverständlichkeit.

Der Yoga, den ich kenne, basiert hauptsächlich darauf, dass die Menschen etwas tun – sie bekommen bestimmte ‚Schlüssel’, sie lernen Methoden zu benutzen, die Gleichgewicht in Körper und Geist schaffen und das Bewusstsein erweitern – so dass sie selbst ein Ergebnis spüren können. Yoga soll dir keine fertige Lebenseinstellung geben, sondern es möglich machen, in die Richtung zu gehen, in die du willst, um auf diese Weise eins mit deinem Leben zu werden.

Wenn man zwischen Träumen und Erwartungen, Wünschen und Sorgen auf der einen Seite und dem Erleben eines veränderten Bewusstseins mit größerer Klarheit und mehr Energie auf der anderen Seite unterscheiden muss, wirft das natürlich die Frage auf, was Wirklichkeit und was Illusion ist.

Schließlich kann eine ganze Kultur in Illusionen und Psychosen leben. So geschehen in Perioden der europäischen Geschichte, als Menschen als Hexen und Ketzer verbrannt wurden, nur weil sie eine Lebensauffassung hatten, die anders war, als die der religiösen und politischen Führer oder des gemeinen Aberglaubens.

Unterscheidungsvermögen ist deshalb von höchster Wichtigkeit im spirituellen Yoga und der Einzelne muss jeden Tag in genau dieser Fähigkeit trainiert werden, mit Hilfe der Tradition, dem persönlichen Lehrer und auch der Wissenschaft.

Dem Tode nah

Die Idee, diesen Artikel zum Teil als Autobiografie zu schreiben, kam mir, nachdem ich im Programm: Sonntagmorgen, das Programm über uns selbst und das, woran wir glauben ein Interview für den dänischen Radiosender P1 gegeben hatte. Ich will mit einem Ausschnitt daraus beginnen.

Anders Laugesen: Die Quelle, die du gesucht und wohl auch gefunden hast, ist etwas, das mit Yoga zusammenhängt …?

 

Swami Janakananda: Ja, das kann man schon so sagen, selbst wenn Yoga an sich nur ein Werkzeug ist. Der Grund dafür, dass ich mich gerade von Yoga immer wieder angezogen fühlte, ist wohl schon früh in meinem Leben zu finden, ja vielleicht vor dem Leben, wer weiß? Außerdem entspringt er einigen Erlebnissen, die ich gehabt habe, Gedanken, die ich mir gemacht habe und Erinnerungen oder wie man es nennen mag. Etwas, das mir nahe legt, warum ich in diese Richtung ging.

Als ich acht Jahre alt war, lernte ich eine Yogaübung, bei der man völlig still auf dem Rücken liegen muss. Ich war ein nervöses Kind und eine Viertelstunde mucksmäuschenstill auf dem Rücken zu liegen – nicht im Bett, sondern auf dem Fußboden im Wohnzimmer – war gar nicht so leicht. Ich durfte nicht einschlafen und auch sonst nichts anderes machen. Zuerst konnte ich überhaupt keinen Sinn darin sehen, ich lag einfach da und schaute umher. Aber als ich dann eine Weile gelegen hatte, schloss ich die Augen und begann zu entdecken, was für eine Revolution es war, einfach zu liegen und still zu sein. Meine Sinne begannen sich zu öffnen, und je mehr ich die Übung anwendete, desto aufmerksamer wurde ich und desto mehr kam ich zur Ruhe.

Dies ist eine Übung, die ich noch immer verwende und die ich mit großer Begeisterung unterrichte.

Anders Laugesen: Waren deine Eltern an asiatischer Mystik und Yoga interessiert?

Swami Janakananda: Nein, aber sie waren beide gläubige Christen. Und früh in meinem Leben gab es ein Ereignis, das vielleicht bewirkte, dass sie es noch mehr wurden.

Meine Mutter war Krankenschwester und in der Methodistenkirche aktiv, sie leistete dort soziale Arbeit, bei der sie versuchte Leuten zu helfen, die vom Wege abgekommen und in Not geraten waren. Ob mein Vater besonders religiös war, als sie ihn kennenlernte, weiß ich nicht. In den Jahren vor meiner Geburt geschah jedenfalls etwas mit ihm; und er trat dann übrigens in eine andere Kirche ein, als die, der meine Mutter angehörte. Ich habe oft mit einem Lächeln darauf zurückgeschaut, denn ich erlebte zu Hause eine sehr große Toleranz – insbesondere zwischen den verschiedenen Kirchen meiner Eltern. Eine war die Methodistenkirche und die andere die Apostolische Kirche.

Die Methodistenkirche war gemütlich und geborgen, es war die Jerusalemkirche in Kopenhagen. Dorthin gingen wir an den Feiertagen.

An normalen Sonntagen aber gingen wir in das große, graue Holzgebäude, das damals am Triangel in Österbro lag. Es war die Hochburg der Apostolischen Kirche, in der mein Vater ein sogenannter Ältestenbruder war. Es war eine kurzweilige Kirche, mit einem riesigen Saitenchor, der voll aufspielte und einem großen Taufbecken oder besser gesagt einem kleinen Schwimmbecken, in dem die Leute sich in weißen Gewändern und mit weißen Strümpfen taufen ließen. Meine Mutter und ich saßen immer direkt daneben und bekamen einige Spritzer ab. Es war ein Erlebnis, am Sonntagvormittag in die Kirche zu gehen – bis man dann älter wurde und begann sich dagegen sträuben, denn das gehörte sich ja so … Sie beteten lautstark und redeten in Zungen durcheinander, und oft standen sie auf und streckten die Arme empor. Oftmals kamen interessante Gäste aus dem Ausland zu Besuch und wurden vom Rednertribüne aus übersetzt. All das war spannend …

Anders Laugesen: War es aus Protest gegen deinen Vater und deine Mutter, dass du dich nicht entschlossen hast, in einer kirchlichen Umgebung zu arbeiten …?

Swami Janakananda: Es begann etwas früher als der gewöhnliche Teenagerprotest und ich glaube nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt gegen meine Eltern gerichtet war, es war eher eine Stellungnahme zu dem was ich sah und erlebte. Ich glaube, dass ich schon im Alter von etwa 11 Jahren begann mich zu sträuben. Wir zogen auch viel um und für einige Jahre war ich im Internat und bekam etwas Abstand von dem Ganzen. Aber lass mich früher ansetzen.

Du sagtest, dass du heute über Wiedergeburt sprechen willst, aber ich hatte ein Erlebnis der etwas anderen Art, als ich zwei Jahre alt war. Es machte einen tiefen Eindruck auf alle.

Ich lag im Sterben. Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Er war nach Hause gegangen. Und ich lag dort und schwebte zwischen Leben und Tod. Wahrscheinlich war ich nah daran, die Schwelle zum Tod zu überschreiten. Dort hatte ich ein Erlebnis, das ich später in unterschiedlicher Literatur bestätigt gefunden habe. Ich sah ein aus Licht bestehendes Wesen vor mir. Es bestand einfach aus Licht und daran, dass es ein Wesen war, bestand kein Zweifel. Ich spürte es in dem Raum, in dem ich lag – nun ist es aber schon so lange her, dass ich nicht mehr genau weiß, ob ich in meinem Körper oder irgendwo anders war, aber so erinnere ich mich jedenfalls. Als ich später davon berichtete, meinten meine Eltern, es sei ein Engel gewesen – es wurde sofort interpretiert.

Ich weiß natürlich nicht, wie dies den Rest meines Lebens beeinflusst hat; Leute, die ein solches Erlebnis als Erwachsene haben, können eine Änderung in ihrer Lebenseinstellung sehen, aber ich war ja gerade knapp drei Jahre alt.

Kurz bevor es richtig schlimm wurde, fragte ich meine Eltern: „Warum betet ihr denn nicht?!” – Zwei Jahre alt, wie kann man auf so etwas kommen? Kann ein Kind so etwas völlig ernsthaft zu seinen verzweifelten Eltern sagen? Oder bringt man etwas ins Leben mit? Ich sagte: „Betet für mich!” – und das taten sie. Sie waren tief erschüttert, das weiß ich. In der apostolischen Kirche begannen alle Ältestenbrüder für mich Fürbitte zu leisten, und meine Mutter betete und rief den Pfarrer der Methodistenkirche an und er betete und ich weiß nicht, wer sonst noch betete.

Nach dem Erlebnis mit dem Lichtwesen kam ich wieder zu Bewusstsein. Ich bat sofort um ein Glas Milch und das bekam ich auch, obwohl der Arzt gesagt hatte, dass dies das einzige sei, was ich nicht bekommen dürfte, vielleicht um Schleimbildung in den Luftwegen zu vermeiden. Als meine Mutter ihn dann anrief und erzählte: „Jetzt sitzt der Junge im Bett und trinkt Milch“, kam er, so schnell er konnte, um ihr ein Beruhigungsmittel zu geben. Er rechnete damit, dass ich tot war und dass meine Mutter anfing zu halluzinieren. Tatsächlich aber war ich wach und frisch und es ging mir gut. Er war sehr erstaunt.

Ich zweifle nicht an den Kräften, die im Gebet liegen, aber ich betrachte mich nicht als religiös …”

Soweit das Interview.

Ein leuchtendes Wesen tauchte übrigens im Laufe meiner frühen Kindheit noch einige Male auf. Das letzte Mal, als ich im Ferienlager der apostolischen Kirche, dem Königslager in der Sejerøbucht, war. Dieses Erlebnis war wohl der Anfang vom Ende meines Kinderglaubens. Eines Abends sah ich wieder ein Lichtwesen am Ende meines Bettes stehen. Aber damit nicht genug, andere Kinder im Schlafsaal sahen es auch und es erregte ein gewisses Aufsehen. Der Grund für mein Abstandnehmen von der Kirche lag darin, dass dies von den Erwachsenen ausgenutzt wurde, um eine religiöse Aufhetzung zu schaffen. Am nächsten Tag ließ man alle Kinder wissen, dass durch diese Begebenheit „ alle bis auf einen erlöst worden seien.” – Natürlich wagte niemand einzugestehen, dass man selbst derjenige war, der nicht erlöst worden war.

Das Wort „Manipulation” kannte ich noch nicht, aber hier war ich ihr ausgesetzt.

Mein erstes Erlebnis von Schweigen und Stille

Schweigen und Stille, „ Mauna”, sind Teil der Praxis im Yoga – und ein wichtiger Teil zur Feineinstellung des Geistes, sodass man Kriya Yoga auf die bestmögliche Weise lernen oder auffassen kann. Darauf werde ich im nächsten Artikel eingehen, in dem ich auch beschreiben werde, wie wichtig es ist, dass die Einweihungsperiode eine gewisse Länge hat. Als ich sechs Jahre alt war, wusste ich noch nichts über das Schweigen im Yoga. Dennoch hatte ich einige Erlebnisse von Schweigen, an die ich mich noch immer deutlich erinnere.

Das bedeutendste war eine bestimmte Art, still zu sein, die ich in diesen Jahren schätzen lernte. Es war die „ Dämmerstunde” oder „ die Blaue Stunde”, eine stille Stunde, die man einhielt, während die Sonne spät am Nachmittag unterging. Ganz still in der Stube zu sitzen, zusammen mit anderen Familienmitgliedern und zu erleben, wie die Dunkelheit hereinbricht, war mein erstes Erlebnis eines Zustands von Ruhe, der sehr nah an Meditation herankommt. Dies habe ich, zusammen mit Schülern und Yogalehren in dem Artikel Die Dämmerstunde – Zeit zum Sein beschrieben, sowohl so, wie es in unserer eigenen Kultur praktiziert wurde (und noch immer wird), als auch als ergänzendes Wissen über dieses Phänomen in der Yogatradition.

Das andere Erlebnis ist für den Leser vielleicht nur eine Kuriosität, aber auf mich machte diese Art des Schweigens einen unauslöschlichen Eindruck. Es muss im ersten Jahr nach dem Krieg gewesen sein, am 9. April, dem Tag, an dem man der Invasion Dänemarks durch die Nazis gedachte. Alle Menschen in Dänemark begingen diesen Tag mit zwei Minuten Stille am Mittag. Der gesamte Verkehr in Kopenhagen kam zum Erliegen – die Straßenbahnen, die wenigen Autos, die es damals gab, Pferdekutschen und Fahrräder. Die Leute verstummten, kamen frühzeitig aus den Häusern und gingen zu einer nahegelegenen Hauptstraße. Gemeinsam stand man völlig still auf den Bürgersteigen. Für ein Kind, das nahezu völlig im Jetzt lebt, sind zwei Minuten lang und voller Ereignisse und ich begriff, dass Schweigen eine wertvolle Handlung und eine kraftvolle Ausdrucksweise ist.

Als sich Schweigen über das ganze Land gesenkt hatte, geschah etwas, das das Ganze unterstrich. Ein Kutscher verlor plötzlich die Kontrolle über seine Pferde. Sie scheuten vor der vollständigen Stille und gingen durch. Sie galoppierten direkt an mir und meiner Mutter vorbei, vorbei an der Endstation der Straßenbahnlinie 14 und hinunter auf den Peter-Bangs-Vej. Das einzige, was man in der ganzen Stadt hörte, waren die Hufe der beiden Pferde und das Donnern der Räder auf dem Kopfsteinpflaster – und ich sah einen vollkommen überwältigten Kutscher auf dem Bock des Wagens. Er wünschte sich sicherlich ans andere Ende der Welt.

Die dritte Art von Schweigen habe ich weiter oben bereits erwähnt, es war das Schweigen und die Stille, die ich erlebte, als ich ganz still im Wohnzimmer auf dem Rücken lag und in Kontakt mit meinem Sein kam.

Autorität, deine oder die von anderen?

Ich wusste es nicht

Früh lernte ich, dass man sich auf mangelnde Kenntnis des Gesetzes (auch des ungeschriebenen) nicht berufen kann. Wenn man aufwächst, wird man nach und nach durch die Gesellschaft angepasst oder durch diejenigen, die man kennt, die Familie, die Spielkameraden …

Man kann nicht im Voraus wissen, wie man sich verhalten soll. Dazu muss man erzogen werden.

Übertritt man ungeschriebene Regeln, wird man trotzdem verurteilt, selbst wenn man sie nicht kennt – es sei denn, man ist sich selbst sicher.

Ich hatte getan, worum ich gebeten wurde

An einem Tag im Jahre 1951 war ich nach Schulschluss auf dem Schulhof der Søndermarksskole.

Der Lehrer, der Hofaufsicht hatte, hatte mich früher am Tag in einer Freistunde gebeten, aus den Fahrrädern, die außerhalb der Fahrradständer standen und gegen die Bäume auf dem Schulhof gelehnt waren, die Luft abzulassen. Das tat ich also.

Und jetzt standen sie da und warteten bei ihren Fahrrädern auf mich. Der Lehrer bekam keine Prügel, aber ich. Von denen, die größer und stärker waren als ich und aus deren Fahrrädern ich die Luft abgelassen hatte, bekam ich eine ordentliche Abreibung. Die blonde Hanne aus meiner Klasse stand daneben und sah zu, wie ich am Boden zwischen den Fahrradständern lag und die Arme hochhielt, um nicht noch mehr Schläge auf den Kopf zu bekommen.

Ich wusste nicht, dass ich nicht tun durfte, was der Lehrer mir aufgetragen hatte, aber ich war dabei, es zu lernen.

Auf jeden Fall lernte ich, das, was mir aufgetragen worden war und was ich auch getan hatte, aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.

„Mann, du hättest ja einfach so tun können, als ob du es gemacht hättest. Du hättest dich nach vorne beugen können und mit dem Mund dicht am Ventil „pfifft” sagen können.”

Es war wohl am selben Tag und aus demselben Grund, dass in einer Pause der ganze Schulhof hinter mir her war, pfeifend, im Chor und im Takt schreiend: „Buh! Buh! Buh!” Alle 300 Kinder. Ein Lehrer kam auf mich zu und fragte was los sei. „Nichts” sagte ich und lief vorbei.

Aber zumindest Hannes Sympathie gewann ich hierdurch. Wir verließen als letzte die Fahrradständer und den Schulhof. Verliebt fuhren wir Hand in Hand von der Schule nach Hause.

Gedanken und Wünsche eines Teenagers über Telepathie

Als Teenager stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn alle Menschen die Gedanken und Gefühle der anderen lesen könnten. Ich erwartete, dass dies etwas sei, was wir alle erreichen würden.

Ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Der Gedanke faszinierte und beängstigte mich zugleich. Ich phantasierte darüber, wie die anderen auf das, was ich dachte, reagieren würden. Was ich denken, oder vielmehr, wie ich mich fühlen würde, würden meine innersten Gedanken enthüllt.

Aber warum erst als Teenager? Nun, weil sich kleine Kinder nicht soviel aus Gedanken dieser Art machen, sie sind noch nicht verletzt worden. Die Angst hat noch nicht bewirkt, dass sie hieb- und stichfeste Ansichten über das Leben haben, sie haben noch nicht gelernt, sich das, was passiert als Verdienst anzurechnen. Vielleicht nehmen es Kinder als gegeben, dass wir alle alles wissen. Sie verstehen nicht, dass die Erwachsenen berührt werden, wenn sie aussprechen, was in der Luft liegt …

„Denk bloß, wenn andere wüssten was ich denke.

– All die ausgeflippten Gedanken eines Teenagers auf dem Weg ins Universum der Erwachsenen.

– All die Reaktionen, die aufkommen, wenn man von einer Altersstufe in die nächste übergeht. Werte, die nicht länger standhalten, weil die Erfahrungen wachsen und einem sagen, dass man die Dinge auch auf eine andere Weise betrachten kann.

– All meine ‚eigenen‛ Lüste und Sehnsüchte.

Es wäre ja peinlich, wenn jeder sehen könnte, was ich denke! Vielleicht würde ich in Gedanken etwas verraten, das ich getan habe oder tun möchte. Oder Dinge, die ich nicht wagen kann, jemandem zu sagen, von denen aber ich tief im Inneren träume, sie auszusprechen. Sie könnten einfach an mir ablesen: meine Furcht, meine Sehnsüchte nach Sex, Romantik und Aufregung, meine Liebe!

Das wäre unerträglich, dachte ich und malte mir aus, wie man lernen könnte, seine Gedanken zu kontrollieren. Ich stellte mir fälschlicherweise vor, dass es das sei, was die Yogis täten. Keiner soll sehen, was ich denke. Und dennoch … so wie ich es fürchtete, wünschte und erwartete ich, dass es geschehen würde, dass wir alle nach und nach telepathisch würden. So dass wir nichts voreinander zu verbergen bräuchten und deshalb auch keine Angst oder Unsicherheit voreinander zu fühlen hätten.

Damals wusste ich nicht, was ich heute weiß. Ich wusste nicht, dass sich beinahe alle Menschen mit allen Gedanken, die in ihrem Geist auftauchen, identifizieren, dass sie sich die Gedanken zu Eigen machen und sich hinter Stolz, Schuld oder Verlegenheit isolieren.

Eher noch als etwas vor den anderen zu verbergen, verbergen sie es vor sich selbst. Anstatt die Gedanken, die im Geist auftauchen, als etwas zu erleben, das nur von selbst vorbeikommt – als Gedanken, die mit Situationen und Gewohnheiten und angelernten Reaktionsweisen zusammenhängen – identifizieren wir uns mit ihnen. Und genau diese Identifikation führt dazu, dass wir den Gedanken von uns schieben.

Ich wusste nicht, dass bestimmte Gedanken ganz grundlegende Reaktionen auf das Leben sind und dass sie immer wieder auftauchen, weil wir nie aufgehört haben, uns an sie zu klammern oder weil wir sie fürchten. Und dass wirkliche Telepathie unter solchen Umständen unmöglich ist.

Einige wenige Menschen, die wir Yogis nennen können, kümmern sich nicht darum, weshalb Gedanken da sind oder woher sie kommen, grundsätzlich betrachten sie sie ganz einfach als Gedanken. Es gibt sie und deshalb gehen sie auch durch meinen Kopf. Wenn ich Gedanken und Gefühlen erlaube, zu kommen und gehen und ihnen nur zusehe, dann hören sie nach und nach auf, wiederzukommen. Das lerne ich durch die Meditation.

Man braucht ja nicht allen Eingebungen, die durch den Geist gehen oder allen Träumen, die man träumt, all dem, was man im Geiste hört, zu folgen.

Nun gibt es ja Telepathie und Telepathie. Heute ‚flippe’ ich nicht mehr aus, wenn jemand in der Nähe den Gedanken ausdrückt, den ich gerade gedacht habe oder jemand ‚meine’ Ideen ‚klaut’, bevor ich dazu komme, sie mit anderen zu teilen.

Vielleicht glaubst du, dass es andere nicht beeinflusst, wenn du an deinen Spannungen festhältst, aber eher das Gegenteil ist der Fall. Wenn du dich entspannst und aufhörst dich an das, was im Geist geschieht, festzuhaken, so gibt es eine Chance, dass du dadurch anderen hilfst, dasselbe zu tun. Aber das gibt dir nicht das Recht, andere zu beschuldigen, dass sie die Energie blockieren. Wenn du blockiert bist, so ist das dein eigenes Problem. Man kann nicht davor weglaufen, indem man andere zum Sündenbock macht. Und umgekehrt bist du nicht dafür verantwortlich, wie es anderen geht. Aber du kannst ihnen helfen, indem du, du selbst bist.

Freimachen von Schule und Lehrjahren

Es ist nicht meine Absicht, hier eine vollständige Autobiographie zu schreiben mit allen Freuden und Sorgen, Gefühlsverbindungen und Streitigkeiten – all dem, von dem das Leben voll ist – und selbst in Bezug auf Yoga muss ich mich auf einige wenige Dinge beschränken, die zu dem führen, was ich wählte, zu Kriya Yoga und dem, was ich heute tue.

In den Jahren, die folgten, von fünfzehn bis einundzwanzig, schaffte ich es, vier Jahre lang eine Tischlerlehre zu machen, einen Winter lang eine Handwerkshochschule zu besuchen und drei Jahre im Ausland zu leben, wo ich u. a. in einem Sägewerk in Schweden und im Hafen von Bremen arbeitete; zum Schluss war ich in London, wo ich einen Großteil der Zeit eine Sprachschule besuchte und fast jeden Abend an der St. Martins School of Art in Soho zeichnen lernte, um schließlich für einige Monate auf den Docks im Osten Londons zu arbeiten.

Die Schuljahre und besonders die Handwerkerzeit hatten ihren Teil an Demütigungen und Begrenzungen mit sich gebracht. Jetzt musste ich unabhängig von diesen Einflüssen werden und meine Komplexe zu durchschauen lernen. Hierbei war mir das Entdecken der Literatur eine große Hilfe. Die ersten beiden Bücher, die ich nach all den Jungenbüchern las, waren Jenseits von Eden von John Steinbeck und Ein Flüchtling kreuzt seine Spur von Aksel Sandemose. In beiden geht es um Krisen im Leben eines jungen Menschen, wenn er sich in Bezug auf Familie und Gesellschaft befreien muss.

Heute ist das Jantegesetz in Skandinavien recht bekannt, aber damals war es mir eine Offenbarung von Aksel Sandemoses Espen und seinem Kampf, zu lesen. Das Jantegesetz handelt von den gegenseitig unterdrückenden Mechanismen in einer Gesellschaft, die von Konventionen gehemmt ist. Keiner darf sich hervor tun und sein Leben selbst in die Hand nehmen, sonst gibt es Ärger. Denn

1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist .
2. Du sollst nicht glauben, dass du genauso viel bist wie wir .
3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir .
4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir .
5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr bist als wir.
7 . Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
8. Du sollst nicht über uns lachen.
9. Du sollst nicht glauben, dass sich jemand um dich kümmert.
10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas lehren kannst.

Und nicht zuletzt das Kriminalgesetz von Jante, das auch sehr wirkungsvoll ist, um einen Menschen davon abzuhalten, Initiative zu ergreifen: Wir wissen etwas über dich.

Und was man nicht weiß, das erfindet man.

Jugend

Was hat das Jantegesetz mit Yoga zu tun, kann man fragen. Nun, wenn man Yoga als eine Art Gymnastik sieht, so gibt es vielleicht keinen Zusammenhang. Für mich ist das Ganze jedoch Teil eines großen Prozesses, der mich dem Leben, mir selbst und anderen gegenüber bewusst und empfindsam macht – das ist es unter anderem worum es im Yoga geht.

Ich war mir jedoch noch nicht darüber im Klaren, was ich suchte. Ich frage mich noch heute, warum sich mein Interesse gerade auf Yoga richtete. Ich wusste ja kaum, was es war, und ich wusste auch nicht, dass die Übungen, die ich als Achtjähriger gelernt hatte, Yoga waren – es waren einfach einige Übungen.

War der Keim zu Yoga in mir, bevor ich geboren wurde? Ja vielleicht, auf jeden Fall der Keim zu spirituellen Wachstum auf meiner Reise durchs Leben.

Ich erinnere mich, wie ich mich mit großem Interesse auf die Zeitschriften in den 1950er Jahren stürzte, wenn ein seltenes Mal etwas über Yoga darin stand; genauso wie Ghandi und sein Leben mich sehr vereinnahmte:

Wahre Moral besteht nicht darin, zu tun, was die anderen tun, sondern darin, den wahren Weg für sich selbst zu finden und ihm furchtlos zu folgen.” (Ghandi, Autobiographical Reflections)

Den Winter 1957/58 verbrachte ich an der Handwerkshochschule in Ollerup auf Fünen. Hier taten sich mir nach vier Jahren Tischlerlehre völlig neue Perspektiven auf. Die Inspiration kam in erster Linie von einer guten Dänischlehrerin und dann von all den verschiedenen interessanten Menschen, die kamen um Vorträge zu halten.

Ein Referent erzählte uns, dass Meditation die Fähigkeit gäbe, mitten im Gewühl des Lebens zu leben – und gleichzeitig man selbst zu sein. Nicht in den eigenen Gedanken ertränkt, sondern in sich selbst ruhend, vom eigenen Mittelpunkt aus handelnd. Was er sagte, fesselte mich so sehr, dass ich es nie vergaß – ich habe es in meinem Buch Yoga, Tantra und Meditation im Alltag zitiert:

Er berichtete von einem Mann, der einen gut gehenden Laden hatte, eine Frau und eine große, schreiende Kinderschar. Das Geschäft war zur Straße hin offen, so wie in südlichen Ländern üblich, mitten im lautesten Stadtteil. Trotzdem konnte dieser Mann jederzeit abschalten; dort wo er saß, schloss er die Augen und ging in ein tiefes Ruhen in sich selbst. Und wenn er die Augen nach kürzerer oder längerer Zeit wieder öffnete, war er erfrischt.”

Nach Ollerup zog ich nach Schweden. Am Sparreholm Sägewerk, im Södermanland, arbeitete ich einige Monate auf der Sortierbrücke. Dort gab es einen großen, sehr langen ‚Tisch‛, auf dem die Bretter auf einem Förderband angefahren kamen. Wir waren einige Männer, die dafür zuständig waren, sie zu sortieren und auf die richtigen Wagen zu legen, je nach Größe und Qualität. Ich stand ganz hinten auf der Brücke und hatte auf fünf oder sechs Wagen aufzupassen. Das konnte leicht hektisch werden, denn alle Bretter, die auf dem Tisch übrig waren, sollten auf die Wagen hinauskommen, bevor sie zum Ende des Tisches gelangten und sich anhäuften, ansonsten stoppte ich den gesamten Prozess.

Aber es geschah auch mehrere Male am Tag, dass ein Nagel in einem Stamm die Säge zum Stehen brachte, und dann kam für eine Weile nichts zu uns heraus. In solchen Pausen begann ich, den Körper in die Waagerechte zu wippen, während ich mich auf die Tischkante stützte und den Körper auf den Unterarmen balancierte. Der Pfau (Mayurasana) ist eine sehr wirkungsvolle Übung für die Verdauung und den Stoffwechsel, ja man sagt sogar, dass man immun gegen Gifte wird, wenn man ihn regelmäßig anwendet. Über all das wusste ich jedoch nichts, ich hatte einfach Lust, ihn zu machen und ihn zu beherrschen. Ich wusste nicht, dass das, was ich tat, Yoga war, ich hatte zu diesem Zeitpunkt nie ein Buch über Yoga gesehen, aber es tat mir gut und ich tat es jeden Tag, oft mehrere Male. War das etwas, an das ich mich ‚erinnerte‛?

Ende des Jahres ging ich drei Monate auf die Forst und Sägewerksschule in Härnösand. Hier begann ich bewusster zu suchen – ein Zitat aus meinem Tagebuch lautet:

26. 9. 1958. Heute, wie an so vielen anderen Tagen, habe ich daran gedacht, wie ich es anstellen soll, mein Wissen über andere Menschen auszubauen und wie ich meine Gedanken entwickeln soll – mit anderen Worten, zu versuchen, etwas Menschenkenntnis zu entwickeln und selbst zu lernen, so konzentriert wie möglich zu denken.

Da ich mir eingeredet habe, an Philosophie interessiert zu sein, ohne jedoch eigentlich etwas über Philosophie zu wissen, habe ich angefangen ein wenig zu lesen und beabsichtige, auch mit Psychologie zu beginnen. Henry David Thoreau sagt in ‚Walden, das ich zur Zeit lese, dass man das Leben nicht nur studieren soll, sondern es auch leben muss und sich hineinleben in das, was man studiert. Ich zitiere:

,Wer würde nach einem Monat mehr gelernt haben – der Junge, der selbst seine Messerklinge gehärtet und geschmiedet hat, aus Erz, das er selbst ausgegraben hat und worüber er gerade soviel gelesen hat, wie zur Ausführung nötig war – oder der Junge, der zur gleichen Zeit den Vorlesungen über Metallurgie an der Hochschule beiwohnte und dann ein Taschenmesser von seinem Vater erhielt? Wer von beiden würde sich vermutlich als erster in den Finger schneiden?

Zu diesem Zeitpunkt Wissen über andere und nicht zunächst über mich selbst zu suchen, war mein Fehler und gerade das führte dazu, dass die Literatur, die mir über Psychologie in die Hände fiel, mich nicht zufrieden stellte. Im Großen und Ganzen ginge es darum, andere zu bewerten, anstatt zu erleben und Erfahrungen aus erster Hand zu bekommen. Es gab keine Anleitung für die Arbeit mit sich selbst, keine Weisheit.

Von Härnösand ging die Reise via Kopenhagen nach Bremen in Deutschland. Hier sollte ich mich jetzt ein Jahr lang aufhalten und im Industriehafen in einem großen Furnierwerk arbeiten. Abgesehen von all dem, was ich von meinen älteren Arbeitskameraden lernte, über deren Leben und das, was sie während des Krieges in den verschiedenen Ländern, in die sie abkommandiert worden waren, erlebt hatten, wurde meine Freizeit sehr aktiv.

Ich kam mit einer großen internationalen Gruppe junger Menschen in Kontakt, ich tauchte hinein in die moderne Literatur, insbesondere deutscher Schriftsteller wie Stefan Zweig, Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und Franz Kafka. Ich machte ernsthaft Bekanntschaft mit klassischer Musik und überhaupt nahm ich zusammen mit meinen Freunden am Bremer Kultur- und Nachtleben teil. Man kann sagen, dass ich eine ordentliche kulturelle Bewusstseinserweiterung durchmachte, plus ein wenig Tennisspielen obendrein.

Ich lebte jetzt in einem ganz neuen und freieren Abschnitt meines Lebens und fühlte mich sehr wohl dabei. Mein Literaturlehrer, Herr Joneweit von der Deutschen Kaufmannsschule für Ausländer, die ich in den letzten drei Monaten meines Aufenthaltes in Deutschland besuchte, gab mir das Gedicht Stufen von Hermann Hesse (siehe unten). Es hat mich seitdem begleitet. Ursprünglich steht es in dem Buch Das Glasperlenspiel, als eine von Magister Ludi dem Josef Knecht hinterlassenen Schriften.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

23_sita

Vom 3-Monats Sadhana Kurs 1995 mit Swami Ma Sita als Lehrerin. © 1995 Bengt Magnuzon

Yoga

Mein Interesse galt nicht allein der Kultur um der Kultur willen, die ‚privatere‛ oder ‚spirituellere’ Suche in meinem Leben schwelte ständig. Die Literatur, meine Arbeit und die Menschen, die ich kannte, befriedigten einige meiner Bedürfnisse nach mehr Wissen, aber nicht genügend.

Eines Tages kaufte ich zwei Bücher über Yoga: Das Herzensgebet, Mystik und Yoga der Ostkirche, das insbesondere den Gebrauch des Herzensgebets, einer Meditationsform in der ostkatholischen Kirche, verbunden mit der Atmung, behandelte. Und dann das Buch, das mich dazu brachte mit den eigentlichen Yogaübungen zu beginnen: Das Yogasystem der Gesundheit von Yogi Vithaldas.

Nicht genug damit, dass ich jetzt begann, die klassischen Yogastellungen mit großem Ernst und einiger Mühe auszuführen, ich stellte mir auch vor, dass ich genauso werden wollte, wie der Mann auf dem Bild in dem Buch, auf das ich gelegentlich intensiv starrte (Tratak), ohne zu wissen, dass diese Form der Konzentration auf einen Wunsch sehr wohl die Richtung beeinflussen kann, die das Leben nimmt.

Aber ich hatte auch andere Wünsche und in den folgenden Jahren führten mich die Ereignisse von einem Abendgymnasium zur Fakultät für Geschichte an der Universität von Kopenhagen (ein Studium, dass ich mit Englisch, ein wenig Philosophie, Sanskrit sowie Filmtheorie und -geschichte aufpeppte) und vor dort weiter zum Theater – unter anderem zur modernen Pantomime und so zurück zum Yoga. Den sollte ich jetzt auf eine ganz andere, robuste und nüchterne Weise zu gebrauchen lernen.

Während meiner Zeit in Deutschland war ich eher daran interessiert, meine Konzentration und meine Fähigkeiten zu entwickeln, ebenso wie mich der Begriff Schlüsselenergie, beschrieben von Yogi Vithaldas, faszinierte – oder war es mehr als das, eine Ahnung von etwas, das weiterreichte …?

Im darauf folgenden Jahr lebte ich in England, wo ich, außer zu arbeiten und The Pitman School of Englisch zu besuchen, meine Entdeckungsreise durch die europäische Kultur fortsetzte. Jetzt hatte ich außerdem das Theater – es war die Zeit von Arnold Wesker, Harold Pinter und John Osborne (der mit dem Stück Look back in Anger das Ganze ins Rollen brachte). Außerdem tauchte ich in die Londoner Kunstszene ein, nicht nur als passiver Betrachter, sondern als Schüler der St. Martin’s School of Art. Daran, dass einige Seiten der modernen Kunst unser Bewusstsein und unsere spirituelle Entwicklung beeinflussen, zweifelte ich nicht einen Augenblick. Das ist jedoch ein so umfassendes und vielseitiges Thema, dass ich ein anderes Mal darauf zurückkommen will.

Kunst, wenn sie echt ist” schrieb ich in meinem Tagebuch, „ist der Spiegel des Bewusstseins, ob es nun die innere oder die äußere Welt ist, die gespiegelt wird – im kreativen Ausdruck wird der Künstler gegenwärtig – und diese Gegenwart kann, zumindest für einen Augenblick, dem Betrachter vermittelt werden.”

Viel später, auf einer Reise in die Schweiz, sah ich in einer Ausstellung Zeichnungen von Paul Klee. Ich habe den Künstler Klee seit meiner frühen Jugend geschätzt und von ihm bekam ich dort den „Spiegel” bestätigt.

 

"tænker for meget" - af Paul Klee

„Denkt zuviel‟

"nu gælder det om at holde ud!" - af Paul Klee

„Durchhalten!‟

„Mancher wird nicht die Wahrheit meines Spiegels erkennen. Er sollte bedenken, daß ich nicht dazu da bin, die Oberfläche zu spiegeln (das kann die fotografische Platte), sondern ins Innere dringen muß. Ich spiegele bis ins Herz hinein. Ich schreibe Worte auf die Stirn und um die Mundwinkel. Meine Menschengesichter sind wahrer als die wirklichen.” (Paul Klee)

Die Pantomime

Nach und nach kam der Wunsch oder der Beschluss, den ich in Bremen gehabt hatte, zum Ausdruck; obwohl ich meine eigentliche Absicht beinahe vergessen hatte und ich mir anfangs dessen nicht bewusst war, so drehte sich jetzt doch alles um Yoga.

In dieser Zeit wuchs eine starke pazifistische Überzeugung in meinem Geist, vor allem von Ghandi inspiriert, und da ich meinen Militärdienst nicht länger aufschieben konnte, musste ich verweigern, Waffen zu tragen. Ich verbrachte daher 22 Monate im Kriegsdienstverweigererlager im Gribwald, einem Wald in Nord-Seeland und am Seefahrtsmuseum im Schloss Kronborg in Helsingør. Das wurde eine ergiebige Zeit, in der ich mit Gleichgesinnten in Kontakt kam und durch einen Lehrer auch mit Leuten aus der Theaterszene. Dies entwickelte sich schnell. Ich wurde Mitglied einer professionellen Pantomimengruppe und später in der Studentenbühne in Kopenhagen aktiv.

pantomimeAls ich in die Pantomimegruppe einstieg, beanspruchte das beinahe meine ganze Zeit. Ein Tag konnte so aussehen: Zwei bis drei Stunden Yogaübungen, anschließend einige Stunden freie Improvisation mit der Körpersprache der Pantomime, zusammen mit bestimmten disziplinierenden klassischen Aufgaben aus dem Repertoire der Pantomime und der Aufführung von Stücken.

Yoga gehörte zum Aufwärmen und war über französische Pantomimen wie Etienne Decroux, Jean-Louis Barrault und Marcel Marceau aus der Peking Oper in die Pantomime gekommen.

Zweck des Yoga war es, den Körper geschmeidig zu machen und ihn zu beherrschen. Viele der Übungen lernte ich später auch in Indien. Aber es brachte mehr als das mit sich. In meinem Bewusstsein geschah eine kleine Revolution: Ich wurde auf ganz andere Weise wach, gegenwärtig und konzentriert, und es wurde leichter mich künstlerisch auszudrücken, sowohl in der Malerei wie im Theater.

Lass mich Jean Soubeyran aus dem Buch Die wortlose Sprache zitieren:

Wenn ein Fremder zufällig in den Saal geriete, in dem die ersten Unterrichtsstunden in der dramatischen Improvisation stattfinden, wäre er über das ungewöhnliche Bild, das sich ihm da böte, sehr erstaunt. In fast vollkommener Stille und Unbeweglichkeit schaut eine im Halbkreis sitzende Gruppe von Leuten auf einen einzelnen Schüler, der ihnen ganz allein auf einem Schemel gegenüber sitzt. Auch er ist unbeweglich, und seine Augen sind fest auf einen Punkt gerichtet. Das könnte einem Uneingeweihten wie eine spiritistische Sitzung erscheinen. Es sieht so aus, als geschehe rein gar nichts in diesem Saal. Aber hier herrscht eine so dichte und empfindliche Atmosphäre der Arbeit und Konzentration, dass das Eindringen dieses Fremden sie sogleich stören würde.

Denn diese fast unbeweglichen Leute arbeiten. Nachdem sie in mehrstündigen Übungen in der Körpertechnik ihren Körper trainiert haben, trainieren sie jetzt einen anderen Teil des Körpers, der nicht von den Beinen getragen wird, sondern von den Empfindungen und Gemütsbewegungen.”

Das Repertoire der Pantomime ist zu einem gewissen Grad durch ihren Ausdruck begrenzt. Deshalb sind bestimmte Bereiche oder Stilarten entstanden, welche meistens in einer als Kreislauf gestalteten Handlung zum Ausdruck kommen. Darüber hinaus kann man eine bestimmte Stilart als Grundlage für die Theatervorstellung, die man aufführen will, wählen. Diese Stilarten illustrieren grundlegende Haltungen und Typen des Menschen.

Man hat die Mime des kleinen Mannes, Mime de Salon, die Pantomime des Wohnzimmers, bei der man sich mit den kleinen Begebenheiten des Alltags befasst, oft auf komische Weise dargestellt, wie durch Marceaus Clown Bib.

Oder den Athleten, den körperbetonten Leistungsmenschen, Mime de Sport, die Mime des Kampfes, aber der Kampf als Sport, ausgeführt von jemandem, der ganz in seinem Körper ist, oft mit Ruhe und Fülle in jeder Bewegung.

In der Mime de Passion begegnen wir dem Idealisten, dem Leidenschaftlichen, der alles tun will, um sein Ziel zu erreichen. Er stellt dabei einen anderen Kampf als den des Sportlers dar, eine Leistung, bei der das Bewusstsein nicht immer dabei ist.

Schließlich, wenn das Ziel verfehlt oder aufgegeben ist, tritt Mime de Rêve hervor, die Mime des Traumes – oder vielleicht sollten wir sagen des Träumers – die im äußersten Fall zur Psychose wird. Hier beruht alles auf Illusion. Die konkrete Handlung ist nicht mehr, sie wurde aufgegeben und Träume und Vorstellungen sind an ihre Stelle getreten.

In der Pantomime wird so der Unterschied zwischen Vorstellungen und echten Erlebnissen illustriert. Oder in den Worten von Jean-Louis Barrault:

„Mit einem Worte, der Mensch verfügt über eine Vorstellungskraft, die das, was objektiv und subjektiv ist, umgestaltet und so weit geht, es vollkommen zu verwandeln. In gewissen entscheidenden Situationen seines Kampfes kommt der von Panik ergriffene Mensch dazu, der Wirklichkeit eine zweite hinzuzufügen, die imaginäre Wirklichkeit, die in ihm außerordentliche Verhaltensweisen auslöst, die wir Gemütsbewegungen nennen.‟

Im Yoga muss man, um diesen Unterschied zu durchschauen, hin und wieder für sich alleine gehen, aber am besten – und auf jeden Fall zu Anfang – mit Hilfe eines Lehrers oder Gurus. Es kann katastrophal sein, hier die Bedeutung des Gurus zu verkennen, denn die Gesellschaft besitzt kein grundlegendes Wissen hierüber. Die Gesellschaft lebt mit ihren eigenen Illusionen. Für denjenigen, der die Grenzen des Bewusstseins überschreiten will, ist die Frage, was wirklich und was unwirklich ist, jederzeit brennend.

Intensiver Yoga auf eigene Faust

Ich fand damals niemanden in Dänemark, der mir etwas anderes über Yoga beibringen konnte als das, was ich bereits durch die Pantomime kannte. Was mich besonders interessierte waren die Atemübungen des Yoga (auf Sanskrit Pranayama: Bewusstmachen der Dimension der Energie) und der Gebrauch von Mudras (‚Haltungen’, die das Energiefeld des Körpers harmonisieren). So musste ich auf die Literatur zurückgreifen und dabei die Regeln auf Punkt und Komma befolgen.

Das war eine spannende Herausforderung. Das Buch, das ich benutzte, war von Swami Narayanananda geschrieben, einem orthodoxen Menschen, der hohe Anforderungen an die Lebensführung stellte, aber präzise genug in seinen Anweisungen war, so dass ich keinen Fehler beging.

Das eher „Philosophische und Inspirierende fand ich in Swami Yoganandas Buch. Dass ich während der Lektüre von Autobiographie eines Yogi Erlebnisse verschiedener Kriya in meiner Meditation hatte, wagte ich kaum zu glauben. Denn selbst wenn Yogananda ständig von Kriya Yoga spricht, so beschreibt er ihn nicht direkt. Erst als ich nach Indien kam und den großen Kriya Yoga lernte, ging mir auf, dass ich tatsächlich schon spontan einige andere Kriyas erlebt hatte.

Meine Yogapraxis bestand nun ab Mitte der 1960er Jahre aus Yogaübungen am Morgen und viermal täglich Atemübungen. Ich hatte für einige Jahre die Möglichkeit, so zu leben, zudem führte ich gelegentlich bei Theatervorstellungen Regie. Dies führte dazu, dass ich mir über meine psychische Energie bewusst wurde als etwas, das man kanalisieren und wodurch man seinen physischen und psychischen Zustand beeinflussen kann abgesehen davon, dass sie weiterhin die Inspiration in meiner künstlerischen Entwicklung lebendig hielt. Und darüber hinaus, war ich, als Resultat meines Vermögens mich intensiv zu konzentrieren, in der Lage, das zu empfangen, was ich später als eine sehr besondere Einweihung ansah:

Die Vision

© Lombard 1995 – Derib

Ich gelangte an einem Ort, den ich am besten als golden beschreiben kann.

Ich saß vor einem Halbkreis oder als Teil eines Kreises von meditierenden Individuen, die aus Licht zu bestehen schienen.

Ich hatte den Eindruck, aus einem bestimmten Grund dorthin berufen zu sein.

Das, was ich dort erfuhr, wurde nicht direkt in Worten ausgedrückt, sondern durch Erlebnisse und Zustände vermittelt.

Es führte dazu, meinem Leben eine noch deutlichere Richtung zu geben.

 

 

 

Es ist klar, dass das, was ich hier lernte, teilweise geheim und auch unmöglich zu beschreiben ist.
Mir wurde ein veränderter Bewusstseinszustand und eine grundlegende Form der Meditation bewusst gemacht – eine Verbindung mit einer Energie, die gleichzeitig ein Prozess beziehungsweise die Fähigkeit ist, solch einen Prozess in Gang zu setzen. Sie hat mich seitdem begleitet.

In späteren Jahren ist sie mehr und mehr in meinem Unterricht zum Ausdruck gekommen. Wenn ich diesen Prozess im Unterricht benutze, ist es nicht sicher, dass jeder Schüler alles, was geschieht wahrnimmt und insofern ist er geheim. Der einzelne nimmt das auf, was er gerade anzuwenden bereit ist. Diese Fähigkeit hilft mir auch, Spannungen der Teilnehmer zu beseitigen, sodass sie leichter offen und erlebend bleiben und ihr eigenes Potential und das des Kriya Yoga erfassen können. Das macht es leichter, die Einsicht zu vermitteln, dass dies ein Prozess ist, in dem du nichts festzuhalten oder zu verstehen brauchst. Es ist etwas, das du tust und erlebst. Dieses Vermögen kann anderen vermittelt werden, so dass sie es in ihrer Meditation und ihrem Unterricht verwenden können.

Ich will es Chit-Agni-Kriya nennen – oder zu Ehren der Siddhas die mich einweihten: Siddha Kriya.

Mit einem Zitat von Satprem aus seinem Buch über Sri Aurobindo kann ich etwas von dem Kriya andeuten, in das ich hier eingeweiht wurde, sodass derjenige, der es erlebt hat, wiedererkennen wird, wovon ich schreibe:

Wir sprechen von der herabsteigenden Kraft oder der aufsteigenden Kraft, oder von der inneren Kraft oder von mentaler Kraft, vitaler Kraft, materieller Kraft, aber es gibt nicht so viele verschiedene Kräfte – es gibt nur eine Kraft in der Welt, eine einzigartige Kraft, die durch uns und durch alle Dinge strömt, die eine oder die andere Form annimmt, abhängig von der Ebene auf der sie aktiv ist. Unsere Elektrizität kann ein Tabernakel beleuchten, ein Wirtshaus, ein Klassenzimmer, ein Refektorium, und es verbleibt dieselbe Spannung, obgleich sie verschiedene Gegenstände beleuchtet. Genauso verbleibt diese Kraft oder diese Wärme, Agni [Feuer], dieselbe, egal ob es unsere innere Einkehr, unsere mentale Fabrik, unser vitales Theater oder unsere materielle Höhle lebendig macht oder erleuchtet; von Ebene zu Ebene umgibt sie sich mit einem mehr oder weniger intensiven Licht und mehr oder weniger groben Vibrationen – supramentalen, mentalen, vitalen, materiellen – aber es ist diese Kraft, die alles miteinander verknüpft, alles belebt; die grundlegende Kraft des Universums: Bewusstseinskraft, Chit-Agni.

Wenn es stimmt, dass das Bewusstsein eine Kraft ist, dann gilt auch umgekehrt, dass Kraft Bewusstsein ist und dass alle Energien bewusst sind. Die universale Kraft ist ein universales Bewusstsein. Das ist es, was der Suchende entdeckt. Wenn er mit diesem Strom von Bewusstseinskraft in sich selbst in Kontakt gekommen ist …”

Kann ein Europäer demselben Erlebnis begegnen, welches viele Naturvölker als Teil ihrer Kultur und ihrer spirituellen Entwicklung haben? Ist es Teil unserer Möglichkeiten oder kann es das werden? Können wir einem der unseren (C.G. Jung) entgegenkommen, wenn er kundtut, wir müssten unsere Seele wiederfinden? Eine Seele, die verschiedene Völker noch bewahrt haben, egal ob sie auf ‚hohem’ oder ‚niedrigem’ materiellen Standard leben, einige im Einklang mit der Natur, andere in überbevölkerten Städten.

Ich pflege zu sagen: Kannst du dir vorstellen, dass dein Nachbar sich in einem Zustand von Samadhi oder Nirvana befindet? Kannst du dir vorstellen, dass dein Lehrer so weit gekommen ist, und dass er weiß, wovon er spricht und gleichzeitig noch immer ein Mensch mit Gefühlen und Gedanken ist, mit einem Körper, auf den er, genau wie alle anderen, Rücksicht nehmen muss? Und falls du mit „ nein!” antwortest, dann muss ich sagen, dass du auch keine Perspektive für deine eigenen Möglichkeiten besitzt – in Wirklichkeit sagst du, dass du so etwas nicht darfst.

Wenn man diese Möglichkeit verneint, dann verneint man das, worauf viele Kulturen ihre Mythologien bauen, ihr psychisches Leben und ihre Fähigkeiten, zu heilen.

Für mich war dies eine Vision, die man nicht alle Tage hat, sondern vielleicht nur einmal im Leben. Eine Vision, die insofern unerwartet kam, als dass ich im Voraus nichts über sie wusste und keine Erwartungen an sie hatte. Man konnte auch nicht sagen, dass ich damals in Träumereien schwebte oder nur an außerirdische Dinge dachte. Mein Alltagszustand war klar und normal, gestärkt durch meine Yogapraxis und meine Haltung zum Leben.

Aber ich war natürlich vorbereitet und so konnte an dem winzigen intensiven Lichtpunkt, der in meinem Geist auftauchte, ausreichend lange festhalten, dass er sich veränderte und die Form eines Kristalls annahm, welcher dann ein Korridor wurde, durch den ich flog, ohne Gedanken an den Körper oder Vorstellungen über meinen eigenen Wert.

Es war kein äußerliches Ritual, sondern eine bedeutsame innere Begebenheit – eine Einweihung. Sie kam zwar spontan, aber als Folge eines längeren Trainings in Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich hatte alle Bedingungen erfüllt, um meine Vision empfangen zu können. Ich lebte allein und in Enthaltsamkeit, hielt eine milde Diät ein und machte intensiv Yoga, sodass mein Körper leicht und rein war. Deshalb blockte ich dieses Erlebnis nicht ab.

Das Wissen und die Fähigkeiten, die es mir gab, haben mich niemals verlassen.

Heute sind Comics ein beliebtes Format, meistens ohne irgendeinen tieferen Inhalt. Dennoch können sie, wie jedes andere Medium, in seltenen Fällen benutzt werden, um „geheime“ Botschaften zu vermitteln, ebenso wie es Märchen einmal getan haben. 16 Jahre nach meiner Vision stieß ich auf die Hauptfigur in einem Comic von Derib „Der Weg des Schamanen 2, Der Sonnentanz“ und ihrer Begegnung mit „den Ältesten“. Hier fand ich eine Beschreibung, die meinem eigenen Erlebnis sehr nahe kommt, abgesehen davon, dass meine Kommunikation nonverbal war und dass die Anwesenden von mir als Yogis (Siddhis) aufgefasst wurden. Die Ähnlichkeit war dennoch groß: Zum Beispiel dass sowohl der Indianerjunge wie ich selbst die physische Dimension verlassen hatten und wir uns auf einer ganz anderen Bewusstseinsebene befanden. © Lombard 1995 – Derib

Ich hatte seitdem noch weitere Visionen. Einige davon habe ich in meinem Buch Yoga, Tantra und Meditation im Alltag in Form von Träumen beschrieben. Von anderen habe ich nie berichtet, etwa von einer, die ich eines Nachts auf dem Dach eines Hauses in Nagpur hatte. Ich war gemeinsam mit meinem Lehrer auf einer Reise durch Nordindien. Eine weitere Vision, die die Richtung, die mein Leben nehmen sollte, beeinflusste:

Ich hatte den ganzen Tag unterrichtet. Gemäß Swamijis Anweisungen und Diagnosen hatte ich verschiedenen Menschen genau die Methoden beigebracht, die jeder einzelne benötigte. Ich erinnere mich, dass wir eine Menge Melonen zum Abendessen bekommen hatten und ich hatte mich daran satt gegessen. Danach setzte ich mich hin und meditierte.

Es begann damit, dass ich ein Zeichen sah, eine Art Kode, der mir sagte, dass dies kein gewöhnlicher Traum oder Gedanke war: Ein bekannter dänischer Schauspieler zeigte sich mir und fragte, ob ich mein Leben wirklich dem Theater widmen wolle. Ob ich damit zufrieden sein würde, Abend für Abend, das Bürgertum mit allen möglichen Stücken zu unterhalten, von denen ich mir viele sicherlich nicht selbst ausgesucht hätte.

Trotz meiner Liebe zum Theater kam ich später zu dem Schluss, dass es für mich mehr Sinn hatte, Menschen in einem Abendkurs oder in  kürzeren oder längeren Retreats ein Erlebnis zu vermitteln: ein Erlebnis davon, dem Leben gegenüber ein entspanntes Verhältnis zu haben und Wohlbefinden zu entdecken; ein Erlebnis, das der Einzelne kreativ in seinem Leben nutzen kann und ihm die Möglichkeit gibt, Einsicht über sich selbst zu erlangen.

Dieser Teil meines Lebens begann mit der Begegnung mit meinem Lehrer und Guru.

Swami Satyananda in Kopenhagen

Eines Tages kam mein Freund, der Maler Knud Hvidberg, vorbei, um mich zu einem Vortrag über Yoga mitzunehmen. Ich wollte erst nicht. Es gab so viele Vorträge und so viele Inder und andere, die herumreisten … Ich hatte genug mit meinem eigenen Yoga zu tun, fand ich – es war intensiv und spannend. Aber Knud bestand darauf und zeigte mir ein Zeitungsbild von Swami Satyananda. Das ließ mich meine Meinung ändern. Er kam mir irgendwie bekannt vor, gleichermaßen intelligent wie praktisch veranlagt; ich ging, wenn auch widerstrebend, mit.

Swami Satyananda hielt zwei öffentliche Vorträge in Kopenhagen. Am ersten Abend sprach er über Mantra und leitete danach eine Meditation, die auf solch einem Laut beruhte. Am zweiten Abend war das Thema das psychische Symbol und wie man es in der Meditation verwendet. Was er sagte, fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Die Wirkung, die es in der Meditation hatte, überzeugte mich vom Wert seiner Lehre. Mein psychisches Symbol tauchte zum ersten Mal an diesem Abend im Jahr 1968 auf und ich verwende es bis zum heutigen Tag.

Wenn man in seiner Praxis begonnen hat, nicht nur mit dem Unterbewusstsein in Kontakt zu kommen, sondern mit dem Unbewussten, mit den Dingen, die zu durchdringen beinahe unmöglich ist, dann kommt das psychische Symbol wie eine Rettungsplanke...” (Swami Satyananda)

Als ich außerdem auf einem Stuhl hinten im Saal eine kleine unansehnliche Broschüre über ein Kriya Yoga-Retreat fand, das, er im selben Jahr in Indien gab, hatte ich etwas zum Nachdenken.. Kriya Yoga war ja gerade die Meditation, die ich am meisten lernen wollte! Aber musste ich dafür wirklich nach Indien reisen? Ich war eigentlich der Überzeugung, dass die Dinge immer in der Nähe liegen und dass das erstbeste, das Beste sei – aber vielleicht …

Nach einigen Wochen des schweren Überlegens sah ich ein, dass dies immerhin das erste Mal war, dass ich das Angebot bekam, Kriya Yoga zu lernen. Zusammen mit Knud Hvidberg reiste ich also mit dem Zug über Stockholm und Helsinki nach Moskau, flog für ein paar Tage nach Taschkent, um von dort weiter nach Kabul zu reisen, wo wir wochenlang warten mussten, bis unser Flugzeug repariert wurde, das uns nach Delhi bringen sollte.

Von Delhi ging die Reise nach Raigarh, zu einem Yoga-Kongress, der von Swami Satyanandas International Yoga Fellowship Movement ausgerichtet wurde und anschließend nach Monghyr, zum Ashram und der Schule meines Lehrers.

Lehrzeit in Indien

Wie für Swami Satyananda, so war es auch für mich: Das Training im Ashram hatte nicht zum Ziel, eine Menge phantastischer Erlebnisse hervorzurufen. Im Gegenteil, man ist zu einem gewissen Grad davor geschützt, zu viele Fähigkeiten zu entwickeln, damit man das Ziel nicht aus den Augen verliert.

Die Zeit im Ashram sollte eine solide Grundlage für die Lebensentfaltung schaffen, innerlich wie äußerlich. Nachdem ich Kriya Yoga gelernt hatte, blieb ich im Ashram, weil ich einsah, dass ich einen Lehrer gefunden hatte, der mir helfen konnte, die Brücke zu stärken zwischen dem normalen äußeren Leben und der neuen, größeren inneren Welt, die ich gerade eroberte.

Sannyasa

Adi-ShankaracharyaAm Abend des Shivaratri, dem 15. Februar 1969 nahm ich Sannyasa Diksha. Somit wurde ich Swami im Saraswati Zweig des Paramhamsa Ordens, Dasanama Sannyasas spirituellem Orden, gegründet im siebten Jahrhundert von Srimat Shankaracharya.

Ich war der einzige, der in dieser Nacht eingeweiht wurde. Neben Swamiji und mir war nur ein weiterer Swami als Zeuge anwesend. Außer der eigentlichen Einweihung zum Swami wurden auch die früheren Einweihungen, die ich in Form von Visionen und Erlebnissen in meiner Meditation gehabt hatte, bekräftigt als etwas, das im höchsten Grad wirklich war und mit dem ich fortfahren konnte. Dass mein Lehrer wusste, dass Yoga für mich nicht nur ein Hobby war, sondern dass ich ein großes Maß an Freiheit und Selbständigkeit benötigte, bestätigte er mir während dieser Einweihung.

Lass mich hier einen Teil von dem zitieren, was Swami Satyananda über Sannyasa darüber gesagt und geschrieben hat, ein Swami zu sein, was bedeutet, sich selbst zu meistern:

Sannyasa ist entstanden als ein Mittel um die Programmierung des Geistes zu überwinden und zu beseitigen, falsche Vorstellungen, Dogmen, Begriffe etc., die den Geist daran hindern, als perfektes Instrument zu funktionieren. Sannyasa wurde von den Menschen genommen, die den Geist aus seiner Sklaverei befreien und dadurch Einsicht über die tieferen Seiten des Daseins gewinnen wollten. Es scheint als habe dies seit Anbeginn der Geschichte existiert, wenn auch nicht unter dem Namen Sannyasa. Es entstand mit der zunehmenden Entwicklung der Gesellschaft, als ein Mittel, um das Individuum von der Indoktrination zu befreien, die Teil der Gesellschaft war, in der derjenige lebte.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die ,primitiven’ Menschen keinen Bedarf an Sannyasa hatten, denn sie waren vermutlich harmonisch in ihrer Lebensweise, eins mit ihrem tieferen Wesen und in der Lage, ohne weiteres das weltliche mit dem spirituellen Leben zu verbinden …

Deshalb entstand Sannyasa gleichzeitig mit dem Beginn des sozialen Lebens, als ein Mittel für den Menschen, um wieder in Kontakt mit seiner tieferen Natur zu kommen. Dadurch, dass der soziale Druck größer wurde, wurde der Mensch übertrieben ehrgeizig, neurotisch und egoistisch. Diese und andere unharmonische Tendenzen fesseln den Menschen und sind der Grund dafür, dass er nur auf der oberflächlichsten Schicht seines Wesens verbleibt und funktioniert ...”

Nach außen hin beinhaltet es normalerweise, dass man es wählt Geru zu tragen, (einen erdigen Ockerton, beinahe wie Orange). Diese Entscheidung ist Ausdruck einer Haltung und zeigt, dass man Teil der Tradition ist. Aber Geru wird auch wegen der aktivierenden Wirkung getragen, die diese Farbe auf denjenigen hat, der viel meditiert und Meditation unterrichtet. Es ist eine neutrale Kleidung, die bis zu einem gewissen Grad ein Rollenspiel verhindert, wenn man sich nicht nach seinen verschiedenen Launen kleidet, und es wendet dem Materialismus den Rücken zu, indem es verhindert, dass man sich herausfordernd oder prunkvoll kleidet – auch ein Hilfsmittel, um den Geist zu stabilisieren.

Als Randnote möchte ich erwähnen, dass viele Naturvölker in ihren Stämmen gleich gekleidet oder nackt sind, gerade weil sie alles teilen und einander vorbehaltlos helfen. In gewissen Stämmen in Afrika wird sogar das selbe Geru getragen, die es seit dem siebten Jahrhundert in der Swami-Tradition gibt.

Dass die oben genannten Gedanken sich nicht nur in Swami Satyanandas Geist regten, zeigt folgendes Zitat aus Peter Nilsons Buch Heim zur Erde über die eher materielle Seite des Problems:

Als wir die Zeit der Hirten und Sammler verließen, machten wir den ersten Schritt auf eine Katastrophe zu, wir öffneten die Tür für das Unglück und das Elend, das heute unsere Existenz bedroht …

Die Landwirtschaft, die uns zweifellos Nahrung und Wohlstand gebracht hat, kann uns, paradoxerweise, auch ausgehungert und arm gemacht haben und zu der Bevölkerungskatastrophe unserer Zeit geführt haben. Rousseau hätte diese Gedanken wiedererkannt, die auf eine unerwartete Weise die Problematik in all dem beleuchten, was wir ,Entwicklungnennen.”

Über die innere Seite der unbewussten Einwirkungen der Gesellschaft spricht Henri Laborit, im Film Mein Onkel aus Amerika von Alain Resnais:

Das Unbewusste ist ein furchterregendes Hilfsmittel, nicht so sehr wegen dem, was unterdrückt ist, unterdrückt weil es allzu schmerzvoll wäre, wenn es zum Ausdruck käme und weil die Umgebung, die Soziokultur es in diesem Fall bestrafen würde, sondern im Gegenteil wegen dem, was diese Soziokultur zulässt und manchmal sogar belohnt. Alles wird ab der frühesten Kindheit im Geiste der Person geprägt und wenn auch das Individuum sich dessen unbewusst ist, so ist es gerade dieser Teil, der seine Handlungen bestimmt. Dieses nicht-freudianische Unbewusste ist das Gefährlichste.

Was wir Persönlichkeit nennen, ist eine Mischung aus wertbeladenen Beurteilungen, Vorurteilen und Wahrheiten, die jeder für gegeben nimmt. Sie wird starrer im selben Takt wie das Individuum älter wird und sie wird weniger und weniger in Frage gestellt. Wird nur ein einziger Stein aus diesem Gebäude entfernt, so stürzt es zusammen. Die Angst taucht auf. Um sich auszudrücken, wird die Angst nicht vor Mord zurückschrecken oder, in größerem Maßstab, nicht vor Völkermord und Krieg.

Wir beginnen gerade, zu verstehen, durch welche Mechanismen wie und warum dominierende Hierarchien Schicht für Schicht entstanden sind, im Laufe der Geschichte und in unserer Zeit.

Um zum Mond reisen zu können, muss man das Gesetz der Schwerkraft kennen. Dass wir dieses Gesetz kennen, bedeutet nicht, dass wir frei von der Schwerkraft sind, sondern nur, dass wir dieses Wissen gebrauchen können, um etwas anderes zu tun. Solange wir den Menschen auf diesem Planet nicht vermittelt haben, wie ihre Gehirne funktionieren und wie sie sie hauptsächlich dazu gebrauchen, andere zu dominieren, solange wird es keine große Chance zu einer Veränderung geben.”

Ideal und Alltag

Ich meine zu wissen, dass Ideale für unsere Existenz recht gefährlich sind, da sie uns leicht dazu bringen, uns nach Äußerlichkeiten zu richten – politisch, spirituell und kulturell – und auf diese Weise das Ziel zu verfehlen. Sie nehmen uns die Fähigkeit, die Geschehnisse in der jetzigen Situation zu würdigen.

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Swami Janakananda, in Monghyr am Morgen nach seiner Sannyasa-Einweihung. Februar 1969. Fotografiert von dem Maler Knud Hvidberg.

Es ist wichtig, insbesondere für den Yogi, den Leuten keinen blauen Dunst vorzumachen, der sich zu Intoleranz und Sektiererei entwickeln kann. Es gibt keine einfachen Lösungen, um Fantasie von wirklichen Erlebnissen zu unterscheiden. Alles, und ganz sicher aber der spirituelle Weg, fordern unseren eigenen Einsatz.

Auch zu unserem eigenen Besten müssen wir beispielweise auf den Zen-Mönch hören, der entdeckt, dass das Wunder im Alltag liegt. Das, was gerade vor uns liegt – Aufgaben, andere Menschen in unserer Nähe – und das, was wir in uns selbst tragen und von dem wir wünschen, dass es Ausdruck finden soll, ist es womit wir uns beschäftigen sollten.

Ideale schaffen leicht Neurosen, zum Beispiel wenn man in Annoncen über Healing, Religion, New Age und Positives Denken lauter lächelnde Menschen sieht. Wo bleibt der tiefere Ernst, möchte man fragen und das Wissen darum, dass die Arbeit mit sich selbst beinhaltet, unermüdlich allen Seiten seines Geistes und seiner Persönlichkeit zu begegnen? Kann man sich selbst erlauben, all diese Seiten zu sehen und vor allem zu fühlen – ohne dass es zu Selbstbezogenheit führt? Der Lehrer, der die Krise in sich selbst nicht zugelassen hat, wird eine Tendenz haben, diese in der Unterrichtssituation zu unterdrücken, indem er es vermeidet, selbst loszulassen. Aber natürlich sind Stabilität, Disziplin und Konsequenz erforderlich, etwas, das man selbst wählt und das notwendig ist, wenn man sich nicht in den eigenen Einbildungen verlaufen oder vom Unverstand anderer gehemmt werden will.

Auch auf eine andere Weise schaffen Ideale leicht Intoleranz und Heuchelei. Ist es nicht so, dass oft gefordert wird, unsere Lehrer sollten Heilige sein, denen wir nacheifern oder von denen wir träumen können? Dass sie keine gewöhnlichen Menschen sein dürfen, die Sorge, Ärger, kindisch sein, Stolz, Eifersucht, Enttäuschung oder unmittelbare Freude ausdrücken können – ganz zu schweigen von Sinn für Humor.

Ich meine nicht, dass ein Lehrer sich kleiner und zu jemand anderem machen sollte, als er ist – es gibt keinen Grund, Angst davor zu haben, die Maske fallen zu lassen. Wenn wir in uns selbst das kennen, was sich hinter der Maske befindet, können wir auch zu dem stehen, was natürlich ist. Wenn wir erst gelernt haben, dass der Geist und die Persönlichkeit Werkzeuge sind, um in der physischen Dimension zu überleben – eine Oberfläche, durch die wir mit der Umwelt kommunizieren – dann können wir ohne Angst tiefer gehen und eins werden mit unserem ganzen Wesen, unserer wahren Identität.

Hier hilft uns die tantrische Haltung, denn wenn man ohne Zögern in einem Zustand verbleibt, kann man ihn bewusst machen – eine uralte Anweisung:

Liege wie tot.
Erfüllt von Zorn, bleibe so.
Oder starre, ohne ein Augenlid zu bewegen.
Oder sauge an etwas und werde zum Saugen.”

(Vigyana Bhairava Tantra)

Es gibt auch das, was ich Fluchtideale nennen will. Ich habe Menschen erlebt, die davon träumen, in primitiven Stämmen am Rande unserer Zivilisation zu leben in den Regenwäldern oder Wüsten in Asien, Australien oder Südamerika und im arktischen Teil Nordeuropas oder Nordamerikas. Kulturen, die dabei sind zu verschwinden, leider, denn zweifellos repräsentieren sie Werte, die wir heute in allerhöchstem Maße benötigen. Aber wenn sie zu Idealen für Menschen werden, die nicht in der Lage sind, den Herausforderungen zu begegnen oder eine Befreiung im Alltag oder ihrer Gesellschaft zu durchleben, dann werden sie zu einer Entschuldigung dafür, zu träumen anstatt zu handeln.

Und ist es nicht gerade dort, wo sich viele sogenannte Lehrer und Bewegungen befinden – zwischen Idealen von der primitiven Gesellschaft mit Tipis und Idealen von der super-hochtechnologischen Gesellschaft mit Raumschiffen, in der die Leute kein Geld benutzen, telepathisch kommunizieren und sich nahezu schwebend über der Erde bewegen, um dem Pflanzenleben nicht zu schaden? Solche Kulturen verlegt man in die Vergangenheit wie in die Zukunft, nach Atlantis und nach Lemuria, in die mittelamerikanischen und die ägyptischen Kulturen, auf andere Planeten oder nach einem Umbruch auf unseren Planeten in eine nicht allzu ferne Zukunft. Oder, was schlimmer ist, man sitzt und wartet darauf, dass Raumschiffe kommen und uns vom Leben auf dieser Erde erretten!

Egal, ob sie sich auf Tatsachen beziehen oder nicht, sollen solche Träume und Ängste rechtfertigen:

  • dass man sich nicht aufraffen kann, das zu tun, was nötig ist in unserer Zeit, in unseren Städten, in unseren Ländern? Und das Leben zu leben und die Fähigkeiten zu nutzen, die man nun einmal bekommen hat, anstatt zu träumen?
  • dass man nicht wagt, Wissen zu empfangen, sodass man sich über seine Begrenzungen hinwegsetzen kann, anstatt hochmütig unter dem Deckmantel von Weisheit, Healing oder Religion seine eigenen Begrenzungen weiterzugeben?
  • dass man es nicht vermag, das Leben so zu nehmen, wie es kommt und die Aufgaben anzunehmen, die vor einem liegen? Warum muss alles als Problem betrachtet werden? Alles ist Teil des Lebens, und das Leben ist eine spannende Herausforderung!

Wer wirklich die Botschaft aus der ‚Vorzeit’, ‚Zukunft’ oder ‚Traumzeit’ gehört oder verstanden hat, benutzt sie nicht als Entschuldigung, um sich aus dem Dasein, in das er / sie geboren ist, wegzuträumen. Stattdessen stürzt er / sie sich in eine Aufgabe, um wieder in Übereinstimmung mit sich selbst und der Natur zu kommen und danach anderen und der Gesellschaft, in der man lebt, zu helfen dasselbe zu tun. Das geschieht ohne Gedanken an Bequemlichkeit und ohne selbstbezogene Hypochondrie. Man beginnt dort, wo es am nötigsten ist. Ein jeder von seinem eigenen Hintergrund ausgehend und mit seinen Fähigkeiten.

Oder mit den Worten von Walt Whitman in Song of the open road:

Von jetzt an bitte ich nicht länger um Glück und Erfolg,
ich selbst bin Glück und Erfolg,
Von jetzt an jammere ich nicht mehr,
schiebe nichts mehr auf, brauche nichts,
Ich habe genug von Klagen drinnen in den
Häusern, Bibliotheken, nörgelnder Kritik,
Stark und zufrieden reise ich auf der offenen Straße.

Die Erde, sie ist ausreichend
Ich wünsche mir die Konstellationen nicht näher heran,
Ich weiß, dass sie es gut haben, da wo sie sich befinden,
Ich weiß, dass sie ausreichen für die, die dorthin gehören.

Die Macht des Beispiels

Ich persönlich glaube nicht, dass die Macht des Beispiels viel wert für denjenigen ist, der wirklich mit sich selbst arbeitet. Für ein Kind kann es gut sein, an einem Erwachsenen ein festes Beispiel und feste Richtlinien als Ausgangspunkt zu haben. Aber der erwachsene Mensch, der mehr vom Leben und seinen eigenen Tiefen entdecken will, findet dies nicht, indem er das Leben anderer imitiert – nur indem er sein eigenes lebt. Bei dieser Arbeit muss man eine qualifizierte Wahl treffen können in Bezug auf sich selbst und nicht durch Nachahmungen oder festgefahrenen Normen.

Man darf jedoch Anforderungen und Disziplin nicht mit Idealen verwechseln. Meiner Meinung nach, muss man sich einweihen lassen können und das, was man zuinnerst will, wagen und auch durchführen, sowie seine Furcht überwinden können und auf diese Weise zu einem brauchbaren Wissen gelangen. Meine Zusammenarbeit mit Swamiji, der mich ärgern konnte, meinen Stolz oder meine Angst testen konnte, mich wecken, mir Aufgaben geben und vor allem, mich auf den Boden bringen konnte, wenn die Phantasie mit mir durchging, bewirkte, dass ich einen wirkungsvollen, nützlichen und nicht zuletzt tiefgehenden Yoga lernte, der mich präsent machte und mir die Bereitschaft zu handeln gab. Die Beschlüsse jedoch, die ich fasste, die Schlussfolgerungen, die ich zog und meine innerste Zielsetzung sowie die mehr oder weniger große Beharrlichkeit, die ich an den Tag legte, waren mir selbst überlassen.

Nicht nur, was mich betrifft, sondern auch bei Schülern, die ich im Laufe der Zeit hatte, habe ich gesehen, wie wichtig es ist, sich zeitweise zurückziehen zu können und Überblick zu gewinnen. Es wird sicherlich Menschen in der Gesellschaft geben, die solch einer Handlung kritisch gegenüber stehen, vielleicht aus Angst davor, dass man die Illusionen durchschauen könnte, mit denen wir alle aufgewachsen sind und die teilweise unbewusst sind. Für mich war es jedoch notwendig sie zu durchschauen, um selbständig zu werden. Das bedeutete, dass ich es für eine Zeit aufgeben musste, im Voraus Bedingungen zu stellen und wagen musste, die Situationen so zu nehmen, wie sie kamen. Hierdurch, mit Hilfe von Yoga und Meditation und der Leitung meines Lehrers, begann ich, die hemmenden Haltungen und Gewohnheiten, die mein Leben geprägt hatten, zu entdecken. Durch diesen Prozess sah ich ein, was wahre Selbständigkeit bedeutet.

Ein Zitat von 1969 aus meinem Tagebuch in Indien:

Reaktion und Unterwerfung – gegen etwas zu reagieren oder sich etwas zu unterwerfen – Umgebungen, Bedingungen usw., laufen auf dasselbe hinaus, beides wird zu Abhängigkeit.

Zu reifen, alles gleichmütig betrachten zu können, ohne sich damit zu messen: zwischen Menschen ist es vielleicht das, was man als Bruder-, Freundschafts- oder Zusammengehörigkeitsgefühl bezeichnet, kein blindes Folgen, kein Aufruhr gegen andere, sondern teilnehmend.

Dass eine solche Haltung auf jede Situation transformierend wirkt, ist vielleicht für viele ein Geheimnis und zu wagen, ihr nachzuleben, kann sehr wohl eine innere Angst vor dem Loslassen enthüllen.

Wenn es darum geht ein Yogalehrer zu sein, so meine ich, dass man nicht um Macht kämpfen oder ungehemmt konkurrieren sollte. Stattdessen ist es gut, dass das, was man aufbaut, auf eigenen Verdiensten beruht, mit Respekt vor der Tradition und demjenigen, von dem man sie erlernt hat. Trotz allem bin es nicht ich, der das, was ich unterrichte, erfunden hat, sondern mein Lehrer, und auch nicht er, sondern sein Lehrer und auch nicht er …

Versuche nicht, die Schüler zu überreden, die schon zu anderen Lehrern gehen, lass die Schüler von selbst kommen, wenn Dein Unterricht einen guten Ruf hat. Und wenn eines Tages keiner mehr kommt, ja, dann ist dieser Teil deines Karmas vorbei, sagte Swamiji zu mir, als ich mich 1970 auf den Weg nach Hause machte, um in Skandinavien zu unterrichten.

Schüler auf dem 3-Monats Sadhana Retreat 1995

 

Im Tantra sagt man, dass selbst ein Hund Dein Lehrer sein kann – und zu einem späteren Zeitpunkt werde ich auf das Verhältnis eingehen, welches zwischen unseren Erwartungen und Idealen und dem wirklichen Wissen besteht, dass bestimmte Menschen besitzen. Menschen, die weit von den gängigen Vorbildern, von denen die Leute träumen entfernt sind, sei es in der Yogatradition oder in modernen Bewegungen.

Eine Einweihung und die Wahl, zum Beispiel als Swami zu leben, hat mit dem Alltag zu tun und mit der normalen Kommunikation mit Menschen nach außen hin und gleichzeitig beinhaltet es eine Konsequenz auf einer anderen Ebene, die über Worte weit hinausreicht, hinaus über das, was man in der Sonntagsschule gelernt hat oder über das, was die weiche, leicht verschwommene New Age Philosophie, die derzeit modern ist, beinhaltet und die einige der heute angepriesenen Meditationsmethoden verdirbt. Stattdessen sollte die Meditation „cool und neutral sein. Sie sollte nicht noch weitere Bindungen, an denen man sich festhalten kann, hervorbringen. Du brauchst deinen Geist nicht mit Inhalten „füllen.

Hier geht es um ein Ziel, das man nicht verfehlen möchte, weder durch Müßiggang, noch durch romantische Vorstellungen oder Fanatismus. Es hat auch nichts mit der Zeit, in der man zufällig lebt zu tun.

Letzen Endes gibt es ja nicht nur die lächelnde oder weinende Persönlichkeit, die sich freuen oder sorgen kann, die sich angezogen oder abgestoßen fühlt von dem, was ihr im Leben begegnet. Es gibt auch die tieferen Dimensionen, die über das hinausreichen, was man an der Oberfläche sieht, die hinausreichen über die Körper- und Geisteszustände, die man bereits kennt. Es ist dein ganzes Wesen, mit dem du eins werden kannst.

Ein jeder Therapeut, der andere zu psychischen Höhen oder Tiefen führen will, muss selbst fähig sein, diese Höhen und Tiefen der Psyche zu erreichen. Heutige Psychotherapeuten müssen notwendigerweise damit beginnen, sich selbst darin zu üben, durch ihre eigene Psyche auf und ab zu steigen und dadurch die vielfältigen Bestandteile zu erleben, aus denen der Mensch besteht, sowie die treibenden Kräfte hinter dem Menschenleben. (Wolfgang Kretschmer in Meditative Techniken in der Psychotherapie, worin er Ideen seines Kollegen Desoille erwähnt)

Ashram

Im Ashram kommt es auf den Alltag und die täglichen Aufgaben (Karma Yoga) an. Im Alltag werden die Bewohner in der Routine gehalten und die Transformation findet unmerklich statt, natürlich mit Hilfe von Yoga und Meditation – und meiner Erfahrung nach vor allem durch Kriya Yoga.

Als ich im Ashram meines Lehrers in Bihar in Indien lebte und die Rede eines Tages auf die Bedingungen kam, um Kriya Yoga zu unterrichten, sagte er:

Kriya Yoga sollte nur unter Ashram-Verhältnissen unterrichtet werden.

Ein Ashram ist ein Ort, an dem Menschen leben, die sich permanent einem Sadhana widmen. Sadhana bedeutet eigentlich „das, was zum Ziel führt und umfasst all das, was das Bewusstsein weckt und wach hält. Der Ashram ist ein Ort, an dem Menschen nach keinen anderen Werten jagen als den spirituellen, ein Ort, der es möglich macht, dass man sich Zeit nehmen kann, um sowohl psychische wie physische Gesundheit wiederzufinden. Ein solcher Ort wird schrittweise aufgebaut, mit all den Beschäftigungen des Alltags, mit den Einrichtungen für den Unterricht, aber vor allem mit einem Kern von Menschen, die nicht nur zu Besuch sind und keine anderen Motive haben, als dort zu sein und an dieser Arbeit teilzunehmen.

Der Ashram soll eine Atmosphäre von Sicherheit und Ruhe geben, so dass die Schüler, die für kürzere Zeit hierher kommen, etwa auf einen 3-Monats-Sadhana-Retreat, sich ungestört dem hingeben können, wofür sie gekommen sind – mit Unterstützung der Umgebung und ohne sich finanziell oder sonst wie ausgenutzt zu fühlen, wie es sonst in der Gesellschaft ständig geschieht.

Aber gleichzeitig soll der Ashram voller Herausforderungen sein, sowohl hinsichtlich der Arbeitsaufgaben, als auch hinsichtlich der Möglichkeit zu Training und Einweihung. Hier ist jedoch nicht die Rede davon, nach einem Examensnachweis, den man vorzeigen kann, zu streben, sondern von einer Art zu leben. Oftmals hörte ich, wie mein Lehrer zu den Anwesenden sagte:

„Denkt daran, wonach die Leute normalerweise jagen, wie viel Zeit sie für Ausbildung und Karriere brauchen, eine Ausbildung, an der sie nur wenige Jahrzehnte des Lebens Freude haben, und wie wenig Zeit sie für ihre spirituelle Entwicklung verwenden, eine Entwicklung, an der sie ihr ganzes Leben Freude haben ja sogar darüber hinaus.”

Ein Ashram wird traditionell von einem oder mehreren Swamis geleitet. In solch einem Ashram kann Kriya Yoga unterrichtet werden. Wohl gemerkt, wenn er im Alltag von den festen Bewohnern genutzt wird – so dass alle eine nahe und gründliche Kenntnis von dem haben, was unterrichtet wird. Der Ashram und seine Bewohner müssen ein Erlebnis vermitteln können, das weiterreicht als mechanisches oder theoretisches Einüben.

So wie ich selbst einen Ashram erlebt habe, sowohl den in Indien, als auch die, die seitdem in diesem Teil der Welt entstanden sind, baut ein Ashram auf Freiwilligkeit und Interesse. Das gilt für die Bewohner wie die Schüler, die zu den Kursen kommen. Sie können so lange bleiben, wie sie wollen, aber während sie da sind, ist es wichtig, dass sie nicht vergessen, warum sie da sind und dass sie Lust haben, an allen Aktivitäten teilzunehmen. Dann hat es in der Tat eine Wirkung.

Man kann einen anderen Menschen nicht dazu zwingen, glücklich zu sein. sagte Swami Yogananda. Ja, ist es nicht merkwürdig? Und ebenso kann man keine Blume zwingen, sich zu öffnen; aber man kann hoffen, dass sie es tun wird, indem man ihr gute Bedingungen schafft, mit Dünger, Licht und Luft und auch, indem man sie in der Reife- und Wachstumszeit gegen negative Einflüsse schützt.

Aber das ist natürlich nicht alles, siehe auch Auf dem Weg zu größerem Bewusstsein – Gedanken zu einem Text von Swami Satyananda: Chronologie eines Yogi.

Ausbildung, Schule und Ashram

Ich habe die Skandinavische Yoga und Meditationsschule eine Schule genannt, da die Leute dort kommen und gehen können sollen, wie sie wollen, ohne eine andere Bindung als den Unterricht, den sie besuchen. So hat es in den vielen Jahren, seit Bestehen der Schule, funktioniert.

Die Yogalehrerausbildung habe ich jedoch einen Ashram genannt. Zu früherer Zeit war in Indien überhaupt keine Rede von einer Yogalehrer-ausbildung. Ausbildung ist ein moderner Begriff, der in hohem Maße auf Theorie und dem Lernen in Klassen beruht. In der Tradition hingegen wurde Yoga im Leben gelehrt, im Alltag, und so ging auch ein großer Teil meines eigenen Trainings bei Swami Satyananda vor sich. Weisheit entsteht durch die Situationen, in denen du wach wirst und deine Aufmerksamkeit und deinen guten Willen gebrauchst – es geschieht durch tägliches Arbeiten, so nahe bei seinem Lehrer, dass er oder sie zu jeder Zeit spiegeln kann, wenn man sich selbst vergisst und einen lehren kann, zu sich selbst zurückzukehren – und es geschieht in einer Gemeinschaft mit anderen, die dasselbe Ziel haben. Es geschieht in der täglichen Arbeit, aber auch in praktischen oder theoretischen Klassen und natürlich durch gemeinsame und individuelle Meditation.

Das Leben im Ashram sollte in meinen Augen nicht auf gelehrte theoretische Scholastik bauen, sondern auf konstante Wachsamkeit – ein Training, das aufgrund der Bedingungen des Ashrams in hohem Maße von selbst geschieht: Es härtet die Teilnehmer ab und macht sie gleichermaßen weich, es gibt innere Stärke und Feinfühligkeit anderen gegenüber. Man ist unverhüllt und ruht gleichzeitig in sich selbst.

Aber der einzelne muss die Situation selbst nutzen und wählen, wie lang er bleiben will (abgesehen von den Mindestansprüchen, die an eine formelle Ausbildung gestellt werden, erst als Yogalehrer und dann als Meditationslehrer). Theoretisch ist es möglich, mehr oder weniger in Kontakt mit einem Ashram zu sein. Ob es funktioniert, hängt nicht allein vom Lehrer bzw. Leiter oder von den jeweiligen Bewohnern ab, sondern von einem selber. Derjenige, der nur in der Ecke sitzt und sich mit allzu großem Respekt umschaut oder der, der nur Streit anfangen will, gehören wohl beide nicht in einem Ashram.

Der Lehrer steht lediglich denen zur Verfügung, die ihn nutzen wollen. Darüber hinaus kann der Lehrer oder Leiter auf gleicher Ebene mit den anderen Initiativen ergreifen, was die Leitung der Schule und die Aufgaben im Ashram betrifft. Und Kraft seiner Erfahrung wird er wohl öfter als der Anfänger oder derjenige, der das Ziel des Ashrams vergessen hat und es sich nur selbst bequem machen will, versuchen, Trägheit und Schläfrigkeit bei sich selbst und in der Gruppe zu verhindern. Genauso, wie er oder sie früher als andere entdecken wird, wenn sich oberflächliche Haltungen wie Jovialität verbreiten, wo schlechthin alles zum Scherz wird (nicht zu verwechseln mit Sinn für Humor); oder wenn ständig versucht wird, sich untereinander therapeutisch zu verhalten und man einander in Kritik oder Fürsorge erstickt; oder wenn übertriebene Begeisterung aufkommt, sie kann nämlich schnell verpuffen oder was schlimmer ist zu Fanatismus oder Intoleranz werden.

Das Resultat des Ashramlebens sind Menschen, die von vielen der Einflüsse um sie herum nicht berührt werden und die selbständig gegenüber der Angst und dem Aberglauben sind, der gewisse Yogalehrer begrenzt, die nur eine kurze, formelle und theoretische Ausbildung absolviert haben. Eine Ausbildung, in der sie keinerlei Einweihung oder Probe durchgemacht haben und auf diese Weise sich selbst begegnet wären – welches, wie ich meine, eine Anforderung an denjenigen sein sollte, der andere leiten soll.

Der schöpferische Mensch, der suchende, erkennende Mensch lebt bis er stirbt. Keine Phase im Leben bedeutet eine Wartezeit, jede Zeit im Leben hat ihre Aufgaben und Möglichkeiten. Aber das Leben, und auch das Leben im Ashram und deine spirituelle Suche, beruhen in großem Maße auf deiner eigenen Initiative in der Situation in der du dich wiederfindest und auf deiner Ausdauer.

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Skulpturengruppe mit Meditierenden aus Mexiko. Maya, klassische Periode 100 v.Chr. – 800 n.Chr. im Nationalmuseum Mexiko City. Selbst wenn die ‚psychische’ Form der Gruppe durch die Keramik begrenzt ist, hat sie doch eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Siddhis in meiner Vision. Foto 1981 von Swami Janakananda.

 Sex oder Zölibat

Mitte der 1970er Jahre versuchten wir uns an einigen Wochenenden in unserem Retreatzentrum mit den tantrischen sexuellen Ritualen. Das erregte einiges Aufsehen und Turbulenz. Von der christlich-fundamentalistischen Seite versuchte man uns zurechtzuweisen, indem man uns ein Etikett
von Vorstellungen über Gruppensex usw. anheftete.

Das brachte mich aber dazu, abzuwägen, ob ich durch die Beschäftigung mit diesen Ritualen nicht das verlor, was mir in meinem Unterricht am meisten bedeutet, nämlich die Meditation. Ich hatte ursprünglich den sexuellen Teil vom Tantra mit einbezogen und in meinem Buch beschrieben, um jene Vorstellung zu durchkreuzen, die bestimmte orthodoxe Yogis zu verbreiten versucht hatten, nämlich dass Yoga unbedingt Keuschheit erfordere.

Dennoch will ich zur Verteidigung des Zölibats sagen, dass es im Hinblick auf die spirituelle Stärke und Entschlossenheit sehr wirkungsvoll ist, wenn man es nur nicht fanatisch lebt und ‚die Lüste des Fleisches zu etwas Sündigem und Schmutzigen macht, um sich auf diese Weise dagegen zu verteidigen.

Wer nicht das ganze Leben lang im Bramacharya leben will oder kann, (was eigentlich bedeutet „eins mit der Ganzheit sein – mit Allem”, allgemein interpretiert als Zölibat) für den ist es ratsam, es in den Perioden einzuhalten, in denen man intensiv mit sich selbst arbeitet und eine Einweihung durchlebt. Auf diese Weise ist die Chance für einen Durchbruch zu wirklicher Ruhe, Einsicht und Stabilität größer.

Enthaltsamkeit oder ein maßvolles oder sparsames Sexleben kann eine ganz andere Stärke und Standfestigkeit geben als der ausgehöhlte, deprimierte oder gefühlsmäßig überreizte Zustand, in dem man sich befindet, ohne zu wissen warum, wenn man ein übertriebenes oder unharmonisches Sexleben führt.

Die Tradition

Swami Janakananda übersetzt für Swami Satyananda in der Yoga- und Meditationsschule in Kopenhagen Ende der siebziger Jahre.

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich ein Lehrer, wenn er oder sie seine Lehrzeit abgeschlossen hat, entwickeln und einzigartig im Verhältnis zu seinem Lehrer werden kann – aber wenn man von einer Tradition ausgehend unterrichtet, beinhaltet dies, dass kein direkter Bruch mit dem Lehrer geschieht.

In meinem Verhältnis zu Swami Satyananda hat es auch eine Entwicklung gegeben: Von der Rolle des Schülers über das etwas engere Verhältnis, ein Chela (‚Jünger) zu sein. Dann folgte eine Periode, in der ich selbst zeigen musste, wofür ich stand, jeden Tag aufs neue – die Zeit an sich gab mir keine Verdienste – bis hin zu einer Freundschaft, zu etwas mehr, etwas das auf einem großen gegenseitigen Respekt beruhte, das sowohl ein Gefühl der Einheit, als auch ein Anerkennen der Andersartigkeit des anderen enthielt (siehe auch: Namo Narayan – Swamiji).

Wie begann dieses Verhältnis? Ein Zitat aus meinem Tagebuch in Indien:

Die Furcht, die es vor allem Neuen gibt,
kann auch während des Lernens auftauchen,
wenn Vorstellungen und Erwartungen sich mit dem
Verstehen vermischen.

Der Lehrer muss dem Schüler die Furcht nehmen können,
so dass der Schüler
das Neue ungehindert erleben und verstehen
kann –
und dadurch später auf eigene Faust Furcht
begegnen und überwinden kann,
mit größerer Weisheit und Stärke.

Und ein anderes Mal, unter anderen Umständen, schrieb ich:

Swami Janakananda und Swami Satyananda auf einem Kongress in Bogota 1980.

„Seinen Lehrer schlecht zu machen,
in den eigenen Gedanken oder anderen gegenüber ,
verändert die Wirklichkeit nicht und
gibt kein Recht dazu, etwas zu nehmen,
das einem nicht zusteht.

Ich kann nicht die Ehre beanspruchen für den Yoga, den ich unterrichte oder für Kriya Yoga. Ebensowenig mein Lehrer Swami Satyananda, obwohl er, in meinen Augen, wirklich vieles über Kriya Yoga deutlich gemacht hat – und auch sein Lehrer Swami Sivananda kann dies nicht tun – ungeachtet welch große Pädagogen sie beide gewesen sind und wie viel sie aus der Tradition geschöpft haben.

Auf diese Weise wird Frieden im Geist bewahrt und man kann ohne die Furcht unterrichten, die entsteht, wenn man sich auf Kosten anderer hervorheben muss oder die Ehre für etwas beansprucht, das man nicht besitzen kann oder das man gestohlen hat (in dem Sinne, dass man die Ansprüche an sich selbst und die Bedingungen, unter denen es unterrichtet wird herunterschraubt).

Nichtsdestotrotz kann der Schüler eines Tages ein ausgezeichneter Lehrer werden.

Class-of-1969

‚Wir’ waren eine kleine Gruppe von neun Personen auf einer dreimonatigen Tour durch Nordindien, im Frühling 1969. Ich sitze ganz vorn, vor Swami Satyananda.

Der Schüler kann sehr wohl psychisch höher entwickelt sein als man selbst, sagte Swami Satyananda eines Abends in Gondia zwischen zwei unserer Veranstaltungen, als wir uns in einem privaten Heim, in dem wir zu Gast waren, ausruhten.

Aber wer kann vergleichen?

Die Antwort kam eines Tages, als er plötzlich zu mir sagte:

Habe Respekt davor, wo du bist und sei der, der du bist, dann werden alle Gedanken darüber, wer höher oder tiefer ist, vorne oder hinten, ohne Bedeutung.”

Befreiung, aus dieser Sicht gesehen, besteht darin, man selbst zu sein. Und – so wie ich es sehe – darin, das Leben als ein Geschenk zu betrachten und dieses Geschenk zu empfangen. Nicht das, was du morgen erreichen musst oder die unangenehmen Dinge, die geschehen könnten, sondern das, was jetzt passiert, sodass man wirklich das Leben, das man nun einmal bekommen hat, lebt. Ohne Angst davor, wie andere leben und ohne den Wunsch, anderen nachzueifern – dadurch werden Frustration und Unglücklichsein vermieden.

Was das Unterrichten von Kriya Yoga betrifft, so wird einem diese Aufgabe anvertraut, man bekommt die Erlaubnis und man wird darauf vorbereitet und getestet – über das hinaus, worin selbst eine umfassende Yogalehrerausbildung ansonsten besteht. Gerade deshalb sind es bislang nur Swamis, die in der Tradition lehren, in der ich es gewählt habe zu unterrichten.

Früher war Kriya Yoga nur für uns Swamis, es war unsere Meditation. Er war geheim und wir gebrauchten ihn für uns selbst. Er wurde an keine anderen als diejenigen weitergegeben, die Sannyasa genommen hatten.(Swami Satyananda)

Das war, aus Anlass meines 25-jährigen Jubiläums und dem der Schule, ein wenig über mein Leben als Yogi und die Bedingungen für den Unterricht von Kriya Yoga.

In den folgenden Artikeln dieser Serie werde ich mehr über Kriya Yoga selbst und über die Bedingungen, um es zu erlernen, berichten. Etwa über Stille und warum wir während der Einweihung mindestens 21, besser noch 33 Tage ununterbrochen schweigen, siehe unten.

Dieser Artikel erschien erstmals1995 und wurde im Sommer 2010 überarbeitet und erweitert. Er enthält viele Links. Wenn du ihn ausdruckst oder die PDF- Version herunterlädst werden die Links nicht angezeigt.

Hier sind alle Artikel in dieser Serie:
Kriya Yoga – Eine Brücke zwischen der inneren und der äußeren Welt

Kriya Yoga – Zur Tiefe Deiner Natur

Zeit zum Lernen … Zeit zur Einsicht … Zeit zum Unterrichten …

Über Sadhana, über Zyklen in Heilung und Lernen, und über das Schweigen während der Einweihung in Kriya Yoga

Treibhaus, Prozess und Ritual – Über das Einweihen und eingeweiht werden in fortgeschrittenes Kriya Yoga 

Einladung zum Phönix, Malerei von Leif Madsen, Dänemark

Erlebe ein Feuer, das durch deine Gestalt hindurch brennt, von den Zehen nach oben, bis der Körper zu Asche verbrennt, aber du nicht. (Vigyana Bhairava Tantra)

Literaturnachweis:
„Das Herzensgebet, Mystik und Yoga der Ostkirche”, Otto Wilhelm Bart Verlag, 1955.
„Ein Flüchtling kreuzt seine Spur”, von Aksel Sandemose. Volk und Welt.
„All Men Are Brothers, (Autobiographical Reflections)“ von Gandhi. Continuum, New York.
„Das Glasperlenspiel”, ein Roman von Herman Hesse. Suhrkamp Verlag, 1962.
„Paul Klee, Handzeichnungen III, 1937-1940”, von Jürgen Glaesemer. Kunstmuseum Bern, 1979, Paul Klee-Stiftung.
„Tagebücher von Paul Klee, 1898-1918”, Verlag M. DuMont Schauberg Köln, 1957.
„The Mime”, von Jean Dorcy, das Kapitel „The Tragic Mime”, von Jean Louis Barrault. 1961. Das Original ist auf Französisch.
„Die wortlose Sprache – Lehrbuch der Pantomime”, von Jean Soubeyran. Friedrich Verlag. 1963.
„Der Weg des Schamanen” von Derib; Teil 2, „Der Sonnentanz”. Herausgegeben von ComicArt im Carlsens Verlag, Hamburg, 1991.
„Sri Aurobindo or the Adventure of Consciousness”, von Satprem. Sri Aurobindo Ashram, 1968.
„Sannyasa Tantra“ von Swami Satyananda Saraswati. Bihar School of Yoga, Monghyr, aus den 1970er Jahren.
„Zurück zur Erde: Der Mensch, die Landschaft und das Gleichgewicht der Natur“ von Peter Nilson. Luchterhand Literaturverlag GmbH, 1996.
„Mein Onkel aus Amerika / My American Uncle – Mon Oncle D’Amerique“ ein Film von Alain Resnais, Frankreich, 1980.
„Vigyana Bhairava Tantra” ist Teil von „Ohne Worte – ohne Schweigen“ von Paul Reps, . Er nennt es „Auf die Mitte zu”. O.W. Barth Verlag, 1993.
„Leaves of Grass” von Walt Whitman, 1855.
„Meditative Techniques in Psychotherapy” von Wolfgang Kretschmer, herausgegeben in „Altered States of Consciousness” by Charles T. Tart, 1969.